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Leere Kirchen: Zeichen Gottes und Zeitansage

Massenhaft sind aus beiden Großkirchen im letzten Jahr die Menschen ausgetreten. Über eine halbe Million Kirchenmitglieder kehrten den Kirchen den Rücken. Ihre Plätze in den Kirchen bleiben leer oder waren es schon, weil sie sich innerlich von der Kirche schon länger verabschiedet hatten. Die Altersgruppe der 26jährigen bis 60jährigen, das sind die Steuerkräftigen, sehen keinen Sinn, der Institution Kirche ihr Geld anzuvertrauen. Damit bestätigt sich ein langer andauernder Trend: Die Kirchen werden in der Gesellschaft nicht mehr als wichtig wahrgenommen. Der Bedeutungsverlust ist gewaltig.

Und wie reagieren die betroffenen Kirchen? Es sind schmallippige Erklärungsversuche der Verantwortlichen. Eine Kirche, die auf ihren Bestand fixiert ist, kann nur sprachlos und konzeptionslos reagieren. Der Bedeutungsverlust der Kirchen ist in diesem Jahr mit der Corona-Pandemie nochmals deutlich ins Blickfeld geraten. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hält dies in seinem neuen Buch „Die Zukunft nach Corona“ (Seite 19) so fest:

„Erstaunlich ist ja, dass Gott und die Religionen in ihrer bekannten und institutionalisierten Form in dieser Krise kaum eine Rolle spielen. Die Kirchen sind leer, weil sie leer sein müssen, aber auch die Predigten im Internet wirken auf eine seltsame Weise entleert. Der einsam betende Papst im Petersdom wirkt verlassen, von Gott, aber mehr noch von sich selbst, von der Macht des Religiösen. Warum ist das so? Vielleicht liegt es daran, dass diese Krise tatsächlich eine andere Struktur, eine andere Konfiguration hat. Religiosität im klassischen, herkömmlichen Sinne berührt ja immer die Verlorenheit des Menschen, seine Hilflosigkeit. Aber in dieser Krise sind eher Krankenschwestern die Engel, Mediziner oder Laborforscher die Götter und die Virologen die Deuter.“

Leere Kirchen sind ein Zeichen Gottes und eine Zeitansage. Gerade jetzt in der Pandemiezeit nehme ich Gott als Kraftquelle wahr und gleichzeitig stellt sich für mich die Frage, ob die Zeit der leeren Kirchen nicht einen Ausblick in die nahe Zukunft darstellt. In ein paar Jahren könnten leere Kirchen die Regel sein.

Diese besondere Zeit könnte für die Kirchen eine Chance für die Zukunft bieten, wenn sie ernsthaft nach einer neuen Identität des Christentums sucht und daran arbeitet. Ihre Botschaft und ihre Lehre sind bislang darauf bedacht gewesen, dass die anderen umkehren müssen, als dass sie an ihre eigene „Umkehr“ gedacht hätte. Es braucht für unsere Kirche eine Wende vom statisch festgefahrenen Bestandsdenken hin zu einem dynamisch suchenden Christentum. Die jetzt erprobten Gottesdienstformen im Internet sind für mich keine Lösung. Sie sind eher künstlicher Ersatz für eine virtuelle Frömmigkeit, in der Körper und Geist getrennt leben. Da halte ich mich lieber an das Wort Jesu: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Matthäus 18,20).“

Dieses Jahr an Ostern waren viele Kirchen leer. Das Evangelium vom leeren Grab wurde sicherlich in Fernseh- und Internetgottesdiensten vermittelt und gelehrt. Doch die Leere der Kirchen steht eben auch als Metapher für das leere Grab. Dabei sollten wir nicht die österliche Stimme des Engels überhören: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa“ (Markus 16,6f). Wo können wir heute den lebendigen Christus begegnen? Wo ist dieses „Galiläa“ heute?

Ich glaube, „Christus“ und „Galiläa“ sind bei den Suchenden unserer Zeit zu finden. Suchende gibt es unter den Gläubigen wie auch unter den nicht kirchlich gebundenen Menschen, die traditionelle religiöse Vorstellungen ablehnen. Beide spüren die Sehnsucht nach einer Quelle, die ihren Durst nach dem Sinn des Lebens stillen könnte. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass dieses „Galiläa von heute“, wohin man gehen soll, um den Gott zu suchen, der durch den Tod gegangen ist, die Welt und der Weg der Suchenden ist. Es ist die Suche nach Christus in den Suchenden.

Dazu braucht es einen Dialog mit den Suchenden. Es braucht einen Dialog in dem wir voneinander lernen können und sollen. Wir sollten lernen, die Grenzen unseres Verstehens von Kirche radikal zu erweitern. Denn Gott ist in allen Dingen. Wir brauchen daher in diesem Jahrhundert der gewaltigen Veränderungen eine neue Theologie und ein neues Verständnis von Kirche.

Es ist die Zeit gekommen, jetzt ganz neu zu denken und zu suchen. Haben wir Mut, Gott in allen Dingen zu suchen. Es ist die Zeit, eine neue Identität des Christentums zu finden, in einer Welt, die sich vor unseren Augen radikal verändert. Deshalb suchen wir Christus nicht unter den Toten. Suchen wir ihn mutig und ausdauernd bei den Suchenden und lassen uns nicht beirren, wenn er uns wie ein Fremder auf dem Weg nach Emmaus erscheinen mag.

Werner Sonnenberg