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Ein unverdientes Privileg

Sonntagmorgen, 7 Uhr. Der Intercity 208 fährt pünktlich in den Essener Hauptbahnhof ein. Müde nach einer nahezu schlaflosen Nacht, jedoch mehr als zufrieden, ja überaus dankbar, steige ich aus. Eigentlich ist es ein normales Wochenende im Juni und dennoch war alles ganz anders als sonst. Wenige Minuten später erreiche ich meinen Wagen, den ich am Freitagabend auf der Hohenburgstraße abgestellt hatte. Das scheint eine Ewigkeit her zu sein.

Freitag, 22 Uhr. Erwartungsvoll sitze ich im ICE 619 nach München-Hbf und freue mich auf das Wochenende. Eine Nachtfahrt im Großraumwagen eines ICE ist keine besonders komfortable Angelegenheit. Aber ich habe bereits einige Erfahrung mit solchen Fahrten. Ein MP3-Player mit meiner Lieblingsmusik und ein Päckchen Ohropax für ein wenig Schlaf sorgen für etwas Komfort. Einmal im Jahr nehme ich die Unannehmlichkeiten gerne in Kauf, denn der Lohn ist kaum zu beschreiben.

Samstag, 6.45 Uhr. München Hbf. Mit mir besteigen zahlreiche andere Bergsteiger mit ihren Rucksäcken die Regionalbahn nach Reutte über Murnau, Garmisch-Partenkirchen, Ehrwald.

Mein Ziel ist der Haltepunkt Lähn zwischen Ehrwald und Reutte im sogenannten Außerfern. Eine endlose Autokolonne schleicht in den Ferienwochen sommers wie winters auf der Umgehungsstraße an Lähn vorbei in Richtung Fernpass. Wenn die Fahrer aus dem Fenster zur Seite blicken würden, fiele ihnen ein markanter Berg auf, der diesen kleinen Ort um rund 1100 Meter überragt. Es ist der Plattberg, auch Hochschrutte genannt, 2245 Meter hoch.

Auf ihn war ich schon vor längerer Zeit aufmerksam geworden und hatte seine Besteigung als Wochenendunternehmung per Bahn in Ruhe geplant. Vor etwas mehr als einem Monat hatte ich dank meiner Bahncard 25 die Hin- und Rückfahrt für nur 67,30 Euro inklusive Reservierung gebucht. Ein Schnäppchen, wie schon so oft. Nun sitze ich am Fenster und freue mich wie ein Kind auf die vor mir liegenden Stunden. Der Anblick der traumhaft schönen Gebirgslandschaft, die im strahlenden Licht dieses Junimorgens vorüberzieht, trägt enorm zu meiner heiteren Stimmung bei.

Stunden später genieße ich ein zweites Frühstück auf einer kleinen Wiese hoch über dem Tal mit wunderbarem Blick auf Berge der Lechtaler Alpen.

Ein schmaler Pfad führt beinahe ununterbrochen in Falllinie bergauf, zunächst durch den immer lichter werdenden Bergwald und schließlich über weites Wiesengelänge bis wenige hundert Höhenmeter an den Gipfel heran. Überraschend viele Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte der Alpenrosen, die den Weg säumen.

Bis hierhin sind mir nur drei junge Männer begegnet, die bereits vom Gipfel abstiegen und mich freundlich begrüßten. Schließlich geht es teilweise weglos steil hinauf auf den felsigen Südostgrat. Einige Meter unterhalb raste ich erneut. Mit großer Dankbarkeit genieße ich die Schönheit dieses Momentes, den Gott mir hier schenkt: das kräftige Blau des Himmels, unterbrochen von dahingleitenden weißen Schönwetterwolken, die klare Fernsicht auf teilweise noch schneebedeckte Gipfel, der eindrucksvolle Blick in die Tiefe der Nordostwand „meines“ Berges, dazu die Stille.

Was für ein Privileg, denke ich, dass ich diese Auszeit erleben darf.

Ab hier muss ich besonders vorsichtig gehen, denn auf der Nordostseite des Grates gleitet der Blick die steile Nordostwand etliche hundert Meter in die Tiefe, und der Steig verläuft von hier aus zum Gipfel nur einige Meter von der Gratkante entfernt.

Am Gipfel treffe ich nur eine Frau mit ihrem Partner. Es ist inzwischen Mittag. Ein Segelflugzeug gleitet, die Thermik ausnutzend, in großen Bögen immer wieder am Gipfel vorbei. Neben vielen anderen markanten Berggestalten beeindruckt mich besonders der Anblick der Zugspitze von dieser Seite. Schöne Erinnerungen an frühere Besteigungen, unter anderem mit meiner Gabi, tauchen vor meinem inneren Auge auf.

Lange verweile ich hier oben.

Auch den langen Abstieg genieße ich. Tief unten im Tal nimmt der Verkehr auf der Fernpassstraße allmählich zu. Wie gut, dass ich nachher genauso stressfrei und umweltschonend nach Hause fahren werde, wie ich gekommen bin.

Am späten Nachmittag bin ich beinahe unten angekommen. Bis zur Abfahrt „meines“ Zuges habe ich noch viel Zeit. Nach einem kleinen Nickerchen auf einer schattigen Bank schlendere ich hinab ins Dorf. Im Gasthof gönne ich mir ein schmackhaftes Abendessen.

Pünktlich bringt mich die Außerfernbahn wieder nach München. Von dort geht es mit einem ICE weiter. Etwas lästig, aber nicht zu ändern bei dem Fahrpreis, ist die Notwendigkeit, um 2.16 Uhr in Mannheim umzusteigen.

Um 10 Uhr begrüße ich fröhlich und mit dankbarem Herzen unsere Gemeinde, denn ich bin heute Lektor. Bei der Lesung muss ich mich heute ein wenig mehr als sonst konzentrieren. Die richtige Müdigkeit stellt sich erst ab Mitte der Woche ein. Aber was soll’s.

Uli Blech