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Großes Kino

Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns. (2. Korinther 4,6+7)

Das ist ganz großes Kino, das uns Paulus hier vor Augen malt! Erste Einstellung: Wir sehen auf die übergroße Leinwand und sehen: nichts. Finsternis, tiefschwarze Nacht, und dann die Stimme: Es werde Licht! Und langsam weicht die Finsternis. Am Horizont ein Schimmer, erst nur ein grauer Streifen, orange, gelb, die Sonne geht auf – majestätisch, kraftvoll, wir müssen schon die Augen abwenden, so gleißend ist das Licht; und die Finsternis weicht. Ein neuer Morgen bricht an. Wie am ersten Schöpfungstag – durch Gottes machtvolles Wort wird das Licht. Schnitt.

Zweite Einstellung: Aus dem Morgengrauen kommt uns eine Gestalt entgegen, wir erkennen die Konturen eines Menschen, da fällt Licht auf sein Gesicht, wir sehen gerade noch die Wunden der Dornenkrone auf der Stirn, da verschwimmt das Gesicht im strahlenden Licht der Sonne. Im Dunkel der Welt scheint das Angesicht Jesu Christi auf – so als spiegele es die Herrlichkeit Gottes wider. Licht vom Licht. Schnitt.

Dritte Einstellung: Jetzt sehe ich eine kleine Gruppe von Menschen vor mir, sie sitzen am frühen Morgen, in einem schummrigen Raum. Ich erkenne alte Holzbänke. Langsam gewinnen die einzelnen Gesichter Konturen, müde der eine, noch nicht ganz wach die Andere – aber auch von ihnen geht Licht aus, nicht ganz so strahlend, sondern irgendwie wärmer, zarter, eher so wie das Licht von flackernden Kerzen. Aber auch ihr Licht vertreibt die Finsternis – auch um sie herum wird es heller. Es ist wie ein Wunder, dass sich das wiederholen kann und soll im Menschenherzen. Also auch ich, auch Du: Licht vom Licht?

Hmm… Ich bin skeptisch. Die Finsternis scheint sich allenthalben auszubreiten und durchzusetzen! Wer kann sich seines Lebens noch freuen, wenn um uns herum die Welt brennt? So viel Leid, so viel Gewalt, so viel Not, Armut, Verzweiflung; inzwischen auch direkt vor unserer Haustür. Und was kann ich, was können wir schon dagegenhalten?

Auch die Leute in Korinth, zu Paulus Zeiten, waren skeptisch, als sie das hörten: Gott hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben – ihr sollt das Licht Christi verbreiten… Die meisten – bis auf die wenigen ganz reichen Kaufleute in der Gemeinde – waren arm. Fischer, Söldner, Sklaven… Und Paulus selbst war offenbar auch keine beeindruckende Gestalt. Seine Gegner spotteten über seine Unscheinbarkeit.

Paulus will uns sagen, wie das ist, wenn Gottes Erbarmen einen Menschen erreicht und ihn zu seinem Zeugen macht mitten in dieser Welt. Er will uns sagen, wie das aussieht, wenn Gottes Herrlichkeit selbst eine so fragwürdige Gestalt, wie sie Paulus in den Augen der Korinther war, zu einem Hoffnungsträger in einer dunklen, manchmal hoffnungslos erscheinenden Welt macht.

Dazu benutzt er ein Bild, das mir nahe geht.

Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit deutlich bleibt: die überschwängliche Kraft kommt von Gott und nicht von uns.

Vor vielen Jahren hat mir eine Freundin einen Krug geschenkt. Inzwischen hat er den einen oder anderen Sprung. Hier und da ist die Glasierung abgeplatzt. Ich habe ihn trotzdem nicht weggeworfen. Weil er mir gefällt. Weil er noch zu benutzen ist. Und weil ich an die Freundin denke, wenn ich ihn in der Hand halte. Leider habe ich sie aus den Augen verloren. Aber der Krug erinnert mich an sie. Ich hoffe immer, dass ich ihn nicht irgendwann einmal aus Versehen fallen lasse.

Dieser Krug hier zeigt mir, wie zerbrechlich im Grunde genommen alles sein kann. Wir selbst und unser Leben gleichen einem irdenen, aus Keramik gebrannten Gefäß. Das ist kein wirklich schöner Gedanke. Aber letztlich ist er sehr ehrlich. Wir erleben es selbst bitter, in unserem eigenen Leben. Oder wir bekommen es mit, im Leben anderer: Ein geliebter Mensch stirbt viel zu früh und meine Lebenspläne gehen zu Bruch. Jemand verliert seinen Arbeitsplatz und damit auch seine Lebensgrundlage. Eine Ehe zerbricht, eine Beziehung zerbricht – und es ist unheimlich schwer, mit diesem Bruch, mit diesem Schmerz weiterzuleben. Wir haben es letztlich auch nicht selbst in Händen, ob wir gesund bleiben. Und wenn die Gesundheit erst einmal bedroht ist, betrifft das das ganze Leben.

Wir sind also „irdene Gefäße“. Paulus hat Recht, wenn er unser Leben, uns Menschen überhaupt, mit solchen irdenen Gefäßen vergleicht. Mit Tongeschirr, das schnell Risse bekommen oder zu Bruch gehen kann. Das ist eine sehr tiefe und ehrliche Einsicht.

Aber: Wir haben einen Schatz in irdenen Gefäßen.

So ungeschönt und nüchtern Paulus uns Menschen sieht, so realistisch und ehrlich er unser Leben beschreibt: zugleich spricht er von einem Schatz. Ja: verletzlich und unvollkommen sind wir, sicher, und irdenen Gefäßen gleich, und doch: In uns wirkt Gottes Kraft. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben“, sagt der Apostel.

Gott braucht uns Menschen: normale, gefährdete, zerbrechliche, empfindsame und empfindliche Menschen, so, wie wir es sind. Er vertraut sein Erbarmen, den kostbaren Schatz des Evangeliums, Menschen an, wie wir es sind. Er gibt sein Wort in unser verwundbares, gefährdetes Leben hinein, in die Hand von Menschen, die am Morgen voller Zuversicht sind und am Abend verzagt. Gott riskiert es, dass viele Menschen auch heute darüber spotten und andere gar darüber verzweifeln, dass unser Gott nicht imponierender auftritt in dieser Welt. „Erfolg ist keiner der Namen Gottes“, hat uns der jüdische Philosoph Martin Buber ins Stammbuch geschrieben.

Und trotzdem, mehr noch, oder sogar gerade deshalb gilt: Gottes Kraft wirkt in uns. Gottes Licht erhellt uns. Gottes Liebe ist bei uns. Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.

Hand aufs Herz: Wo würdest du einen Schatz aufbewahren? Vermutlich in einem gut verschließbaren Tresor, oder? Vielleicht auch einem Schließfach hinter dicken, undurchdringlichen Stahltüren?

Nicht so bei Gott. Wir Menschen in unserer Verwundbarkeit sollen es sein, die Gottes Schatz aufbewahren. ln uns und durch uns will Gottes Liebe zur Welt kommen. So also geht Menschwerdung – jetzt, heute und an allen Tagen. Von Gottes Licht und Gottes Kraft ist einfach genug da! Das muss nicht in einem Tresor weggeschlossen werden. Gott gibt seine Liebe, sein Licht, seine Lebenskraft großzügig in uns zerbrechliche Menschen.

Und wenn in unserem Leben wirklich etwas zu Bruch geht, die Gesundheit, die Zukunft, das Glück – dann soll umso deutlicher offenbar werden, was dieses verwundbare Leben von innen erfüllt. Es kann gerade in der Zerbrechlichkeit zum Vorschein kommen: Gott trägt und hält mein Leben, dein Leben. Mit seiner ganzen, großen, schöpferischen Liebe.

Wir sind keine Tresore, um diesen Schatz sicher zu verwahren. Was in uns ist, sollen wir weitergeben. Irdene Gefäße werden schnell rissig. Dann sind sie nicht mehr dicht, dann laufen sie aus. Und das ist wohl in Bezug auf uns Menschen auch Absicht. Dass wir nicht ganz dicht sind. Zumindest für uns Christen gilt das:

Gottes Licht und Gottes Liebe sollen nicht allein in uns bleiben, sie wollen aus uns heraus in die Welt wirken. Uns allen, mir und dir, ist das Evangelium anvertraut. Wir sollen es unter die Leute bringen: freundlich, einladend, verständnisvoll, hilfreich, mutig und deutlich.

Traurige trösten, Schutz suchende beschützen, Orientierungslosen Wege zeigen, für mehr Gerechtigkeit sorgen, Kranke heilen, Frieden stiften, aber auch die Kollegin am Schreibtisch gegenüber aufmuntern, Zuhören, wenn einer verzweifelt anruft, widersprechen, wenn jemand dumpfe Sprüche über „Ausländer, die alle kriminell sind“ klopft… So können wir die Botschaft von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist, mit Herzen, Mund und Händen unter den Menschen zum Leuchten bringen.

Ich verstehe Paulus so, dass uns das immer nur unvollkommen gelingen wird. Weil wir Menschen sind – irdene Gefäße eben. Und das finde ich sehr entlastend. Wir brauchen uns nicht besser, nicht frommer, nicht wichtiger machen, als wir in Wahrheit sind. Ich höre Paulus sagen: die Kraft, die alles Maß übersteigt, die kommt nicht VON uns und auch nicht AUS uns. Aber sie wird weitergereicht DURCH uns, auch durch mich und dich, durch uns zerbrechliche und gebrechliche Wesen, durch Menschen in ihrem Wankelmut, mit allen Zweifeln und Fragen, mit unseren redlichen Bemühungen und unseren chronischen Unzulänglichkeiten.

Das Licht verdrängt die Finsternis – wir erleben es an Weihnachten, und wir werden es wieder am Ostertag spüren

ln Gottes Namen – Amen.

Dietmar Klinke