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Ein (fast) vergessenes Jubiläum

Den 500. Jahrestag des Wittenberger Thesenanschlags hat die Evangelische Kirche 2017 groß begangen. Gefeiert wurde ein theologischer Durchbruch, auch wenn fraglich bleibt, ob Luther wirklich den Hammer geschwungen hat und immer mehr dafür spricht, dass der „Durchbruch“ geistesgeschichtliche Grundlagen hat, die weit ins Mittelalter zurückreichen und zeigen, wie sehr der Reformator diesen Gedanken verbunden geblieben ist. Nun gibt es wieder etwas zu feiern – und keiner geht hin. Und das liegt denkwürdiger Weise nicht nur an Corona.

Am 17. und 18. April 1521 steht Martin Luther nämlich in Worms vor dem jungen Kaiser Karl V. Der fordert ihn im „Reichsinteresse“ (das im Kern sein eigenes ist) und auf Druck des Papstes ultimativ auf, seine reformatorischen Schriften zu widerrufen. Der Kaiser will Ruhe im Reich, um sich außenpolitischen Problemen widmen zu können. Da ist der Wittenberger Mönch eine (lästige) Randfigur auf großem Spielfeld.

Aber er wurde beachtet und auf dem Weg nach Worms von vielen gefeiert und jetzt ist sein Leben unmittelbar in Gefahr, obwohl er freies Geleit hat. Doch wie weit würde das tragen? Jan Hus, dem böhmischen Ahnherrn der Reformation, war gut hundert Jahre zuvor auch freies Geleit zum Konstanzer Konzil gewährt worden – was die Akteure nicht daran hinderte, ihn mitsamt seinen Schriften auf den Scheiterhaufen zu bringen.

Nach einer Nacht Bedenkzeit ist Luther klar: ich kann nicht widerrufen. Ob er dabei die berühmten Worte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott stehe mir bei!“ wirklich sagt, ist unsicher und letztlich auch unwichtig. Wichtig ist seine Begründung: „Ich widerrufe nur, wenn ich aus der heiligen Schrift heraus widerlegt werde!“

Sicher ist: hier tritt neben den theologischen Durchbruch von 1517 der (kirchen-)politische, der im 19. Jahrhundert von der deutschen Kunst als besonders heroisch gefeiert wird.

Für Luther verändert sich alles: sein Ordensoberer und Lehrer Johann von Staupitz entlässt ihn aus dem Ordensgehorsam und gibt ihm seine theologische Freiheit zurück. Und auf dem Rückweg nach Wittenberg – ihm war noch freies Geleit zugesagt worden, was aber nicht viel bedeuten musste – wurde er auf die Wartburg „entführt“.

Joachim Lauterjung