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Symphonie und Chor im Neuen Testament

„Ich will mich auf den Weg machen und heimkehren zu meinem Vater: denn ich habe Unrecht getan, Vater, gegen den Himmel und vor deinem Angesicht und ich verdiene nicht mehr, dass du mich Sohn nennst. Lass mich Tagelöhner bei dir sein. Und er kehrte nach Hause zurück, und der Vater sah ihn von weitem, wie er näherkam, und sein Herz zog sich zusammen, er lief, so schnell er konnte, winkte dabei, fiel dem Sohn um den Hals, küsste ihn und hatte ihn lieb.

Der Sohn aber sagte zu ihm: „Vater, ich habe Unrecht getan gegen den Himmel und vor deinem Angesicht und verdiene nicht mehr, dass du mich Sohn nennst.“ Aber der Vater rief seine Knechte herbei: „Auf! Bringt den Rock, meinen schönsten, und kleidet ihn an, diesen Sohn! Streift ihm einen Ring über den Finger und gebt ihm Schuhe. Bringt rasch das Mast-Kalb. Schlachtet es und bereitet das Opfer! Wir wollen Mahlzeit halten und feiern und alle sollen sich freuen: Denn mein Kind war tot und ist lebendig geworden; es ging verloren und ist wiedergefunden.“

Und so begann das große Fest. Der ältere Sohn aber war auf dem Feld bei der Arbeit, und als er nach Hause kam, hörte von weitem Tanz und Musik… (Lukas 15,18-26; übertragen von Walter Jens: Und ein Gebot ging aus. Das Lukas-Evangelium, Radius Verlag 1991, S.104f).

Der sehr bekannte Altphilologe und Rhetorikprofessor, 2013 verstorben, trifft den „Nagel auf den Kopf“, wenn er die nur hier im Neuen Testament vorkommenden Worte „symphonía“ mit Musik, „chorós“ mit Tanz überträgt.

Der Kontext dieses Textes ist sicher vielen vertraut: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder von den beiden Söhnen ist für mich das eindrücklichste, schönste, und „evangelischste“ der vielen Gleichnisse Jesu Christi. Das ist wirklich Evangelium pur, Gute Botschaft. Hier dominiert die Freude, nicht die auch zum Zuge kommende Miesmacherei. Zählen Sie mal ab, wie oft die Worte „Freude“ und „fröhlich sein“ sein in Kapitel 15 vorkommen – achtmal. Und einen freudigeren Menschen als den Vater kann man sich gar nicht vorstellen. Er ist die Personifikation der vergebenden Barmherzigkeit und Liebe. Der entscheidende Satz ist: „So sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut“ (Vers 10).

Martin Luther übersetzte bekanntlich 1521/1522 auf der Wartburg als Junker Jörg das Neue Testament in wenigen Monaten vom Griechischen ins Deutsche. Im September 1522 ist seine Übersetzung in Wittenberg erschienen; in der ungeheuren Auflagenzahl von 3.000 Exemplaren.

Wie übersetzt er dort „symphonía“ und „chorós“? …“horet er das gesenge und den reygen“ (Vers 25). In der Übersetzung der Lutherbibel-Ausgabe von 2017 bleibt es dabei: „…hörte er Singen und Tanzen“.

„Symphonie“ und „Chor“ sind zwei inhaltsschwere Worte mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen. Das Wort „Symphonie“, wörtlich „der Zusammenklang“, kommt schon bei Platon vor. Das noch ältere Wort „Chor“, wörtlich „der Reigen“, „Chor-Tanz zu Ehren einer Gottheit“, findet sich schon bei Homer.

Im Verständnis der Symphonie werde ich als erstes ein nicht so bekanntes Phänomen behandeln: ein historisch-politisches. Es geht um die symphonische Beziehung zwischen Kirche und Staat, welche die Orthodoxie vor allem im Osten geprägt hat. Kaiser Konstantin (4. Jh.) und Kaiser Justinian (6. Jh.) sind die Wegbereiter dieser Synthese, wenn ich so sagen darf. Kaiser Basileios I. (9. Jh.) beschreibt diese sehr schön: „Die weltliche Macht und die Geistlichkeit verhalten sich zueinander wie Leib und Seele und sind für die staatliche Ordnung ebenso unentbehrlich wie Leib und Seele im lebendigen Menschen. In der Verbindung sowie dem Einvernehmen zwischen ihnen liegt das Staatswohl begründet.“

Also im harmonischen „Zusammenklang“ sollen sich Kirche und Staat die Herrschaft über die Gesellschaft zu ihrem Wohle der Menschen teilen. In der Sowjetunion ist das mit der russischen Orthodoxie und dem kommunistischen Staat nicht immer so einfach gewesen – gelinde gesagt. Doch es bemühen sich heute auch Staaten rechtschaffen darum, diese Symphonie mit der demokratischen Staatsform nicht in Antithese, sondern in Synthese zu verwirklichen.

Welch ein weiter, bald zweitausendjähriger Weg ist es von der Musik, dem Musizieren  (Symphonía) im Neuen Testament bis, zum Beispiel, zum Symphonie-Orchester unserer Tage! Auch „nichtmusische Menschen“ können das erahnen. Und das in den gerade auch für die Musik höchst kritischen Corona-Zeiten! Auf diesen langen Weg werfe ich um der Kürze der Beiträge willen wie immer nur einzelne Blicke:

Platon im 5./4.Jh. v. Chr. hält eine wunderbare Definition bereit: „die harmonía ist die symphonía“ (Symposion 187b). Als Theologe – und nicht als Musikwissenschaftler, der ich nicht bin – möchte ich behaupten, dass dieser Satz: „Harmonie ist die Symphonie“ vom Neuen Testament bis heute in der Musik Geltung hat. Dass es auch Disharmonien gegeben hat, sei damit natürlich nicht ausgeschlossen. Dem Bedeutungswandel von „Symphonia“ will ich hier nicht nachgehen. Johann Sebastian Bach leitet einige seiner Kantaten mit „Sinfonia“ (so geschrieben) ein und schrieb etliche dreistimmige Sinfonien für Klavier.

Das 18. Jahrhundert ist das unübertroffene Jahrhundert der Symphonie. Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven klingen schon gemeinsam wie eine unvergleichliche Symphonie. Die klassische Symphonie-Form als Orchestermusik wird durch sie geformt. Das ist ein Werk für Orchester ohne Solisten, das überwiegend aus drei oder vier, seltener fünf Sätzen besteht. Die berühmte 9., letzte Symphonie von Ludwig van Beethoven bricht mit diesem „Musik-Gesetz“ der Klassik. Im letzten Satz lässt der gehörlose Beethoven Solisten und Chor Friedrich von Schillers Ode an die Freude singen. „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium…“ ist von Leonard Bernstein beim Mauerkonzert am 25. Dezember 1989 im vierten Satz variiert worden in „Freiheit schöner Götterfunken“. Als Hymne Europas bekam beim Europa-Gipfel 2020 Platons „Harmonie ist Symphonie“ hochgradige Aktualität angesichts der Milliarden-Beschlüsse.

Das Phänomen des Chores wird uns schließlich kurz beschäftigen. „Chor“ bezeichnete seit Homer (8. Jh. v. Chr.) die Tanzgruppe und den mit Gesang verbundenen Tanz, vor allem Kulttanz zu Ehren einer Gottheit. Der Dithýrambos ist ein Wechselgesang, in dem der Chor den Refrain zu Ehren des Diónysos sang. Der Chor der klassischen, griechischen Dramen setzte sich aus „Choréuten“, Chorsängern, zusammen. Zunächst zwölf, bei Sophokles fünfzehn, in der klassischen Komödie des 5. Jh. v. Chr. vierundzwanzig.

Bei Sophokles kommentierte der Chor das Geschehen im Drama und untermauerte alles in ethischer Blickrichtung. Was die Schauspieler so nicht sagen konnten, drückte  der Chor aus. Der Chor sang die Texte, sprach aber auch unisono. Das hätten wir liebend gern einmal gehört. Ebenso hätten wir die tragischen und komischen Masken, die Schauspieler und Chorsänger zur Verstärkung der Akustik trugen, gern realiter gesehen.

Nun denn: in der Moderne nimmt der „chorós“ gewaltige Züge mit der Zahl der Sängerinnen und Sänger und an Stimmvolumen an. Das ist ein komplexes Phänomen: gemischte Chöre, Frauenstimmen und Männerstimmen in verschiedenen Stimmlagen, gleichstimmige Chöre, Frauenchor, Männerchor, Kinderchor. Aber vom Reigen-Tanz ist nicht viel geblieben. Alles ist Singen.

Und was ist uns heute in der todernsten Corona-Pandemie beschieden? Wir dürfen nicht singen und nicht tanzen. Wir hoffen inständig, dass wir es später wieder dürfen. Doch jetzt ist höchste Vorsicht geboten, die viele unserer heutigen Gesellschaft nicht einsehen. Wir hoffen mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dass uns große Freude  wieder beschert sein wird und wir dann wieder schöne Musik  hören – das können wir ja durch die großartige Technik – und dann auch wieder richtig gemeinsam singen in Kirchen, in Konzertsälen und anderen großen Hallen und in Gottes herrlicher Natur.  Ich bin überzeugt, dass es so sein wird.

Eckhard Schendel