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Jesus lebt – Ohnmacht und Vollmacht

Karfreitag. Jesus stirbt. Unschuldig. Für mich. Für uns.
Ostern. Jesus ist auferstanden. Für mich. Für uns.
HALLELUJA!

Nachdem ich das kapiert hatte, nach langen Umwegen, Suchen, Ratlosigkeit, Aufgeben wollen, und schließlich, dank liebevoller Hilfestellung meiner Herzensfreundin, war ich am Ziel meiner Suche angekommen.

Meinen Weg zu Jesus hatte ich gefunden – und auch eine neue Gemeinde. Die Verbindung stand. Soviel war mir klar. Jetzt fehlte mir die Verbindung zu Menschen, und zwar unbedingt auch zu Menschen außerhalb des Gemeindelebens. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was Gott wohl mit mir vorhatte…

Dann ein Aufruf in der Zeitung – Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin.

Ich habe die Menschen nicht gezählt, die ich begleitet habe. Nicht diejenigen, die in ihr Zuhause im Heimatort zurückkehrten und die ich der Entfernung wegen nicht weiter begleiten konnte. Auch nicht die Menschen, bei deren Sterben und Tod ich dabei war – dabei sein durfte.

Ja, durfte – ich habe das immer als ein Privileg empfunden. Ein fremder Mensch (ich übernehme – wie viele andere – auf unserer Station auch nächtliche Sitzwachen, dann kenne ich die mir Anvertrauten oft noch gar nicht persönlich) erlaubt mir, ihn bei seinem Abschied aus dem Hier begleiten zu dürfen.

Ich darf mit ihm sprechen, ihn berühren. Ich darf spüren, was jetzt in diesem Moment wohl richtig sein könnte – ein Duft? Leise Musik – welche könnte richtig sein?

Bei einem Patienten, den wir mit mehreren Ehrenamtlichen nach ausgetüfteltem Plan rund um die Uhr betreuten, hab ich mitten in der Nacht im CD-Regal jede Menge Seemannslieder gefunden und eine CD eingelegt, ganz leise, tröstliche Hintergrundmusik.

Der Patient ist ganz leise davongegangen, und ich war so froh – Sie verstehen mich schon.

Einmal bin ich zu einer Sitzwache gebeten worden, weil der Ehemann nicht mehr konnte. Er musste endlich mal schlafen, saß seit anderthalb Tagen neben seiner sterbenden Frau. „Guten Tag, ich bin der Helmut, und das ist die Christine!“ Eine offenere Begrüßung war kaum vorstellbar. Christine lächelte mich an… Und Helmut ging nach Hause, endlich schlafen. Christine ist wenig später auch eingeschlafen – und nicht wieder aufgewacht.

Wollte sie Helmut den letzten Atemzug nicht zumuten? Ich habe es mehrfach erlebt, dass Sterbende die offensichtliche Ohnmacht ihrer nächsten Angehörigen wahrnehmen und den Moment des Todes hinauszögern, bis der geliebte Mensch das Zimmer verlassen hat.

Eine ganz liebe Kranke, die vom Alter her meine Mutter hätte sein können und auch noch denselben Vornamen trug, habe ich in besonderer Erinnerung. Sie war recht ruppig in ihrer Art zu sprechen, hatte wenig Kontakt zu ihren Kindern, mit einem Sohn gar keinen. Und mit Gott und Kirche hatte sie „nun mal gar nichts am Hut“, wie sie das formulierte. Ich kann Ihnen heute nicht mehr sagen, welche Worte ER mir in den Mund gelegt hat – die Kinder sind alle noch mal zur Mutter gekommen. Soweit war ich ja schon sehr glücklich.

Aber was dann noch geschah, hat mich tief berührt. Mein mir anvertrautes liebes krankes Menschenkind saß auf der Bettkante und sagte völlig unvermittelt „Der will mich ja sowieso nicht. Bei all dem, was ich falsch gemacht hab in meinem Leben.“ Ich habe nur noch tief Luft geholt. Habe sie gefragt, ob ich mit ihr beten darf. Ich durfte – ich sollte sogar! Ich habe Jesus diesen wertvollen Menschen ans Herz gelegt…

In ihrer bekannten verbindlichen Art knurrte sie mich am nächsten Tag nach einem Telefonat mit ihrer Freundin an, ohne den Blick zu heben – „Meine Freundin sagt, ich muss Ihnen das sagen: ICH GLAUBE WIEDER AN GOTT.“

Und ich wusste, dass ich in aller Ohnmacht, die ich am Bett eines sterbenden Patienten immer wieder erlebe, auch wunderbare Einblicke in Seine Vollmacht erlebe.

Christiane Beyer

2 Gedanken zu „Jesus lebt – Ohnmacht und Vollmacht

  1. Eine beeindruckende Persönlichkeit ist diese vom Wunder der Gottes- und Christusliebe geprägte Sterbebegleiterin, so tief einfühlsam auf den ihr anvertrauten Patienten eingehend und darin Botschafterin ihres Glaubens zu sein, der den Sterbenden zurückholt aus der Tiefe seines Wesens in seine Gegenwart. Hier spricht eine Frau zu uns, der geschenkt ist, die Gottes-und Menschenliebe zu leben und dadurch beschenkt wird mit einzigartigen und tiefgründigen Erfahrungen, um die sie dankbar weiß und uns eine Wegweisung ist.

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