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Wenn wir Gott nicht verstehen | In Zeiten von Corona #8

Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken. (Psalm 145,17) – Darum lassen auch wir nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht. (Kolosser 1,9) | Herrnhuter Tageslosung für den 24. März 2020

Wir machen gerade lebensbedrohliche Erfahrungen mit der Abwesenheit Gottes. Oder wie anders kann man die Militärkonvois deuten, die die Leichen in Italien im Stundentakt abtransportieren müssen?

Nicht erst seit Corona machen Menschen solche Erfahrungen. Die Bilder von den Grauen des Weltkrieges sind uns präsent: Leichenberge in KZs, Massengräber gefallener Soldaten, zerbombte Städte, entkräftete, am Straßenrand zurückgelassene Menschen auf der Flucht. Wie anders kann man sich solche Bilder erklären, als dass Gott sich abgewendet hat, nicht teilnimmt am Schicksal der Menschen? Was soll ich also anfangen mit dieser Tageslosung? Wie infam ist diese Behauptung – „Der Herr ist gerecht in allen seinen Wegen“ – angesichts dieser Bilder?

Auch die menschenunwürdigen Stätten überall in der Welt, in die Menschen abgelagert werden, die keiner bei sich haben will, oder die Tatsache, dass es Regierungen gibt, die bereit sind, Boatpeople lieber sterben zu lassen als ihre Häfen für sie zu öffnen – sprechen nicht für die Anwesenheit eines gerechten Gottes.

Und auch nicht die Geschichte der alten Frau in unserem Seniorenheim, die mich beim letzten Besuch fragte, warum der Herrgott nur so ungerecht sein könnte: sie hatte zwei ihrer Söhne bereits verloren, liegt selbst blind und weitgehend gelähmt in ihrem Bett – und nun hat ihre Enkelin Leukämie bekommen. „Warum holt ER denn nicht mich. Ich bin bereit zu gehen. Warum vergreift er sich an einem jungen Mädchen?“ Ich hatte keine Antwort auf ihre Frage.

Aber Menschen brauchen Antworten. Deshalb zimmern sie sich zuweilen welche zurecht – auch die biblischen Menschen. Wenn es augenscheinlich nicht gerecht zugeht in der Welt, dann verunsichert das im Übermaß. Kontrollverlust ist eine schwere Kränkung.

Kontrolle kann man wiedergewinnen, wenn man weiß, wieso etwas passiert – wenn man die Gründe kennt und die Ursachen versteht und ihre Folgen berechnen kann. Wenn Menschen also etwas Schreckliches passiert, dann müssen sie selbst schuld daran sein. Sie müssen Gott einen Grund gegeben haben, dass er ihnen das Schreckliche antut: Der „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ war erfunden. Gott steht wieder gerecht da. Niemand muss mehr an der Allmacht und Allwissenheit Gottes zweifeln – oder verzweifeln, wenn er*sie offenbar gerade nicht will.

Aber schon Jesus weist dieses Konstrukt der menschlichen Angstabwehr zurück. Als zu seiner Zeit ein Turm am Teich Siloah einstürzte und achtzehn Menschen unter sich begrub, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren, zerstörte Jesus denen alle ihre falsche Sicherheit, die sich die Illusion der Unverwundbarkeit erhalten wollten, indem sie fantasierten, was die Unfallopfer wohl getan haben mögen, um ihre gerechte Strafe einzufahren: Glaubt ihr etwa, diese Achtzehn seien schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die in Jerusalem leben? (vgl. Lukas 13,4-8).

Gottes Gerechtigkeit wird uns dunkel und oft verborgen bleiben. Falsche und vorschnelle Antworten helfen uns nicht wirklich weiter. Zumal sie oft unbarmherzige und unmenschliche Ideen transportieren. Es gilt auszuhalten, dass wir zuweilen das Bekenntnis der Tageslosung zur Gerechtigkeit Gottes als Behauptung zurückweisen, die wir nicht mitsprechen können. Die Phase der Corona-Epidemie scheint mir eine solche Zeit zu sein.

Martin Luther, der Anfechtungen und Schuldgefühlen zur Genüge kannte und sehr oft unter den dunklen Seiten Gottes gelitten hat – er wird zu demjenigen, der das zentrale Glaubenswort unserer Kirche prägt: allein aus Gnade. Bedingungslos geliebt bin ich bei Gott. Komme, was komme, ob ich verstehe oder nicht verstehe, ob mir etwas gelingt oder ich daran scheitere.

Wenn wir Gott nicht verstehen oder nicht erkennen können, welchen Sinn etwas macht, wenn Gott stumm bleibt – dann empfiehlt uns Luther „von Gott zu Gott zu fliehen“, weg von der unbegreiflichen Seite Gottes hin zu der Seite, die er in Jesus Christus zeigt und „dann sollen wir sagen: Abba, lieber Vater“.

Die unbegreifliche Seite Gottes ist uns Belastung, fürwahr – der Glaube an den Vater Jesu Christi darf uns Entlastung sein – auch und gerade in der Not an der Ferne Gottes. Mit anderen Worten: wenn wir den ersten Teil der Tageslosung heute nicht mitsprechen können – den zweiten Teil hoffen wir umso intensiver: ER ist gnädig in allen seinen Werken.

Bleiben Sie behütet.

Anke Augustin