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Auch im Feind den Menschen erkennen

Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet. (Matthäus 5,44-45)

Feinde? Welche Feinde? Ich habe keine Feinde, außer vielleicht den blöden Putin oder den dummen Trump. Nein, ich hasse auch niemanden, ich kann nur bestimmte Leute nicht leiden, weil sie so… (zutreffendes bitte einsetzen). Wieso redest du dann so schlecht über den Nachbarn von unten? Oder regst dich auf über die Kollegin, die dem Chef deine gute Idee als ihre verkauft hat? Oder redest dich in Wut über die blöden Klimakleber, die nichts als Unannehmlichkeiten für Autofahrer bringen? Wieso beschimpfe ich den Fernseher, wenn bestimmte Politiker dort auftauchen und Angst gegen „die Anderen da“ schüren? Man, wie ich diese Rechten hasse!

Und wie war das neulich im Drogeriemarkt. Wir alle
standen an der einzigen besetzten Kasse an, es hatte
schon jemand wegen der zweiten geklingelt. Da kam von hinten eine junge Frau, wir glaubten, es sei die Kassiererin und rückten ein wenig zur Seite, um sie durchzulassen. Sie marschierte schnurstracks zur unbemannten Kasse und legte dreist ihre Einkäufe dort ab. In dem Moment kam von der anderen Richtung die Kassiererin und begann, die Kasse einzurichten.

Unmut machte sich breit, schließlich hatte sich die junge Frau eine schnelle Bedienung erschlichen und wir anderen mussten umso länger warten. Sie sah das
überhaupt nicht ein und wurde auch noch unverschämt. Die Wut der Wartenden war spürbar und machte sich
auch in lauten Bemerkungen Luft. Sie war eindeutig eine Feindin von uns Wartenden.

Solche Situationen kennen Sie bestimmt alle. Feinde, das sind nicht immer die großen Übeltäter in der Welt, die Verbrecher, Kriegstreiber, Massenmörder. Feinde, das sind auch die Menschen, die wir dazu erklären, weil sie uns verletzt oder behindert oder uns ein Unrecht angetan haben. Dann sind wir wütend und sehen diese Person nicht mehr als Mitmenschen sondern als etwas Böses.

Wie anders erklärt sich sonst, dass im Internet so viel Hass verbreitet wird in den unterschiedlichsten Foren, so viel Gift verspritzt wird gegen einen Menschen, den man gar nicht kennt? Der Schreiber sieht eben keinen Menschen mehr, sondern einen „Untermenschen“ oder vielleicht sogar einen „Unmenschen“, ein Monster.

Gegen solch eine Einstellung redet Jesus, wenn er sagt „Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Wenn ich solche Worte lese, frage ich mich: Wen sehe ich vor meinem inneren Auge, wenn ich an meine Feinde denke, und wen sieht Jesus, wenn er von Feinden spricht? Und ich frage mich auch: Wen sieht Gott, wenn ich einen Feind sehe?

Wie heißt es weiter? „Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Ich behaupte mal: Gott sieht einen Menschen mit den Bedürfnissen aller Menschen. Darum scheint die Sonne und darum fällt der Regen, unabhängig von irgend welchen bösen Taten.

Schaffe ich es, Gott nachzutun? Ich muss meinen Feind, meine Feindin nicht gut finden, ich kann auch ihre Bestrafung fordern, aber ich soll in ihnen das menschliche Gesicht erkennen. Feindesliebe kann sich dadurch zeigen, dass ich das Gespräch suche, auch wenn mir der Andere wirklich gegen den Strich geht. Sie kann auch bedeuten, dass ich ganz klare Grenzen setze, um meine und die Würde von Anderen zu schützen. Übrigens, wenn ich sage, auf Rache zu verzichten sei ein Ausdruck von Feindesliebe, bedeutet das nicht, dass jemand, der Böses getan hat, nicht zur Rechenschaft gezogen werden soll oder dass aus seinem Handeln keine Konsequenzen für ihn entstünden.

Was heißt all das aber für unseren Alltag? Feindesliebe kann bedeuten: Wir sollen versuchen, den Menschen, die uns im Alltag auf den Nerv gehen, wohlwollend, und unseren Gegnerinnen jedweder Art freundlich zu begegnen. Allein das ist ja schon ein großer Brocken, den Jesus uns zumutet. Wenn wir die Feindesliebe aber im Kleinen, im Alltäglichen einüben, dann schaffen wir es vielleicht sogar, in jemandem wie Putin oder Trump immer noch einen Mitmenschen zu erkennen. Das wünsche ich uns.

Erika Stokes