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Neuer Himmel, neue Erde

So schrecklich lange war ich noch nicht in Amt und Würden, da stand ich in der Sakristei, war damit beschäftigt, meinen Talar anzuziehen, der Küster und seine Frau waren auch da, da sagte ich ganz traurig, wie schrecklich ich es finde, dass Herr Sowieso gestorben ist.

Und noch ehe ich etwas Weiteres dazu sagen konnte, zum Beispiel wo er mir fehlen wird oder was ich so sehr an ihm mochte, also noch ehe ich irgendwie erklären konnte, warum ich so traurig war, und ich war sehr traurig, da sagte der Küster, dass doch gerade ich als Pfarrerin nicht traurig sein dürfe. Ich hätte mich zu freuen, dass Herr Sowieso es geschafft habe, endlich in der Ewigkeit angekommen sei.

Ich kann mich erinnern, ich habe richtig nach Luft geschnappt, ich fühlte mich gekränkt, schuldig, weil ich doch traurig war und das auch nicht mal so eben abstellen konnte und Freude war mal so gar keine in mir. Und nach dem Luft schnappen und schlucken habe ich ihn angeschaut und gesagt: Ich bin aber traurig. Er fehlt mir. Ich mochte ihn und jetzt ist er nicht mehr da.

Und heute, viele viele Jahre später, bin ich bei Abschieden, die ich von Menschen nehmen muss, die ich liebhatte oder sehr mochte, immer noch nicht froh oder freudig, sondern traurig und betrübt und trostbedürftig. Es geht mir da so wie vielen anderen Menschen, die Angehörige, Freundinnen und Freunde, Menschen, die sie liebten und mochten, durch den Tod nicht mehr bei sich haben. Wir sind traurig und wir sind trostbedürftig. Gerade erst, auf einem Fortbildungstag, habe ich gehört – und das hat mich auch irgendwie beruhigt: dass der Mensch Trost braucht, um Mensch bleiben zu können, Trost, damit wir mit Leid und mit Verlusten umgehen können. Und wer den nicht bekommt, der stumpft ab, der wird hart.

Heute ist Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag des Kirchenjahres und gleichzeitig der Tag, an dem wir Christinnen und Christen einen Blick zurückwerfen auf das vergangene Jahr, an dem wir der Menschen gedenken, die in den letzten zwölf Monaten gestorben sind. Heute, an diesem Tag, verbinden wir uns alle miteinander zu einer großen Gedenk- und Trauergemeinschaft.

Und anders als es mir der Küster vor vielen Jahren eben gesagt hat: Ja, wir dürfen – übrigens nicht nur heute – traurig sein, wenn wir einen Verlust erlitten haben, wenn uns ein Leid geschehen ist, wenn wir Abschied von Menschen nehmen mussten, die uns lieb waren. Das ist nichts Verwerfliches. Trauer und Traurigkeit gehören dazu, wenn man Abschiede nehmen muss, die man sich nicht ausgesucht hat, ganz unabhängig davon, ob man in sie einwilligt, sie vielleicht sogar gewünscht hat, weil dadurch anderes Leid, zum Beispiel große Schmerzen, ein Ende findet.

Doch bei alle dem sind wir nicht allein. Heute sind wir alle durch unsere Traurigkeit miteinander verbunden und da ist es nicht wichtig, ob der Tod des geliebten Menschen drei Tage her ist oder fünf Monate oder vielleicht auch mehrere Jahre. Heute denken wir an die, die gestorben sind, auf die wir verzichten müssen und die uns fehlen. Und wir tun dies in Gemeinschaft – das kann trösten. Es kann trösten, dass wir nicht allein sind, dass wir gemeinsam traurig sind und gemeinsam trauern, wenn auch um unterschiedliche Menschen und ganz sicher auch auf unterschiedliche Weise.

Aber wir trauern nicht nur gemeinsam, sondern wir trauern auch im Angesicht Gottes. Und obwohl das jetzt nichts ist, was ich nicht schon wusste, dass Gott mich in solchen Momenten trösten möchte, so ist das in diesen Zeiten, in diesem Jahr irgendwie doch eine neue Entdeckung für mich. Gerade in diesen Zeiten ist mir noch einmal deutlich geworden: Gott ist da. Er hat ein offenes Ohr für mich, er hört mir zu, er nimmt meine Trauer wahr, er nimmt meine Trauer sogar ernst. Und das tut er nicht nur bei mir oder bei euch und Ihnen, Gott hat das schon immer getan. Gott hatte schon immer ein offenes Ohr für seine Kinder. Gott hat seine Kinder schon immer trösten möchten, Gott ist immer schon da. Und ich darf zu ihm kommen, wie ich bin.

Dass Gott ein solch tröstender Gott ist, der die Traurigkeit und Trauer ernst nimmt, das hören wir aus dem Predigttext, der für den heutigen Ewigkeitssonntag vorgeschlagen ist, heraus. Er ist aufgeschrieben im Buch des Propheten Jesaja, im Kapitel 65, Verse 17 bis 25. Hier wendet sich Gott an sein Volk. Auch sie sind traurig. Schwere Verlusterfahrungen liegen hinter ihnen. Das Land ist weg. Die Heimat fehlt, ja sogar der Tempel, das zentrale Heiligtum ist zerstört. Viel Abschied musste genommen werden. Und diese Traurigkeit lebt weiter. Gott hört das. Gott sieht das. Und er wendet sich an sein Volk:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse.

Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.

Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Ja, so ist Gott. Er hat die Not seines Volkes gehört und er reagiert. Ein wunderschönes Zukunftsbild wird hier entworfen, Gott gibt das Versprechen, dass nichts so bleibt wie es ist und das soll keine Vertröstung sein, das ist seine Zusage an sein Volk. Ich schaffe, sagt Gott, ich mache das. Euer Elend wird ein Ende finden, ja, es wird alles sogar noch schöner, noch friedlicher, als ihr euch das jetzt vorstellen könnt. Und Gott malt Bilder vor mein geistiges Auge, da träumt eine Krankenhausseelsorgerin wirklich von: Kinder, die nicht zu früh sterben, Menschen, die wirklich alt werden, gut alt werden, auch in der Natur wird alles so sein, wie wir es nicht gewöhnt sind. Tiere, die sonst nicht miteinander können, werden friedlich nebeneinander leben. Ein Traum, ein tröstlicher Traum.

Nur ein Traum? Nein. Eine Verheißung. Einige von uns fühlen sich sicher an den Text der Offenbarung erinnert, der oft bei Beerdigungen gelesen wird. Auch dort wird ein neues Jerusalem verheißen. Ein Leben ohne Schmerz und Leid und Geschrei. Ein Hoffnungstext, ein Bild für das Leben nach dem Tod.

Dass es dieses Leben geben wird, darauf vertraue ich. Daran glaube ich. Das hat mir, das hat uns Jesus verheißen, der durch den Tod in ein neues Leben vorausgegangen ist. Christen und Christinnen können nicht nur gemeinsam trauern, sind nicht nur gemeinsam trostbedürftig und werden getröstet, nein, wir sind auch eine Hoffnungsgemeinschaft, weil wir mehr erwarten von Gott, der uns liebt und der versprochen hat: Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Friederike Seeliger

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