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Wer sein Herz weitet, verändert die Welt – und gewinnt Gott

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! (Jesaja 58,7)

Als ich neulich unser Haus verlassen habe, da wäre ich beinahe beim Schließen der Haustüre über einen kleinen Karton gefallen, der dort stand. Mal wieder hatte jemand im eigenen Haushalt aufgeräumt, seine Siebensachen gesichtet und manches für überflüssig, aber nicht weg-schmeiß-gerecht befunden und das getan, was ich jetzt immer öfter beobachte, es in eine kleine Kiste gestellt und mit dem Vermerk „zu verschenken“ versehen.

Abends, als ich wieder heimkam, war die Kiste bis auf ganz Weniges geleert. Ich muss gestehen: Das finde ich klasse. Offensichtlich entfernen wir uns ganz langsam von einer Wegwerfgesellschaft hin zu einer, die nachhaltiger leben möchte, ressourcenorientierter, wie das heute auf Neudeutsch heißt. Die jedenfalls bereit ist abzugeben, zu verschenken und, wie ich aus dem Bekannten- und Familienkreis wahrnehme: das alles hat nichts mit Almosen zu tun, sondern wirklich mit Nachhaltigkeit.

Eine Freundin von mir freut sich über Schnäppchen aus dem Diakonieladen, die Großcousine meines Mannes läuft regelmäßig an diesen neuen Bücherschränken vorbei, mal stellt sie etwas hinein, mal besorgt sie sich dort ihre Gute-Nacht-Lektüre, und auch ich habe schon etwas vom Geben-Nehmen-Regal mitgenommen und natürlich auch schon manches drauf gestellt… Es scheint sich etwas zu tun in unserem Lande und darüber freue ich mich sehr!

Zweite Szene: Schon von weitem sehe ich ihn, er ist auch nicht zu übersehen: Mitten auf dem Bürgersteig hat er sich platziert, streckt seine nicht ganz saubere Hand jedem entgegen, der an ihm vorbei muss. Innerlich wappne ich mich schon. Noch ehe ich ihn erreiche, bin ich irgendwie genervt. Dieser Mensch stört meinen fröhlichen Samstagvormittag, ich wollte mal nicht an das Elend dieser Welt erinnert werden und im Stillen denke ich: Mensch, der ist doch selber schuld. Ein gesunder erwachsener Mensch, der könnte doch vielleicht auch arbeiten… und wenn er das nicht tut, unser Sozialsystem ist doch so gut, der müsste doch eigentlich sanft und sicher aufgefangen werden…

Als ich ihn erreiche, sage ich nur laut und deutlich: NEIN! Danach bin ich mal wieder länger mit mir beschäftigt, weil ich mich vor mir selber rechtfertige: Drogen willst du nicht finanzieren, der sah nicht ganz nüchtern aus, wo fängst du an und wo willst du aufhören? Du kannst nicht die ganze Welt retten! Aber es lässt mich nicht los. Die Frage, was soll man, was soll ich tun? Was ist richtig?

Dritte Szene: Nach einem langen Arbeitstag hocke ich mit meinem Mann vor dem Fernseher und mache das, was ich „den Fernseher leer gucken“ nenne. Ich bleibe einfach sitzen, anstatt ins Bett zu gehen, wo ich viel besser aufgehoben wäre: Doch da kommt dann wirklich etwas, das mich interessiert. Eine kleine Reportage über New York, der Stadt, die mich, seit ich das erste Mal dort war, fasziniert. Ein Immobilienmakler aus Deutschland wird dort bei seiner Arbeit begleitet. Was sofort deutlich wird: Der hat sein Leben gemacht. Der ist an der Spitze angekommen, denn er makelt nur Wohnungen in New York, die im allerobersten Preissegment angesiedelt sind.

Die vielen Nullen, um die es da geht, kann ich mir schon nicht mehr vorstellen. Nebenkosten einer Wohnung: höher als mein Gehalt, da haste noch nicht gelebt – schießt es mir durch den Kopf… und dann, sozusagen als Negativ: eine Frau in New York, die nicht weiß, wie sie über die Runden kommen soll. Fleißig ist sie, sie arbeitet, nicht wenig, aber sie kann sich keine Wohnung erlauben. Sie muss in einer Sozialunterkunft leben. Und sie ist nicht die einzige, das jedenfalls lerne ich in dieser Reportage; da wird dann noch eine Frau gezeigt, die in ihrem Auto leben muss, auch sie keineswegs arbeitslos.

Und während ich da so zuschaue denke ich: das ist Sünde! Das darf nicht sein. Menschen, die arbeiten, die müssen leben können, wohnen und essen können… und ich denke an die vielen Millionen Dollar, die eine Wohnung kosten, und die sich offensichtlich auch viele leisten können und ich bin fassungslos und will mal wieder nicht glauben, was ich sehe und lerne dann auch noch: Auch hier in Deutschland scheint es in manchen Städten  in die gleiche Richtung zu gehen.

Heute ist Erntedank, Zeit also, um über die eigene Ernte, das eigene Soll und Haben nachzudenken, um den Umgang damit. Das machte auch der Predigttext, der für Erntedank vorgeschlagen war und beim Propheten Jesaja steht:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne“ (Jesaja 58, 7-12).

Ich will nicht schwindeln. In diesem Text geht es nicht um mich, es geht auch nicht um rechte Dankbarkeit nach einer Ernte, sondern es geht um das rechte Fasten und angesprochen ist das Volk Israel, genauer das Haus Jakob. Und doch wird in diesem Text der Wille Gottes so deutlich, dass es mir schwer fallen würde, seine Stimme zu überhören. Und was er sich wünscht, ist auch deutlich.

Es geht Gott um ein ehrliches Leben, das heißt, ihm liegt nicht daran, dass ich so tue als sei ich ein gläubiger Mensch, nach außen hin bin ich ganz fleißig mit religiösen Übungen, besuche Gottesdienste, bete regelmäßig, verrichte vielleicht sogar meine geforderten Opfer ganz ordentlich, – heute spende ich dann gelegentlich – aber innen drin ist mir das alles nicht so wichtig.

Innen drin laufe ich an der ausgestreckten Hand vorbei, ignoriere, dass Dinge, die ich nicht mehr brauchen kann, anderen Freude machen könnten oder sogar nutzen, mach mit bei horrenden Preissteigerungen im Mietsektor und nehme meine Verantwortung zugunsten anderer nicht wahr.

Ich kenne diesen Jesajatext, immer wieder ertappt er mich, immer wieder denke ich, aber… aber… die vielen ausgestreckten Hände kannst du nicht alle füllen; aber… ein paar von denen sind doch selber schuld; aber… der hat doch bestimmt genug Geld zum Leben vom Staat; aber… der ist doch süchtig; aber…

Ja, es gibt ganz viele Abers, aber Gott ist hier ganz eindeutig: Ich soll Hungernden zu essen geben, Obdachlosen ein Haus, Frierenden etwas zum Anziehen. Und vor allem soll ich eben nicht mit dem Finger auf die zeigen, denen es schlechter geht als mir, ich soll sie nicht beurteilen und verurteilen, ich soll einfach mal still sein und sie mein Herz finden lassen.

Ja, ich weiß, ich kann sie nicht alle retten und vielleicht ist manchmal die verweigerte Hilfe am Ende die eigentliche Hilfe, weil sich dann jemand neu besinnen muss, aber ich muss helfen, diese Strukturen zu schaffen, ich muss mein Herz im Griff haben, in beide Hände nehmen und vor mir hertragen.

Und ja, vielleicht war dieser Mensch am Samstagmorgen nicht ganz nüchtern und auch nicht ganz sauber, aber dann hätte ihm ein Brötchen sicher gut getan und vielleicht auch ein Kaffee, obwohl der beim Alkoholabbau hinderlich wäre, aber dieser Mensch hätte etwas gespürt von meiner Menschenliebe, von Gottesliebe, die durch mich hindurchfließt…

Und wissen Sie was? Auch da ist Gott ganz deutlich: Wer das alles tut, wer sein Herz weit macht und seine Finger nur zum Helfen nutzt und nicht zum Draufzeigen, dem ist Großes verheißen: Gott ist dann bei mir. Er hört mich, wenn ich rufe, er passt so auf mich auf, wie ich auf andere aufpasse und ich werde keinen Mangel leiden.

Lassen Sie uns einander immer wieder daran erinnern und dazu ermuntern, die Liebe zu unseren Mitmenschen zu leben, Not zu lindern, einander zu helfen und beizustehen, schon das wird zur Veränderung unserer Welt beitragen. Amen.

Friederike Seeliger

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