Dieser Beitrag wurde 112 mal aufgerufen

Beste Nachricht

Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. (Kolosser 2,14)

Dass sie mir die Geschichte erzählt hat, ist schon lange her, das, worum es in der Geschichte geht, noch viel länger. Aber ich hatte mir vorgenommen, es nicht zu vergessen, und bis heute ist mir das auch, dreißig Jahre lang, gelungen. Ich war Pastorin im Hilfsdienst in Düsseldorf und war unter anderem für den Arbeitsbereich Geburtstagsbesuche verantwortlich, die habe auch brav gemacht. Das war sogar oft ganz schön.

Bei einem dieser Besuche kamen das Geburtstagskind und ich auf den Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Sie erzählte ganz stolz von ihrem Vater und schüttelte zeitgleich den Kopf über dessen Zeitgenossen. Doch, man hätte manches von dem, was damals passierte, wissen können. Ihr Vater jedenfalls wusste manches und habe versucht Leid zu lindern und jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen zu helfen. Und dann erzählte sie, was für ein korrekter und liebenswerter Mensch ihr Vater war. Er hatte nämlich, und sie hatte es eben auch nicht vergessen, in seinem Testament festgelegt, dass alle, die ihm etwas schuldeten, im Falle seines Todes auf der Stelle schuldenfrei seien.

Nun könnte man ja sagen, naja, so dolle wird das schon nicht gewesen sein, aber es war wohl dolle. Ihr Vater war nämlich Schuster oder Kaufmann, ich weiß das nicht mehr so genau, und im Krieg hatten viele bei ihm anschreiben lassen. Er hatte ein großes Herz und einen wachen Blick für die Not der anderen und: er starb. Er starb vor der Zeit, wenn ich das so sagen darf. Noch während des Krieges oder kurz danach. Und da stand seine Frau – und auch sie: eine ehrliche Haut. Sie setzte um, was der letzte Wunsch ihres Mannes war. Sie verzichtete auf alle Außenstände ihres Mannes und, so sagte die Tochter: das ist ihr nicht leichtgefallen. Wir hatten doch alle selbst nichts. —

Damals, vor dreißig Jahren, als ich diese Geschichte hörte, habe ich mir nicht nur vorgenommen, für den Fall, dass mir mal jemand etwas schuldet, das in meinem Testament auch so festzuhalten: Ihr seid frei –. Sondern ich dachte auch an die Familie und dachte: Mensch, der hat denen auch ganz schön etwas zugemutet. Statt seine eigenen Leute gut abzusichern, verschenkt er noch das Geld.

Und dann dachte ich an die, die so plötzlich schuldenfrei geworden waren: wie erleichtert die wahrscheinlich waren, mit welcher Dankbarkeit sie sicher immer wieder an ihn zurückgedacht haben mögen und welche Chance vielleicht auch für den einen oder die andere in dieser Befreiung lag.

Und ich habe mir Geschichten ausgemalt von Menschen, die gar nicht mehr wussten, wie sie sich fühlen sollten, weil ihnen eine solche Last abgenommen worden war. Ich dachte an Familien, die plötzlich wieder Luft zum Atmen hatten und einen Plan, wie sie die nächsten Tage und Wochen finanzieren könnten. Ich dachte an… und spürte: So arg das damals für die Mutter des Geburtstagskindes war, mindestens so wunderbar war es für die anderen. Und vielleicht hat ja der eine oder die andere, dem die Schuld erlassen war, es auf eine andere Art gedankt. Mit irgendwas geholfen oder etwas vorbeigebracht oder oder…

Ihr hört: Mich hat das damals fasziniert. Dass eine etwas auf sich nimmt, damit andere frei von Schulden sind, und natürlich kommt mir dieses Frei-sein-Gefühl immer noch unbezahlbar vor. Warum ich das erzähle? Weil es in unserem Predigttext, der für den Sonntag Quasimodogeniti vorgeschlagen ist – Quasimodogeniti heißt übrigens: „Wie die neugeborenen Kinder“ – auch um die große Freiheit geht, darum, neu anzufangen, um die Übernahme bzw. das Erlassen von Schuld. Wir hören aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Kolossä:

Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus (Kolosser 2,12-15).

Diese vier Verse hier, die haben es richtig in sich. Allerhöchste Theologie hören wir oder auch die beste aller guten Nachrichten. Paulus legt dar, was die Taufe für uns Christinnen und Christen bedeutet. Zur Zeit von Paulus und wohl auch noch danach, in manchen Freikirchen und der Orthodoxen Kirche noch heute, konnte man das, was er sagt, bildlich nachvollziehen. Jedenfalls war es damals üblich, dass man in der Taufe untertauchte, also quasi „starb“, um dann wie neu geboren wieder aufzutauchen. Das kann man heute bei unseren Taufen allerhöchstens noch erahnen. Die wenigen Tropfen Wasser, die über die Köpfe der Täuflinge laufen, deuten das nur an.

Aber manchmal gibt es auch in unserer Kirche wieder den Ritus des Untertauchens. Im letzten Jahr sind zwei Kinder einer Freundin von mir in der Ruhr getauft worden. Das werden sie sicher nie mehr vergessen. Beide sind schon älter. Irgendwas über zwölf Jahre. Beide haben sich eigenständig entschieden. Die Eltern sind fromm. Jedenfalls ging es in voller Montur in den Fluss, dann tauchten beide während der Taufe wirklich unter und tauchten wieder auf. Klatschnass.

Und auch das wird in solch einer Taufe deutlich: reingewaschen sind sie. Aller Dreck schwimmt sozusagen weg und in der Taufe ist das jetzt kein Matsch, sondern unsere Schuld. Darum geht es Paulus: dass wir das wissen. Wir, die wir getauft sind, haben durch die Taufe, durch unser Bekenntnis zu Jesus Christus, ein ganz neues Leben angefangen. Wir sind reingewaschen. Wir waren tot, sind aufgetaucht zu einem neuen Leben. Können ganz neu anfangen. Ganz unschuldig unser Leben mit Gott beginnen… und weiterführen. Aber genau da liegt ja das Problem von uns Menschen, von wirklich jedem und jeder. Es ist gar nicht so einfach, ein wirklich gutes und gottgefälliges Leben zu führen.

Lieber Gott,
bis jetzt geht’s mir heute gut! Ich habe noch nicht getratscht und auch noch nicht meine Beherrschung verloren. Ich war noch nicht gehässig, fies, egoistisch oder zügellos. Ich habe noch nicht gejammert, geklagt, geflucht oder Schokolade gegessen.
Aber in ungefähr einer Minute werde ich aus dem Bett aufstehen und dann brauche ich wirklich Deine Hilfe.

Dieses Gebet kursiert zurzeit im Netz, und auch wenn man im ersten Moment darüber lächelt oder sogar lacht – eigentlich ist es nicht witzig. Weil es – jedenfalls was mich betrifft – die Wahrheit ist. Leider. Aber Gott kennt mich. Kennt auch dich, und er liebt. Und also hat er unsere ganze Schuld, all unsere Sünden, die gewesenen und die kommenden, genommen und ans Kreuz gehängt, ja, seinen Sohn hat er sterben lassen, damit wir frei leben, weiterleben wie die neu geborenen Kinder Gottes, wenn wir das auch wollen.

Aber das Kreuz bedeutet noch mehr, weil es nicht dabei blieb. Ostern liegt noch nicht so weit hinter uns. Da haben wir gefeiert, wovon Paulus hier spricht: Auferstehung. Der Tod ist besiegt. Nach dem Tod wird es weitergehen. Der Tod ist nicht das Ende für uns Christinnen und Christen.

Hohe Theologie ist das, was wir gerade gehört haben. Doch das, was Paulus hier formuliert hat, kann ich auch in dem schlichten Satz zusammenfassen: Gott hat uns so mächtig lieb, dass er uns alles verziehen hat, damit wir frei leben können!

Friederike Seeliger