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Das Unwort meines Lebens

Das Unwort des Jahres 2019 lautete: Klimahysterie. Das Unwort dieses Jahres wird erst im Januar 2021 gesucht. Mein persönliches Unwort des Lebens ist: Geduld. Und das ist es nicht, weil ich Geduld nicht mag oder nicht sinnvoll finde oder damit nichts anfangen kann, sondern das ist es, weil ich damit allergrößte Schwierigkeiten habe.

Ich bin leider kein besonders geduldiger Mensch. Vor allem nicht mir selbst gegenüber – manchmal kann man mich mit mir selbst schimpfen hören, weil ich mir selbst zu langsam bin, manches nicht schnell genug auf die Reihe bekomme, dann erlebt mich aber auch ungeduldig im Umgang mit anderen. Bei Fremden nehme ich mich meistens sehr zurück; die eigenen Leute aber können meine Ungeduld leider oft spüren. Die Lebensweisheit: „In der Ruhe liegt die Kraft“ ist mir überhaupt nicht fremd, geht mir oft auch leicht über die Lippen, aber wirklich beherzigen tue ich diese Weisheit nicht. Leider!

Ich bin da nicht allein. Wenn ich so durch die Klinik laufe, mit der ein oder dem anderen Patienten ins Gespräch komme, dann wird deutlich: Geduld zu haben ist ein gesellschaftliches Problem. Die wenigsten Menschen haben sie. „Sie müssen Geduld haben.“, ein Satz, der vielen Medizinerinnen und Medizinern locker über die Lippen geht, auf Patienten und Patientinnen trifft, die alles sind, aber nicht geduldig.

Wer will schon gefühlt stunden- und tagelang auf Untersuchungen warten, wer träumt nicht davon, dass mit der ersten Tablette alle Beschwerden verschwunden sind, wer hofft nicht, dass nach einer Operation alles schnell wieder gut wird?

Und auch jetzt, wer von uns wartet nicht ungeduldig darauf, dass eine Impfung oder wenigstens Medikamente gegen Covid-19 gefunden werden, damit alles wieder „normal“ wird?

Geduld, nicht nur das Unwort meines Lebens, sondern eben auch eine Herausforderung für viele andere Menschen und tatsächlich wird es, so stelle ich traurig fest, mit zunehmendem Alter – zumindest bei mir – nicht wirklich besser, sondern tatsächlich schwieriger, weil ich jetzt auch noch immer langsamer werde. Ein Kreislauf, aus dem sich auszubrechen lohnt.

Zunächst einmal aber habe ich innerlich mit den Augen gerollt, als ich den Predigttext für den 2. Advent zur Kenntnis genommen habe, zunächst, aber dann… Doch hören Sie selbst. Der für den 2. Advent vorgeschlagene Predigttext ist aufgeschrieben im Brief des Jakobus‘, im 5. Kapitel, Verse 7und 8:

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Ja, was soll ich sagen? Das ist mal ein Text, der so richtig gar nicht zu mir passt. Zweimal werde ich aufgefordert, geduldig zu sein, einmal wird mir der Bauer als leuchtendes Beispiel vor Augen geführt und alles in allem werde ich nur daran erinnert, was ich alles nicht bin.

Gerade das Beispiel mit dem Bauern hat mich in Kindertage zurückversetzt, wo mir jemand einen kleinen Kaktusableger  geschenkt hat. Ganz stolz bin ich mit diesem kleinen Knübbelchen – mehr war es gar nicht – nach Hause gekommen und habe es stolz meinem Vater gezeigt, der in unserem Hause derjenige war, der den grünen Daumen hatte. Gefreut hat er sich für mich und mir diesen Ableger eingepflanzt, in besondere Erde, damit der Ableger eine Chance hatte und mich ermahnt, das Teil nicht tot zu gießen.

Gut, das mit dem Gießen habe ich beherzigt, aber ich war ungeduldig, sehr ungeduldig. Immer wieder habe ich nachgeschaut, ob der Ableger schon Wurzeln bekommen hat… Wie ich das gemacht habe? Ich habe das kleine Teil immer wieder aus der Erde gerupft um nachzuschauen… Ich werde keine Bäuerin, schon keine geduldige!

Und das andere, das mit dem Warten – oh je. Jetzt im Advent wird ja gewartet, gewartet auf Weihnachten, auf das Kommen des Herrn. Haben Sie als Kind auch die Adventskalendertürchen schon mal im Vorfeld kontrolliert?

Wir hatten so kleine Säckchen, die an einem Band aufgereiht an den Türen unseres Flurs hingen… Ich kann Ihnen sagen, da war unter fünf Kindern nur wenig Geduld abzuwarten, bis jedes Säckchen dran war, da wurde abgefühlt und gerochen, was das Zeug hält… Also auch in frühen Kindertagen eine Menge Ungeduld und ich hoffe jetzt, dass Sie mich ein wenig verstehen, dass Sie es aber anders erleben oder aber, mit Hilfe des Predigttextes und mir versuchen möchten, Geduld zu üben – und diese auch zu genießen!

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, wie ein Bauer, bis zum Kommen des Herrn.

In Kindertagen habe ich es gelernt, dann wieder erfolgreich verdrängt. Es braucht Geduld. „Alles, was Hand und Fuß haben soll, braucht mindestens neun Monate“ hat mal ein katholischer Kollege zu mir gesagt und dabei freundlich gelächelt.

Dinge, die gut werden sollen, Ansichten, die reifen sollen, Erwartungen, die auf Lebensveränderung aus sind, all das braucht Zeit, kann nicht übers Knie gebrochen werden. Mein kleiner Kaktus hätte es mich lehren können, aber auch das Warten auf einen Impfstoff lehrt es uns.

Es braucht für alles seine festgesetzte Zeit und wir tun gut daran, uns immer wieder daran zu erinnern. „Alles hat seine Zeit“ sagt der Prediger. Und das heißt nicht nur, dass alles seinen festgesetzten Zeitpunkt hat, sondern eben auch, dass alles Reifen und Wachsen, alles Entstehen und Gelingen Zeit benötigt.

Und wenn es gut werden soll, wenn es halten soll, wenn es nicht nur für mal eben jetzt sein soll, dann braucht es Zeit. Wir wissen das alle. Haben es in den verschiedensten Zusammenhängen gelernt: Mal eben schnell ist in der Regel mal eben schnell schlecht, nicht haltbar, nicht tragfähig, nicht zukunftsweisend.

Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Und ein Zweites ist wichtig und genau das hilft mir, aus dem Kreislauf der Ungeduld auszubrechen: Geduldig sein heißt nicht: nichts tun. Geduldig sein ist keine verplemperte Zeit. Geduldig sein ist nicht umsonst. Wer wartet, wer sich die nötige Zeit nimmt, wer Geduld hat, der kann die Zeit nutzen.

Wenn mir der Zug nicht schnell genug kommt, wenn meine Verabredung auf sich warten lässt, wenn ich selbst nicht schnell genug bin: immer kann ich diese Zeit nutzen, zum mich Vorbereiten und planen, zum Nachdenken oder auch das,  was sonst noch anliegt, ich muss jedenfalls nicht untätig sein. Oder ich kann die Wartezeit einfach genießen, mein Leben entschleunigen, Kraft sammeln, für das, was noch kommt.

Seid geduldig und stärkt eure Herzen, so ermahnt Jakobus, das heißt doch, ich soll in Erwartung sein, mich vorbereiten, mich konzentrieren auf das, nein, in diesem konkreten Fall, auf den, der da kommt.

Jetzt in der Adventszeit ist es besonders schön, fürs ganze Leben zu lernen: Nicht wie die kleinen Kinder schon mal alle Säckchen abfühlen, hinter die Türchen gucken, nicht warten können – nein. Sondern: Jeden einzelnen Tag als Chance begreifen, sich vorbereiten, Vorfreude aufbauen, sich auf Gott fokussieren, mein Leben auf ihn ausrichten und es danach gestalten.

Gott hat nicht gesagt, dass ich immer schnell-schnell machen soll, aber er wünscht sich von mir, dass ich mein Leben nach ihm ausrichte und ihn erwarte, nicht nur in der Adventszeit. Deshalb: Seien wir geduldig. Warten wir geduldig, stärken wir unsere Herzen, nutzen wir die Zeit und rechnen wir jederzeit mit seinem Kommen.

Amen.

Friederike Seeliger