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Sinnliche Adventszeit, lange Abende…

Die Freunde von hier lassen dich grüßen. Grüße die Freunde dort, jeden einzelnen! (3. Johannes 1,15)

Der Duft von Orangen und Zimt, das Knuspern von Spekulatius, das Flackern der Kerzen am Adventskranz, der aufsteigende Dampf von Glühwein, die Spannung beim Öffnen der Türchen im Adventskalender und irgendwo leise Klänge alter Adventslieder…

Die Adventszeit kann so sinnlich sein! Mit Augen, Nase, Mund, Ohren und Händen sehen, schmecken, fühlen und begreifen wir den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Eine Zeit voller Sehnsucht, eine Zeit fürs Warten, eine Zeit fürs Backen und Vorfreuen. Wann wird es endlich Weihnachten? Wann verändert das kleine Kind in der Krippe die Welt? Wann legt das Schiff im Hafen an? Wann leuchtet der Stern hell für alle?

Die Abende sind lang, die Dunkelheit kommt früh und bei Kerzenschein und Plätzchen ist es drinnen ziemlich gemütlich. Da müsste eigentlich mal Zeit sein, dass du das hübsche Briefpapier aus dem schicken Laden rauskramst, das du mal voller Überschwang gekauft hast. Oder Zeit, dass du kleine Goldsterne ausschneidest, die Buntstifte übers Papier gleiten lässt oder dir die Finger beim Sternefalten verbiegst. Opa hat dir doch dieses kleine Linoldruckset geschenkt, auch damit lässt sich was machen. Und wenn du meinst, das sei zu viel der Kreativität, na dann kaufst du einfach ein paar hübsche Postkarten und schöne Briefmarken gleich dazu.

Und dann setzt du dich hin und schreibst. Einfach so. Mal ganz sinnlich, auf echtem Papier und nicht am Computer. Mit echter Tinte und nicht mit dem Fingergetippe am Handy. Mit Freude und Herzlichkeit. Du blätterst dein Adressbuch durch und überlegst, wer von dir Post bekommen soll. Deine alte Freundin im Seniorenzentrum; Luise, die so weit weg wohnt; der Witwer in dem großen Haus; die Oma oder wer auch immer. Du stellst dir vor, wie sie deine Postkarte im Briefkasten finden oder im Hausflur. Du siehst erst ihre Verwunderung und dann ihre Freude über deine Grüße. Ein gutes Gefühl!

An Luise schreibst du: „Liebe Luise, herzliche Grüße aus dem adventlichen Essen. Es ist kalt und dunkel draußen, aber drinnen leuchten die Kerzen und die Kekse knuspern. Ich habe heute einen Spaziergang durch den Wald gemacht. Die Bäume sind jetzt fast kahl, verblühte Stauden mit Tau im Sonnenlicht – das hat eine ganz eigene Faszination. Und dennoch denke ich an die vielen Blumenzwiebeln, die in der Erde schlummern und auf ihren großen Auftritt im Frühjahr warten. Vorfreude ist schön! Doch in unserem Vorgarten gibt es eine Blume, die blüht schon jetzt. Wie ein kleines Wunder, ein Zeichen gegen die Kälte, gegen das Grau und Braun – die Christrose! Sie ist wunderbarer als jeder Weihnachtstern, den ich im Übrigen eh immer zu wenig oder zu viel gieße… Liebe Luise, ich hoffe, du kannst die Adventszeit genießen. Hast auch mal Stille, spürst eine Sehnsucht, singst mit anderen fröhlich Adventslieder und lässt dir Plätzchen und Punsch schmecken. Eine sinnliche und spannende Zeit wünscht dir deine Freundin…“

Und wenn du dann die Karte oder den Brief in den gelben Kasten geworfen hast und ein neuer dunkler Abend auf den gestrigen folgt, dann nimmst du vielleicht mal die alte Kiste mit den Karten und Briefen an dich in die Hand und wanderst in Gedanken und Gefühlen durch die Jahre: Eine alte Glück- und Segenswunschkarte zur Konfirmation von deiner lieben Patin, die längst gestorben ist, ist noch da. Ein Liebesbrief von deinem damaligen Freund, eine kreischend pinke Plüschpostkarte von einem Wochenende aus Amsterdam, ein Brief in Schönschrift von deiner Freundin, eine uralte Urlaubspostkarte aus dem Schwarzwald von Julia aus deiner Grundschulklasse…

Menschen haben an dich gedacht und du denkst an sie. Eine Postkarte, ein Brief, manchmal nur ein paar Zeilen. Aber immer entsteht eine wertvolle Verbindung. Schreiben, das ist einen Gruß schicken, Danke sagen, auf Antwort hoffen, Trost senden, Mut machen, von Schönem künden, Freude teilen, Sonntagsgrüße schicken und Alltagsgrüße auch.

Schreib mal wieder!

Nele Winkel