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Ein Perspektivwechsel für unser Morgen

Das neue Coronavirus Sars-CoV-2, irgendwo in China entstanden aus einer unheimlichen Begegnung zwischen einem nicht so weisen Menschen und einem seltsamen Tier, hat den menschlichen Körper gekapert. Und das so effektiv, dass es binnen weniger Monate weit über vier Millionen Menschen weltweit befallen und eine kaum abzuschätzende Zahl von ihnen getötet hat. Es manipuliert Menschen in ihrem Innersten und zwingt sie, ein anderes Leben zu führen, als ihnen lieb ist. Sars-CoV-2 hat sich gerade zum Herrscher über die Welt aufgeschwungen.

Die Corona-Pandemie hat in den letzten Monaten in unserem Land zu einschneidenden Einschränkungen der Grundrechte und zu massiven Beschränkungen, ja zum Stillstand des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens geführt. Mit großer Disziplin haben Bürgerinnen und Bürger die politischen Entscheidungen im Blick auf die Kontaktsperren, die Abstands- und Hygieneregeln befolgt und umgesetzt. Das Ergebnis lässt sich sehen, denn die Infektionszahlen sind deutlich zurück gegangen.

Mit Dynamik werden nun die Beschränkungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen gelockert. Die Gesellschaft, die Wirtschaft und auch die Kirchen üben den neuen Alltag auf Abstand unter den Menschen. Was für ein Perspektivwechsel ist geschehen zum vorherigen Leben und dem sich neu einzurichtenden Leben jetzt? Es ist eine Kraftanstrengung das Denken und Verhalten in kürzester Zeit zu ändern. Denn das Virus hat alles auf den Kopf gestellt. Es lehrt uns fürchten, es lehrt uns, bewährte Dinge in Frage zu stellen und unsere Deutungen zu überprüfen. Es ist global und lokal. Es macht nicht Halt vor mir oder dir. Nur gemeinsam und solidarisch können wir es besiegen.

Schon vor der Corona-Pandemie steckte die Menschheit in einer Krise. Manchmal hatte ich den Eindruck, wir Menschen leben auf einem heißen Vulkan. Die Lebensdevise war immer schneller, immer höher, immer rastloser sein zu müssen. In der Osterbotschaft hat es Bundespräsident Steinmeier treffend ausgedrückt: „Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht. Das war ein Irrtum.“ Die Natur hat uns mit diesem Virus-Schock die Grenzen aufgezeigt. Wir sind vergängliche Wesen. Wir sind Teil der Natur. Es gibt Grenzen der Gier. Wir brauchen einen Perspektivwechsel für das Morgen. So stellt sich die Frage: Sind wir Menschen bereit und haben wir die Einsicht, dass wir unser Leben ändern müssen? Kann der Wahnsinn des modernen Massenkonsums und damit unsere bisherige Form des Wirtschaftens so weitergehen? Muss das maßlose Ausbeuten der natürlichen Ressourcen, wie Rohstoffe, Wasser, Energie und fruchtbares Land, die ja die Grundlage für unser Leben auf der Erde sind, nicht aufhören?

Die Menschheit verbraucht mehr natürliche Ressourcen denn je zuvor, was dauerhafte Umweltschäden verursacht. Unser Klima verändert sich. Dürren werden zur Regel. Trinkwasserreserven, Fischbestände und Wälder schrumpfen. Fruchtbares Land wird zerstört und Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Um weiterhin gut auf unserem Planeten leben zu können, muss unser Lebensstil nachhaltiger werden. Wir müssen die Ressourcen unseres Lebens und die empfindlichen Ökosysteme unserer Erde schützen. Jetzt bietet sich eine Chance nach der Corona-Pandemie energisch diese Menschheitsaufgaben durch entschlossene Politik und nachhaltigem Leben lernen anzugehen. Der Perspektivwechsel muss sich darauf konzentrieren, dass wir nur eine Erde haben. Oder fallen wir in die alten Verhaltens-Muster zurück, die schon Udo Jürgens vor 20 Jahren besungen hat:

Wir nennen uns Krone der Schöpfung,
Die Helden der Evolution.
Das Meisterwerk im Universum
Benimmt sich wie die Inquisition.

Wir tragen die Krone der Schöpfung
Eher so wie einen Karnevalshut.
Besoffen vom Größenwahn
Fühlt sich die Menschheit – edel und gut –
Und absolut…

Wir haben das Gewissen im Überfluss verlor’n.
Und wenn man uns erinnert, verschließen wir die Ohr’n.
Wir leben ohne Gnade und stoßen uns gesund:
Giganten der Verschwendung mit nimmersattem Schlund.

(Text: Thomas Christen)

Ich bin zuversichtlich und träume von einer lernfähigen Menschheit. Jede und jeder kann in seiner Welt dazu beitragen. Gedanklich möchte ich mich in die Zukunft versetzen und irgendwann zurück blicken auf die Pandemie im Jahr 2020. Was war und was hat sich verändert? Wenn ich mir überlege, ich schaue in ein paar Jahren zurück auf die Zeit, in der wir jetzt leben, dann hoffe ich sagen zu können: Das war der Zeitpunkt, an dem wir Menschen begriffen haben, dass so vieles aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die Corona-Krise, so verheerend sie für viele Menschen auch war, hat uns die Möglichkeit geschenkt, zu uns zu kommen. Sie hat uns klar gemacht, dass wir, wo auch immer unsere Heimat ist, als Menschen verbunden sind. Und dass die Erde und alles was darauf gedeiht unser kostbarstes Gut ist. In einer atemberaubenden Schnelligkeit schafften wir es, überall dort, wo wir zuvor Raubbau betrieben hatten, Gleichgewicht wiederherzustellen. Das wäre mein Traum.

Oder wie es Dietrich Bonhoeffer in seinem Bekenntnis formuliert, „dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will … und dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.“ Möge dieser Traum und diese Verheißung in unserer Welt Wirklichkeit werden.

Werner Sonnenberg