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Zeit zu hamstern!

Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag – der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat. (Matthäus 6,34)

Die allgemeine Verunsicherung, die wir gerade spüren, zeigt sich deutlich in unserem Kaufverhalten. Lieber alles zu Hause haben. Dann kann ich für mich sorgen. Gestern beim Einkaufen traf ich auch Menschen, die ihren Einkaufswagen weit über den Rand gefüllt hatten, Verkäuferinnen die uns mit den Worten verabschiedeten: „Alles Gute, hoffentlich werden wir alle das überleben!“

Die Worte klingen in mir nach. Manche Menschen erlebe ich auch wie in einer Schockstarre. Immer wieder höre ich Fragen und fühle mich auch selbst überrollt von der Geschwindigkeit der Ereignisse: Wie wird es weitergehen? Welche Einschränkungen werden die nächsten sein? Werde auch ich, werden meine Lieben krank werden? Sterben? Wie wird mein Leben im Herbst aussehen?

So lange hatten wir uns in Sicherheit gewähnt. Seit Beginn dieser Woche erleben wir von heute auf morgen das Gegenteil: schwerwiegende Unsicherheit und spürbare Einschränkungen unseres Alltags. Als hätte man uns den Boden unter den Füßen weggezogen.  Eigentlich spenden wir uns in solchen Situationen gegenseitig Trost und Nähe, nehmen uns in den Arm, halten und bleiben zusammen. Stattdessen gilt jetzt die Regel: Soziale Kontakte sind auf das Allernötigste zu beschränken. Das tut in der Seele weh. Manche fühlen sich einsam und allein.

Diese Sorgen und Nöte und Gefühle sind ganz konkret. Sie drängen und bedrängen uns.

Deshalb hilft es mir innerlich einen Schritt zurück zu treten. Einmal tief durchzuatmen. Das Dunkle in kleine, aushaltbare Portionen zu teilen: Was ist gerade das Schlimmste für mich?

Kann ich das jemandem am Telefon oder übers Internet erzählen?

Wie kann ich jetzt jemandem nah sein?

Als Christin meldet sich immer wieder ein Gedanke in meinem Kopf: Es ist Fastenzeit. Zeit fürs Wesentliche. Nein, ich rede hier bewusst nicht vom Verzichten, sondern davon, mir selber jetzt etwas für meine Seele zu gönnen. Denn fasten bedeutet aus dem Englischen übersetzt auch: „sich festigen“, neuen Halt gewinnen. Was ist für mich jetzt das Wichtigste? Sorgen und Ängste sind da. Was tut mir jetzt gut? Was stärkt mich?

Mir selber tut es gut, mir jeden Tag eine Auszeit nur für mich selbst zu nehmen. Auf dem Balkon zu sitzen, zu lesen. Geschlossene Geschäfte und Cafés können auch ein Geschenk sein. Geschenkte Zeit nur für mich mit mir selber. Zeit für mein Tagebuch. Zeit für Gedanken, die ich sonst nie weiterdenken kann. Zeit zum Aussortieren von Gegenständen und Erinnerungen.

Ein Bibelwort begleitet mich dabei: Es steht im Matthäusevangelium: „Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag – der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat“ (Matthäus 6,34). Mit anderen Worten: heute kümmere ich mich um das, was jetzt ist. Was morgen sein wird, können wir ja gar nicht wissen. Ich lasse los. Befreie mich.

Deshalb habe ich mir für meine persönliche, ganz besondere Fastenzeit überlegt: nicht Sachen will ich hamstern, sondern Zeit. Und Vertrauen. Vertrauen darauf, dass wir in Gottes Hand geborgen sind.

Alice Lorber