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Gottes Liebe ist gesellig (nach Kurt Marti)

Dieser Text soll an den Schweizer Pfarrer und Theopoeten Kurt Marti erinnern, der 2017 im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Bern verstorben ist. Die gesellige, eheliche Liebe mit seiner geliebten Frau Hanni war schon zehn Jahre zuvor beendet, als sie 2007 verstarb. Im Altenheim fehlte sie ihm sehr. Aber er flüchtete sich nicht in Gottes gesellige Liebe: „Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.“ Aber sie tröstete den Vater von vier Kindern außerordentlich.

Politisch dachte und handelte Marti immer links bis linksliberal. Er wetterte gegen den Vietnamkrieg, agierte gegen Atomwaffen und Atomenergie, warnte vor der Zerstörung seiner geliebten Alpen und prangerte das Elend in den Entwicklungsländern an. So galt er dem konservativen Umfeld fast als Kommunist oder zumindest als christlicher Marxist. Also verwehrte man ihm einen theologischen Lehrstuhl für Predigtlehre an seiner Heimatuniversität Bern.

Eine Erklärung gleich vorneweg: das deutsche Wort „gesellig“ hat von der Bedeutung her nichts mit demselben, holländischen Wort „gezellig“, deutsch „gemütlich“, zu tun! So kommen von vornherein keine lustigen Missverständnisse auf.

Nun eine persönliche Bemerkung: Seit Jahren steht auf meinem Schreibtisch Gerhard Ebelings Dogmatik in drei Bänden (1. Aufl.1979, 4. Aufl. 2012, Verlag Mohr-Siebeck, Tübingen) – „die Haupternte seines Lebens“ (Vorwort zu Band I) – und nicht nur zum Anschauen. Glasklar und exzellent analysiert Ebeling in strenger Disziplin die Glaubensaussagen des Apostolikums, des Haupt-Glaubensbekenntnisses der nichtorthodoxen Christenheit. Der Preuße in der Schweiz, Dietrich Bonhoeffer und Berlin immer verbunden. Gerhard Ebeling, der sein Leben mit einer Schweizerin geteilt hat.

Zehn Jahre später, 1989, erscheint für mich das absolute Kontrastprogramm zur Ebelingschen Dogmatik: Kurt Martis, des Schweizers, theopoetische Dogmatik: „Die gesellige Gottheit – ein Diskurs“ (Radius-Verlag, Stuttgart). Knapp zwanzig Jahre später, 2008, stellte die Züricher Landeskirche Kurt Martis „Bekenntnis von Kappel“ zur Diskussion. Dort bekennt er kurz und präzise im 1. Artikel:

„Ich vertraue Gott,
der Liebe ist,
Schöpfer des Himmels und der Erde.“

So halte ich meinen Titel diese Textes: „Gottes Liebe ist gesellig“ für sachlich berechtigt.

Um uns einen Eindruck von der theopoetischen Gestalt seines Textes zu geben, werde ich die ersten drei Seiten hier vollständig, auch in der Zeilenform zitieren (Seiten 7 bis 9):

„Die gesellige Gottheit am Werk

Von Ur an:
Gott in Geselligkeit,
Gott mit Sophia,
der Frau, der Weisheit,
geboren,
noch ehe alles begann.

Sie spielte
vor dem Erschaffer (Sprüche 8,22-31),
umspielte, was er geschaffen,
und schlug, leicht hüpfend von Einfall zu Einfall,
neue Erschaffungen vor:
Warum nicht einen anmutig gekurvten Raum?
Warum nicht Myriaden pfiffiger Moleküle?
Warum nicht schleierwehende Wirbel, Gase?
Oder Materie, schwebend, fliegend, rotierend?

So sei es, lachte Gott,
denn alles ist möglich,
doch muß auch Ordnung ins Ganze –
durch Schwerkraft zum Beispiel.

Dazu wünschte Sophia sich ebensoviel Leichtigkeit.
Da ersann Gott die Zeit.
Und Sophia klatschte in die Hände,
Sophia tanzte, leicht wie die Zeit,
zum wilden melodischen Urknall,
dem Wirbel, Bewegungen, Töne entsprangen,
Räume, Zukünfte, erste Vergangenheiten –
der kosmische Tanz,
das sich freudig ausdehnende All.
Fröhlich streckte Sophia Gott die Arme entgegen.
Und Gott tanzte mit.

Am Anfang also Beziehung.
Am Anfang Rhythmus.
Am Anfang Geselligkeit.

Und weil Geselligkeit: Wort.
Und im Werk, das sie schuf,
suchte die gesellige Gottheit sich neue Geselligkeiten.
Weder Berührungsängste noch hierarchische Attitüden.
Eine Gottheit, die vibriert vor Lust, vor leben.
Die überspringen will
auf alles,
auf alle.

Bildchen, naiv.
Doch wie sonst faß ich´s?
Imagines, imaginatio.
Denn wer glaubt, glaubt an Wunder.
Wunder ist der Inhalt jeder Theologie.“

Frage an uns alle: bei welchem Theologen haben Sie das so gelesen oder gehört? Wir werden uns nicht nur über wunderbare Einsichten und seine theopoetischen Sprachformen bei Kurt Marti wundern, sondern letztendlich diesem Satz zustimmen müssen – behaupte ich jedenfalls.

Der Behauptung, dass die Bibel ein „geselliges Buch“, eines der vielstimmigsten der Weltliteratur ist, werden wir kaum widersprechen können … „in ihm wird die eine, die verlässliche Stimme der geselligen Gottheit laut“.

Den Beginn des 2. Artikels tituliert Marti: „Jesus, von einer Frau zum Christus gesalbt“.

Jesus sagt bei Markus 14,9: „Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ Die gesellige Gottheit ist in einem Mann Mensch geworden. Dieses Wunder und Geheimnis der Inkarnation kann auch Marti nur umschreiben mit einem „historischen Zwang ans Patriarchat“. Gott hatte keine Wahl, sagt Marti. Warum eigentlich nicht? Wir begreifen es nicht.

Kurt Marti zitiert Gerd Theissen: „Heilungen traten in der Jesus-Bewegung an die Stelle, die in der Widerstandsbewegung terroristische Aktionen inne hatten.“ Gewaltlosigkeit.

Die prominenteste Geheilte ist ohne Frage Maria aus Magdala. Dort sind in den letzten Jahren interessante Ausgrabungen gemacht worden. Sie ist eine große Stütze des jesuanischen Kreises der Jünger und Jüngerinnen und sie wird die erste Zeugin des Auferweckten. Augustin nennt sie die Apostola Apostolorum. „…zu uns komme der Schalom der geselligen Gottheit, (herstellend wieder Sinne und Sinn), dass komme das Heil, die kranke Welt der Gesunden zu heilen.“

Das Gebot der Entwaffnung

„Und siehe, einer von denen, die bei Jesus waren, streckte die Hand aus und zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohepriesters und hieb ihm ein Ohr ab. Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ (Matthäus 26,51f.).

Drei Jahrhunderte waren die Christen ihrem Herrn treu. Sie nahmen keine Waffen in die Hand und kamen selbst als Märtyrer durch Waffen und andere Gewalttaten um. Bei der Machtergreifung unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert veränderte nicht das Christentum die Macht, sondern die Gewalt der Macht das Christentum.

Gegen das Verbot der Gewalt haben sich die Kirchen Jesu Christi, die Orthodoxie, der Katholizismus und die Reformationskirchen in unendlicher Weise versündigt in der Vergangenheit bis heute.

Der Mann der Gewaltlosigkeit musste den grausamsten Tod der Gewaltsamkeit erleiden.

Gerechtigkeit

„Jesus starb für die Macht der Gerechtigkeit.
Jesus starb durch das Recht der Mächtigen.“

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ (Bergpredigt – Matthäus 5,6).

„Jesus, unser Befreier!´
bekennen Enteignete, Entrechtete,
und brechen Sein Brot füreinander
und lernen es, das gesellige Buch
mit neuen Augen zu lesen,
und singen das neue Lied:
´Für diese Erde ohne Licht
wird der Herr geboren.
Um die Finsternis zu besiegen,
wird der Herr geboren.
Um unsere Welt zu verändern,
wird der Herr alle Tage geboren.
Um die Freiheit zu bringen,
wird der Herr geboren…“

Kurt Marti: Vamos Caminando, Peru 1977, Seite 48f. – heute, 2018, noch immer.
In der Mitte seines Buches (Seite 43f.) stehen für den gesamten 2. Artikel im Verständnis Kurt Martis zentrale zwei Sätze:

„Und darum: `Was steht ihr da und blickt zum Himmel´ (Apostelgeschichte 1,11). Wo doch der Himmel herabblickt zur Erde, seitdem ihn Christus um unseretwillen verließ, um neue Geselligkeit zu stiften unter den Menschen.“

Das Kreuz

„Der Galiläer, nichts weniger als sterbesüchtig, martyriumssüchtig, brach auf aus Nazareth, um zusammen mit Frauen und Männern eine freiere Geselligkeit zu leben. Aber die Mächtigen und die ihnen Hörigen witterten Aufruhr, Anarchie. Zur Strafe, zur Abschreckung ließen sie ihn erst foltern, dann kreuzigen auf dem Schädelberg: ‚Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben‘ (Johannes 19,7).“

Ostern

Der Zweifel

„Nicht Dschingis-Khan jedenfalls, nicht Napoleon, weder Gulbenkian noch Krupp sind auferweckt worden vom Tod. Einem galiläischen Provinzler aber (hartnäckig hält sich dieses Gerücht) soll´s widerfahren sein, einem, der so geschichtsblind war, so heilig verrückt vielleicht, den Liebenden, den Gewaltlosen die Erde zu versprechen, die doch – von Krise zu Krise, von Krieg zu Krieg, fest in der Hand zu sein scheint, von Macht- und Geldhabern mit ihren Rüstungsgewinnlern, ihren Fünf-Stern-Feldwebeln“ (vgl. Seite 54f.).

Der Glaube

„So geh´ ich, wie geh´ ich? Sinnend, fragend: War da nicht Ostern? War da nicht Maria aus Magdala, Letzte unter dem Kreuz, Erste am Ostermorgen, Apostola Apostolorum, Anzettlerin des Glaubens, Herz der ersten Gemeinde … Christus ist auferstanden“ (Seite 55f.).

Die Taufe

Der auferweckte, liebend-gesellige Gottessohn Jesus Christus erteilt den Seinen den Auftrag zur Taufe (vgl. Matthäus 28,18ff.). In welchen Artikel das Taufsakrament gehört, sagt uns nur das Jahrhunderte ältere Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel von 381 (vgl. EG 854), im Apostolikum kommt es gar nicht vor. Marti gibt uns radikale Texte zur Heiligen Taufe. Wir Europäer taufen die Völker auf den Namen unserer Zivilisation, indem wir sie halten alles, was den Interessen und der Herrschaft der Weißen dient. Das haben sie sich schon im 9. Jahrhundert n.Chr. untereinander angetan – siehe Sachsentaufe unter Karl dem Großen.

„Opfer dieser patriarchalen-Gewalt: Frauen. Opfer dieser – christlichen – Gewalt: Juden. Opfer dieser – rassistischen – Gewalt: die Menschen, die Kulturen der Zweidrittelswelt… Ihm, dem vom Schandtot Erweckten, alle Gewalt! ´Noch ist nicht offenbar, was wir sein werden´ (1. Johannes 3,2). Pfingstwinde künden das Ende ´jeder Gewalt, jeder Macht und Kraft´ (vgl.1. Korinther 15,24), damit auf Erden gleichwie im Himmel herrschaftsfreie Geselligkeit sei.“

Heiliger Geist

Aufsprudelt der Geist, wo und auch wie er will, und hält sich nicht an Amt und Struktur (denken wir nur an den ungeheuren Aufbruch der pentekostalen Kirchen in den südlichen Erdteilen unserer Welt; Anm. E.S.) – dabeisein ist alles… Dabeisein, ja, wenn ihr Geist Durst nach Gerechtigkeit weckt, Mut macht zu eigenem Handeln und neue Geselligkeit stiftet, z.B. mit Flüchtlingen, Verfolgten… „Den Geist dämpfet nicht!‘ (vgl. 1. Thessalonicher 5,19).“

Gemeinschaft der Heiligen

„Der Galiläer gebot: ´Nennt niemanden auf Erden euren Vater, denn Einer ist euer Vater, der himmlische“ (Matthäus 23,8-9). Schluß also und basta mit dem Geplapper, unmündig, von heiligen oder geistlichen Vätern! … lasst uns nicht in die Vaterfallen tappen (bald 2000 Jahre) von Paternalismus und Hierarchie … Gemeinschaft der Heiligen, die Geschwister, doch nicht mehr Väter, Dienste … kennt eine Gemeinde, … keinen Vormündern gefügig. … Denn so Seine Magna Charta der neuen Geselligkeit (vgl. Matthäus 20,25ff.): Wer unter euch groß sein will, sei euer Diener … wie auch der Sohn des Menschen nicht kam, damit ihm gedient werde, sondern damit er diene und sein Leben gebe zur Befreiung für viele.“

Am Ende seines Buches (vgl. Seite 96f.) gibt Kurt Marti das Fazit, die Summe des Ganzen; ich zitiere ohne Anmerkungen vollständig, jedoch ohne seine theopoetische Textform.

Gottes Sein blüht gesellig

„Wenn Gott zum Götzen verzerrt wird, muss man sich diesem verweigern. Wo Gott zum Tyrannen gemacht wird, müssen wir diesen stürzen. So fordert’s Seine Dreieinigkeit. Dreieinigkeit? Ein Männerbund! Empören sich Frauen. Zu Recht, zu Recht! Und dennoch: entwarf diese Denkfigur die unausdenkbare Gottheit nicht als Gemeinschaft, vibrierend, lebendig, beziehungsreich?? Kein einsamer Autokrat jedenfalls, schon gar nicht Götze oder Tyrann! Eine Art Liebeskommune vielmehr, einer für den anderen, ‚dreifach spielende Minneflut‘ (Mechthild von Magdeburg). Mich stellt’s jedenfalls auf, Gott als Beziehungsvielfalt zu denken, als Mitbestimmung, als Geselligkeit, die teilt, mit-teilt, mit anderen teilt. ´Die ganze Gottheit spielt ihr ewig Liebesspiel´ (Quirinus Kuhlmann). Und insofern: niemals statisch, nicht hierarchisch, actus purus, lustvoll waltende Freiheit, Urzeugung der Demokratie. Alsbald ins Leere laufen da Fragen wie: personal oder apersonal? Transzendent oder immanent? ruhendes Sein oder ewiges Tun? Seit urher: beides und mehr noch als beides, ein Drittes also und mehr als ein Drittes: das Ganze, die Fülle (auch der Weiblichkeit und der Männlichkeit), die unerschöpflich – End ohne Ende – in Beziehungen blüht.

Will ich die gesellige Gottheit begreifen, von ihr Besitz ergreifen, lang´ ich ins Leere.
Und auch sie von Mechthild ‚Frau Minne‘ genannt, will nicht Besitz ergreifen von mir. Eher berührt sie wie Freunde, wie Liebende einander berühren, berührt, damit überspringe der Funke, das Leben berührt, damit die Besessenheit vom Besitz, der Wille zur Macht verglühe, im Angesicht jenes Tages, ´da alle Macht und alle Macht und Gewalt vernichtet und Gott alles sein wird in allem‘ (vgl. 1. Korinther 15 24-28).

Dreieinigkeit?

Weil sexistisch und überhaupt: Entwurf ohne Endgültigkeit.

Gott ist Liebe
will sagen:
Gottes Sein blüht gesellig.
´Seine Liebe wandelt in immer frischem Trieb durch die Welt.´
(Franz Rosenzweig).“

Eckhard Schendel