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Bleiben Sie gesund – wirklich ein guter Wunsch?

In den Anfängen der Corona-Zeit habe ich öfter Post oder Mails bekommen, die mit einem guten Wunsch endeten: „Bleiben Sie gesund!“. Ich muss sagen, ich habe mich schwer damit getan. Natürlich habe ich die Absicht hinter einem solchen Wunsch geteilt. Es galt und gilt immer noch, aufzupassen, Menschen zu schützen und dem Corona-Virus Einhalt zu gebieten und ihm möglichst nicht zum Opfer zu fallen.

Persönlich habe ich allerdings nie mit einem solchen Wunsch eine Mail versendet. Warum? „Bleiben Sie gesund“ hat mich zu sehr erinnert an Aussagen wie: „Gesundheit ist das höchste Gut.“ „Ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Wenn ich mit einem Gruß der besonderen Art etwas abgeschickt habe, dann habe ich formuliert: „Bleiben Sie behütet.“

In der Bibel gibt es in einen ganz kurzen Brief einen Gruß des Briefeschreibers, der mich an aktuelle Corona-Wünsche erinnert hat. Im 3. Johannesbrief schreibt jemand in der Tradition des Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, an Gaius, einen leitenden Mitarbeitenden in den Gemeinden Kleinasiens. Gaius wird ermutigt, weiter seinen Glauben in Liebe zu leben und Gastfreundschaft zu üben. In der Gastfreundschaft für durchreisende fremde Wandermissionare bewährt sich seine Liebe und damit die Wahrheit des Glaubens. Das ist für den Autor ein Beleg für die Hinwendung zum Mitmenschen, zur Liebe am Nächsten. Ohne die wird der Glaube unglaubwürdig.

In Vers 2 wird eine damals häufig genutzt Grußformel benutzt: „Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit.“ Soweit alles ganz normal und alltäglich. Doch der Wunsch für Gaius wird erweitert: „Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht.“ Das ist nun wiederum eine überraschende Wendung und war damals nicht üblich. Die Gesundheit wird hier eingeordnet in einen größeren Zusammenhang.

Das gefällt mir. Denn was ist, wenn mit der Gesundheit nicht alles zum Besten steht? Was ist, wenn jemand an Corona erkrankt, vielleicht sogar schwer? Was ist mit denen, die lange, manche ein Leben lang mit gesundheitlichen Einschränkungen zu leben haben, völlig unabhängig von Corona? Ist dann alles hin, das Leben nicht mehr lebenswert?

Manche Äußerungen in Sachen Gesundheit und Leben mit Behinderungen haben mindestens solche Untertöne. Das halte ich für ziemlich gefährlich. Gesundheit und Krankheit sind doch eingebettet in die gesamte Lebensführung. Am Umgang mit ihnen zeigt sich die jeweilige Auffassung vom Leben. Ich kenne einerseits Menschen, die ganz stark gesundheitlich eingeschränkt sind – und doch sehr glücklich leben. Ich kenne andererseits Menschen, die keinerlei gesundheitliche Beschwerden haben – und doch tief unglücklich sind.

Die Formulierung „so wie es deiner Seele wohlergeht“ drückt für mich diese weiterreichende Dimension aus. Die Seele steht für das, was uns Menschen lebendig macht. Sie meint die übergreifende Beziehung zum großen Ganzen des Lebens, zu Gott. An dieser Beziehung entscheidet sich im Glauben mein Leben – und wie ich mit Gesundheit oder Krankheit umgehe. Nicht ein körperlicher Fakt als solcher ist ein Maßstab für Gesundheit. Wie sollte das auch gehen, sieht das, was mit „Gesundsein“ als Kind oder Jugendlicher gemeint ist, doch völlig anders aus als das, was Mitte 50 oder gar mit über 90 Jahren als gesund gilt. Gesundheit ist relativ, wie ich damit umgehe, ist entscheidend.

Ein wenig lässt sich dieser Sachverhalt auch an der Diskussion um die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation ablesen. In der Präambel der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation von 1948 wird definiert: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens (englisch: well-being) und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen. Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen, ist eines der Grundrechte jedes Menschen, ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.“

Als Aufforderung zur Gesundheitsförderung, als Aufgabe des Staates für ein umfassendes und vorsorgendes Gesundheitssystem war das eine bahnbrechende Definition. Sehr viel ist gerade in unserem Land hier erreicht worden. Und doch wird mir ganz anders, wenn ich mir ein Leben in Gesundheit nur als einen dauerhaften „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen  und sozialen Wohlbefindens“ vorstelle. Wer ist an einem solchen Idealzustand gemessen dann je gesund, von einigen Glücksmomenten im Leben abgesehen?

Im Lexikon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird dagegen als eine heute konsensfähige Definition von Gesundheit vorgeschlagen: „Gesundheit bezeichnet den Zustand des Wohlbefindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich psychisch und sozial in Einklang mit den Möglichkeiten und Zielvorstellung und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts von Risikofaktoren und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren als auch äußeren Anforderungen gelingt. Gesundheit ist ein Stadium, das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude vermittelt.“

Hier wird der dynamische Prozess betont, das Umgehen mit dem, was körperlich und psychisch, aber auch sozial und materiell mein Leben ausmacht. Darauf muss ich mich immer neu einstellen. So kann auch kurz vor dem absehbaren Lebensende ein Leben von Lebensfreude gekennzeichnet sein, auch wenn sich medizinisch nichts mehr machen lässt, wie es oft heißt. Diese Hoffnung finde ich im Wunsch „Bleiben Sie behütet“ wieder. Ich bringe damit Gott ins Spiel, nicht als Garant für Gesundheit, aber als Begleitung und Kraftquelle in allen Lebenslagen.

Diese Kraft des Glaubens hilft mir persönlich beim Umgang mit Krankheit und ihren Einschränkungen für das Leben. Wie wichtig christlicher Glauben aber auch für Institutionen im Gesundheitswesen ist, will ich abschließend an einem Beispiel deutlich machen. Die Krankenhäuser in Deutschland mussten gesetzlich vorgegeben harte Regelungen für Besucherinnen und Besucher anwenden, um den Schutz der Patientinnen und Patienten und der Mitarbeitenden zu gewährleisten.

Die Evangelischen Kliniken Essen-Mitte haben – trotz zum Teil erheblicher Widerstände – durchgehend den Zugang für Besucherinnen und Besucher offengehalten. Natürlich war dafür ein strenges Regelwerk nötig und ein abgesicherter und regelhaft evaluierter Prozess. Leitend war dabei die Überzeugung, dass für den Heilungsprozess die Besuche von An- und Zugehörigen von besonderer Bedeutung sind. Ihre Wirkung lässt sich medizinisch nicht bewerkstelligen. Doch gerade in kritischen Situationen, etwa wenn Patienten an Demenz erkrankt sind oder sich in der Sterbephase befinden, zeigt sich der Wert der sozialen Beziehung beim Umgang mit Gesundheit und Krankheit noch einmal besonders.

„Ich wünsche dir in jeder Hinsicht Wohlergehen und Gesundheit, so wie es deiner Seele wohlergeht.“ In diesem Sinne: Bleiben Sie behütet!

Andreas Müller