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Grund allen Seins, Schöpfungskraft | In Zeiten von Corona #7

Herr, du bist ‘s allein, du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit ihrem ganzen Heer, die Erde und was darauf ist, die Meere und alles, was darinnen ist. (Nehemia 9,6) – Gott hat sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. (Aostelgeschichte 14,17) | Herrnhuter Tageslosung für den 23. März 2020

Um Gottes kreativen Geist geht es in der heutigen Tageslosung. Immer schon haben die Menschen sich die Frage gestellt, wo denn das Leben herkommt. Israelit*innen, Jüd*innen und Christ*innen haben darauf die Antwort gegeben, dass es der transzendente Gott höchstpersönlich ist, der die Welt in einem äußerst kreativen Akt geschaffen hat.

Gleich zwei Schöpfungsberichte erzählen von der ungeheuren Schöpferkraft Gottes, der allein durch sein Wort und mit spielerischer Kraft, das hervorbringt, was kein Mensch je erzeugen könnte.  Hier spiegeln sich die Erfahrungen wider, die die biblischen Erzähler*innen mit der lebensförderlichen Nähe und Fürsorge Gottes gemacht haben.Auch wir suchen nach Gottes Spuren in der Welt – und finden sie im eigenen Leben, im Alltag, im Gemeinschaftsleben, in der Natur. Wir erspüren Gott als Grund allen Seins, als Schöpfungskraft inmitten der Schöpfung.

Selbst Menschen, die christlicher Tradition und Frömmigkeit eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, werden angesichts „des gestirnten Himmels über uns“ überwältigt vom Gefühl der Bescheidenheit und können einstimmen in ein Gotteslob.

Die Ordnung des Universums gibt uns Halt. So wird Leben berechenbar, gestaltbar und zuverlässig. Wir können entspannen und loslassen und fühlen uns sicher. Den Regenbogen – das Zeugnis, dass Gott sich verpflichtet hat, alles Lebende zu schützen – haben wir mit Bedacht gewählt als LOGO unserer Gemeinde. Drückt er doch aus, worauf wir vertrauen: der Herr über alle Mächte und Gewalten ist ein treuer Bundespartner, ist ein „Gott mit uns“.

Corona bringt das aus dem Gleichgewicht. Zerstört unser Universum der Sicherheit. Die Sorgen und Ängste, die Gefühle von Bedrohung und Ausgeliefertseins, die uns zurzeit einholen, bringen uns in Kontakt mit dem Urchaos unser Seele, dem Tohuwabohu, das um die Abgründigkeit des Lebens weiß. Leviathan taucht wieder auf: der Urdrache, archaisches und überkulturelles Traumsymbol für die Unbeherrschbarkeit der Natur und ein Spott über alle Selbstsicherheit, die glaubt, mit Technik und Kultur die Urgewalt des Lebens kontrollieren zu können. Urangst des Menschen, preisgegeben und verloren, hilflos und verdammt zu sein. Der Corona-Virus ist ein Teil einer Natur, die nicht nur Potentiale für Fruchtbarkeit, Ernährung und Herzensfreude bereithält, sondern auch Zerstörung und Grauen.

Umso mehr wird nun Gottes kreativer Geist gebraucht.

Die Tiefenkrise, die wir gerade durch die Corona-Epidemie erleben, fordert heraus, die ihn ihr liegenden schöpferischen lebensförderlichen Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.

Wir erleben gerade, dass Distanz zu einem lebensschützenden Wert wird. Und erleben gleichzeitig so viel liebe Nachfragen, mediale Anteilnahme und Beistandsbezeugungen, geteilte Hoffnungsbotschaften und praktische Hilfsangebote wie nie zuvor. Verbundenheit kreiert sich neu.

Berufe, die noch kürzlich belächelt wurden, weil man mit ihnen weder das schnelle Geld noch den medialen Ruhm erwerben konnte, erfahren endlich zu Recht die Achtung und Wertschätzung, die ihnen gebührt. Unsere Gesellschaft sollte nie mehr vergessen, wie wichtig Pflegepersonal, Verkäufer*innen, Polizist*innen und Müllmänner sind.

Bücher werden wieder gelesen und lange Telefonate geführt. Ausgiebige Spaziergänge gemacht und Mails schnell beantwortet, gemeinsam wird in der Weltpolitik nach tragfähigen Lösungen gesucht weitgehend ohne selbstgefälliges Gezänk. Sogar einen Trump hat man in die Schranken weisen können. Kultur der Langsamkeit und der Verbindlichkeit.

Gott wird auch heute wieder kreativ sein. Auch wir werden sie machen können: die Erfahrungen mit der lebensförderlichen Nähe und Fürsorge des Schöpfergottes – wie die Alten damals in biblischen Zeiten.

Denn der Schöpfergott ist eben kein erdachtes Konstrukt menschlichen Geistes, sondern lebendige schöpferische Macht hinter und inmitten unserer Wirklichkeit.

Nicht einem „ursprungslosen Ursprung“ sind wir preisgegeben in diesen Krisenzeiten, sondern Gott, der es sich zur Aufgabe gewählt hat, immerzu kreativ für das Leben zu sein.

Bleiben Sie gut behütet.

Anke Augustin