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Gott sagt meiner Angst Bescheid | In Zeiten von Corona #13

Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad. (Psalm 142,4) – Gelobt sei Gott, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller Bedrängnis (2. Korinther 1,3-4) | Herrnhuter Tageslosung für den 29. März 2020

Über die Angst weiß ich Bescheid, seit es mich gibt. Gezeugt von einem Mann, den sie mit 16 Jahren von der Schulbank weg in den Krieg geschickt hatten und herangereift im Leib einer Frau, die zahllose Bombennächte in Kellerlöchern verbracht hatte – hat sich die Angst in meine neuronalen Netze eingezeichnet, bevor ich geboren wurde.

Ich wuchs heran in dem Kokon der neurotischen Ängste meiner Mutter. Ich habe sie bei unzähligen Arztbesuchen begleitet, weil jedes kleinste Unwohlsein für sie die Gewissheit bedeutete, lebensbedrohlich erkrankt zu sein, und über den Teppich im Wohnzimmer durften wir nicht laufen, denn die Fransen mussten exakt ausgerichtet dort liegenbleiben, wo sie sie nach ihren Kämmaktionen positioniert hatte. Das endete erst, als mein Vater einen Teppichboden verlegte.

Radfahren war mir verboten, ebenso wie Schulbusfahren. Über allen Bestrebungen zur Autonomie stand „zu riskant“. Das ganze Leben war eine einzige Bedrohung für meine Mutter, überall witterte sie Gefahren, denen man nie würde Herr werden können. Der unaufhaltsame Lauf der Zeit war ihre größte Bedrängnis, und untröstlich wurde sie allein schon bei dem Gedanken, dass ihr einziges Kind erwachsen werden und sich von ihr trennen könnte.

Mein Trostpflaster war der Schokoladenpudding (wahlweise auch mit Nutella), und der Kummerspeck machte es mir leicht, nicht hinausgehen zu müssen in die weite Welt. Für dicke Mädchen hängen die Trauben in der Regel zu hoch, weshalb ich mir gern einreden ließ, sie seien zu sauer und ihr Genuss – gefährlich.

Als ich dreizehn war, erkannte ich die Sinnlosigkeit des Seins. Ich begann, Grabhügel in meine Schulhefte zu malen; geritzt habe ich mich nie, darüber nachgedacht schon.

Da bekam ich Bescheid über Gott.

Eine Mitschülerin lud mich in ihre freikirchliche Jugendgruppe ein. Eine andere Welt tat sich für mich auf. In der Welt der Toughen und Coolen – der sportlichen Jungen und der langbeinigen Mädchen – hätte ich mir nie zugetraut, mithalten zu können. Hier schon. Hier nahmen alle das Leben irgendwie schwer und Hemmungen wurden als Tugenden gewertet. Aber vor allem hatten sie eine Botschaft gegen die Sinnlosigkeit: Jesus lebt. Und darum ist das Leben irgendwie auch gut.

In dieser Zeit kam mir dann die überbehütende Erziehung meines Elternhauses auch zugute. Ich habe die – in solch religiösen Milieus häufige – Angst vor Sünden und dem Strafgericht Gottes nie entwickelt. Ich war ein verwöhntes Kind und konnte meine Mutter schnell um den Finger wickeln. Ihre Verlustangst war immer größer als meine. Mein Gottesbild kommt ohne Verlustängste aus.

Später lernte ich dann aber auch, im Zusammenhang mit meinem Glauben, die Angst kennen. Was, wenn das alles nicht wahr ist, woran ich mich klammerte in meiner Lebensangst? Was, wenn es keinen Gott gibt? Was, wenn ich mich einer einzigen großen Lebenslüge hingäbe, aus lauter Ich-Schwäche?

Ich habe Theologie studiert, mit allen Arten von Projektionstheorien gerungen – und gelernt, mit dem Risiko zu leben, dass mein Glaube auch ein Irrtum sein könnte. Glaube an den gekreuzigten Gott gibt es nicht ohne Zweifel. Mir war es bis heute nicht zu gefährlich, daran festzuhalten.

Vielleicht ist das Gottes Barmherzigkeit, von der die Tageslosung redet: dass er armen ängstlichen Herzen zuweilen den Mut verleiht, stärker zu sein als die Menschenmöglichkeiten, die an den Grenzen des Vergänglichen scheitern.

Heute bekomme ich manchmal von Gott Bescheid gesagt.

Und zwar immer dann, wenn meine Ängste drohen, übermächtig zu werden. Ich kenne ja genug davon. Spiegelbildlich zu meiner Mutter, habe ich zum Beispiel eine Wahnsinnsangst vor Diagnosen und kann mich kaum aufraffen, zum Arzt zu gehen. Wenn ich die Kraft finde, es doch zu tun, weil ich denke „du schaffst das“ – dann ist Gott am Werk. Da bin ich mir sicher. Wenn es eng wird für mich in Beruf oder Partnerschaft und der Rückzug in eine Melancholie naheliegt, dann fällt mir meist rechtzeitig noch ein, dass das kein guter Weg ist. Dann hat Gott meine Füße auf bessere Pfad gesetzt.

Wenn heute in Zeiten von Corona vielerlei Ängste hochkommen, dann sehe ich Gottesbescheide da, wo Menschen sich zusammentun unter dem Satz „wir schaffen es“. Er steht auf Kinderzeichnungen mit Regenbogen, die von Balkonen hängen. Er ploppt täglich viele Male in den unterschiedlichsten Gestaltungen in den Social Media-Programmen auf. Er ist das Motto von WDR 2, meinem Lieblingsradiosender. Er ist die Motivation, mit der der Krankenpfleger und die Verkäuferin und alle anderen, trotz ihrer Erschöpfung, dennoch weiter zur Arbeit gehen.

Das erscheinen mir die aktuellen Spuren des Vaters der Barmherzigkeit zu sein. Sie erweisen die Wahrheit der Tageslosung. Möge der Gott allen Trostes seine Bescheide nun gut hörbar, gut spürbar, gut verständlich erlassen in der Welt voller Bedrohungen. Auf dass sie Kraftquelle werden für die, die um ihre kranken Lieben oder um ihre wirtschaftliche Existenz bangen, und für alle anderen, die auf unterschiedlichste Weise Grund haben, das Leben riskant zu finden.

Bleiben Sie gut behütet.

Anke Augustin