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Begabt und beaufgabt

Alle sollen einander mit den Begabungen dienen, die sie empfangen haben. Setzt sie so ein, dass ihr euch als Menschen erweist, die mit der vielfältigen Gnade Gottes gut haushalten können. (1. Petrus 4,10)

Können die hier kein Deutsch? „Beaufgabt“, was ist das denn für ein Wort? Das gibt es doch gar nicht… Doch, das gibt es – nicht das Wort, aber die Sache.

Im Winter hat Borussia Dortmund einen neuen Stürmer verpflichtet: Erling Haaland. Ein junger Norweger, der bei seinen bisherigen Vereinen aufgefallen war: durchsetzungsstark, flink, torgefährlich. Ein enorm begabter Stürmer. Er sollte dem BVB helfen, die nötigen Tore zu schießen, um in der Spitze der Bundesliga mithalten zu können. Und, was soll man sagen, nach Ende der Corona-Saison? „Beaufgabung“ erfüllt, dem BVB-Sturm neues Leben eingehaucht; viele Tore und Assists innerhalb kürzester Zeit. Ein begnadeter Typ. Begnadet – da hat jemand etwas geschenkt bekommen, das man nicht kaufen kann.

Dieses Phänomen begegnet uns auch im Alltag: Eine Ärztin, die durch ihre Art des Fragens und Zuhörens eine Atmosphäre schafft, in der man Vertrauen fasst – ein Raum entsteht, wo ich mich als Patient*in ernst genommen weiß. Ein Lehrer, der seinen Schüler*innen so begegnet, dass sie sich respektiert wissen und zugleich klar ist, welche Regeln in der Klasse gelten – eine Stimmung macht sich breit, in der man gut und gerne lernt.

Der oder die ist echt begabt, begnadet; hat eine charismatische Ausstrahlung. Es ist eine Gnade, dass Sie und ich dies und das können! Sie und ich – wir sind begabte Leute.

Petrus bringt das in einem seiner Briefe auf den Punkt: „Alle sollen einander mit den Begabungen dienen, die sie empfangen haben. Setzt sie so ein, dass ihr euch als Menschen erweist, die mit der vielfältigen Gnade Gottes gut haushalten können“ (1. Petrus 4,10).

Petrus gehörte zu den engsten Freunden von Jesus. Er verzweifelte oft an sich, an seinen Grenzen. Er war der festen Überzeugung: Jesus und ich, wir passen nicht zusammen. Dann lernte er Jesus näher kennen – im Kreis seiner Freundinnen und Freunde. Dort herrschte eine Atmosphäre, die Lust machte, Dinge auszuprobieren, Neues zu wagen, auf Entdeckungsreise zu gehen. So kam Petrus sich selbst auf die Schliche – besser gesagt: Die Art und Weise, wie Jesus ihm vertraute, ermöglichte Petrus, seine Begabungen zu entdecken; und diese dann auch einzusetzen.

Jesus vertraut auch Ihnen und mir. Darum vertraut er uns etwas an: dem einen die Gabe des Zuhörens, der anderen die Begabung zu organisieren – der einen die Befähigung, zu singen, dem anderen das Können, für leckeres Essen zu sorgen – dem einen die Fähigkeit, eine heitere und gelassene Atmosphäre zu schaffen, der anderen die Freude daran, Besuche zu machen – und, und, und.

„Alle sollen … mit der vielfältigen Gnade Gottes gut haushalten können.“ Gut haushalten heißt: keine Überforderung. Die Sängerin sollte nicht unbedingt auch noch das Kochen übernehmen; der Zuhörer sollte nicht gleichzeitig für die Organisation zuständig sein.

Mit seinen Gaben gut hauszuhalten, das meint auch: seine Fähigkeiten nicht zu horten bzw. für sich zu behalten. Sondern diese Begabungen einzusetzen, zum Wohl der Kirchengemeinde wie zum Wohl der Gesellschaft.

„Begabt und beaufgabt“ ist das Losungswort. Gerade heute. Offensichtlich ist da bei uns etwas in Schieflage geraten. Relativ wenige Menschen gestalten mit enormem Aufwand das Leben in unserer Kirchengemeinde. Relativ viele Menschen schauen dabei zu. Das bekommt den einen nicht – sie machen oft zu viel, überfordern sich manchmal. Und das bekommt den andern auch nicht – sie unterfordern sich; und sie erleben vor allem nicht, wie das ist, wenn man für jemand anderen zum Segen wird: „Danke für Ihr offenes Ohr! Danke für Ihre Mühe! Danke für Deinen kreativen Einsatz! Danke für Dein Schlagzeugspielen!…“ Diese Menschen machen nicht die wohltuende Erfahrung: Ich bin begabt und werde gebraucht.

„Begabt und beaufgabt“ – so falsch das im Deutschen klingt, so richtig ist das für Sie und für mich. Sie und ich, wir sind wichtig. Jede*r Getaufte wird gebraucht in seiner Gemeinde.

Die Corona-Zeit hat es mit sich gebracht, dass wir Dinge ausprobiert und Neues gewagt haben. Bei dieser Haltung wollen wir bleiben, auch wenn Corona hoffentlich irgendwann wieder abgeebbt ist. Weil das die Einstellung ist, mit der Jesus im Kreis seiner Freundinnen und Freunde eine wohltuende Atmosphäre schafft.

Darum ermutige ich Sie, auf Entdeckungsreise zu gehen. Fragen Sie sich doch mal: „Was kann ich gut? Was würde ich gerne mal ausprobieren? Wo könnte ich mir vorstellen, meine Begabungen im Raum der Kirchengemeinde einzubringen?“ Möglichkeiten gibt es viele – Besuchsdienst, Kantorei, Gemeindebrief austragen, Kinderkirche…

Zum andern würden wir gerne Neues gestalten: Glaubenskurse und Gemeindefreizeiten; eine Band, die die Musik für den Gottesdienst mitgestaltet; an jedem Sonntag Kindergottesdienst und Kirchencafé und, und, und… Das und vieles andere geht nur, wenn möglichst viele mit ihren Gaben gut haushalten.

„Begabt und beaufgabt“ ist das Losungswort, vielleicht auch das Lösungswort. Auf Dauer werden die Kirchensteuereinnahmen weiter sinken, Pfarrstellen damit immer weniger zu bezahlen sein. Umso wichtiger, dass schon jetzt viele Frauen und Männer ihre Gaben auspacken und einbringen, so dass die Gemeinde Jesu – unsere Kirchengemeinde hier in Kettwig – lebendig ist und bleibt.

„Begabt und beaufgabt“ – doch, das gibt es!

Lars Linder