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Was wir jetzt brauchen, ist vor allem Besonnenheit

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7 | Einheitsübersetzung)

1. Der Israel-Korrespondent der ARD, Richard C. Schneider, hat Mitte Januar 2016 sein Erschrecken über die laufenden Debatten in Deutschland in einem Facebook-Beitrag geäußert:

„Seit etwas mehr als einer Woche mache ich einen riesigen Fehler: Ich schaue mir deutsche Talkshows an. Das Thema ist immer dasselbe…: Terror, Islamisten, Flüchtlinge. Und dann immerzu die Angst der Deutschen. Eine unglaubliche Hysterie hat das Land befallen, wenn man den Medienberichten glauben darf. Mit viel Halbwissen – oder gar keinem – wird über den Islam schwadroniert, werden Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt, werden die Ängste der Bevölkerung/Zuschauer/Leser/Hörer in immer höhere Höhen getrieben. … Was geschieht dann in Deutschland, wenn der erste richtige Anschlag kommt? … Ich beobachte diesen Irrsinn, diese Panik um mich herum, wo ich hinkomme, überall, an jedem Tisch, in jeder Ecke, gibt es scheinbar nur noch dieses eine Thema.

Und dann denke ich an Tel Aviv und Ramallah. Wie die Menschen dort mit der Unsicherheit, dem Terror, der Gewalt, den Kriegen umgehen mit einem gewissen Fatalismus, mit dem Versuch, alles normal zu halten, ruhig zu bleiben, irgendwie wird es schon gehen, dieses schwierige, komplizierte, schreckliche Leben in einem Krisen- und Kriegsgebiet … Aber Deutschland in diesen Tagen? Kaum auszuhalten.“

2. Sein Eindruck passt zur Analyse eines der führenden deutschen Soziologen, Heinz Bude. Bude ist am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig und lehrt als Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Entgegen geläufigen Benennungen unserer Gesellschaft etwa als Spaßgesellschaft oder digitaler Gesellschaft sieht er die Angst als prägenden Wesenszug unserer deutschen Gegenwart. Sein Buch dazu, 2014 veröffentlicht, heißt entsprechend „Gesellschaft der Angst“.

Dieser Gesellschaft geht es gut, es ging ihr historisch gesehen vielleicht nie so gut wie heute. Kein Wunder, dass diese offene Gesellschaft so viele Menschen anzieht. Doch Bude analysiert eine unterschwellige Angst als Begleiterscheinung einer gesellschaftlichen Lage, in der die soziale Versorgung weit fortgeschritten ist und ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit herrscht: „Je besser es einem geht, aber auch je unwahrscheinlicher eine weitere Steigerung des Lebensstandards ist und je ähnlicher sich die Lebenslagen werden, umso mehr Angst haben die Leute vor Verlust, Beschneidung und Zurücksetzung.“

Ich bin sicher, jedem fallen sofort weitere Beispiele ein, wie so eine Atmosphäre der Angst, vielleicht noch besser als Ängstlichkeit bezeichnet, zurzeit präsent ist. Und das gilt ja beileibe nicht nur für die Fragen rund um Terroranschläge oder den Umgang mit Flüchtlingen.

3. Bude zeigt einige Strategien auf, wie insbesondere politisch mit der sich ausbreitenden Angst umzugehen ist. Ich habe allerdings gestaunt, dass sein Buch mit Gedanken von Paul Tillich endet. Tillich ist einer der bekanntesten deutschen Theologen, Philosophen und Soziologen, der aus Nazi-Deutschland 1933 in die USA emigrierte. In seinem vielleicht berühmtesten Buch aus dem Jahr 1953 geht es um den „Mut zum Sein“. In ihm beschäftigt er sich mit der Angst als Grundzug der zeitgenössischen Gesellschaft. Wie kann jeder einzelne persönlich mit seiner Angst umgehen? Unweigerlich kommt die religiöse Dimension des Lebens ins Spiel. Ganz auf dieser Linie höre ich auf ein Bibelwort, das ausgewählt wurde als Monatsspruch für den Januar 2016. Es steht bei 2. Timotheus 1,7: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (für die Experten: das ist der Wortlaut der Einheitsübersetzung).

Hier wird ein Geist der Verzagtheit, der Ängstlichkeit, der Angst, ja der Feigheit konstatiert, der Menschen im Griff hat. All das schwingt jedenfalls in dem griechischen Originaltext mit. Am Anfang steht eine negative Aussage: Gottes Geist ist kein Geist der Furcht. Ganz im Gegenteil, nichts in der Welt hat letztlich Macht über den, der sich von Gott beschenken lässt – außer dem, der die ganze Welt geschaffen hat. Gottes Geist macht frei von der Furcht vor dem, was die Anderen sagen und meinen und was uns geschehen könnte. Gott möchte uns nicht als furchtsame und in uns selbst verkrümmte Menschen haben, sondern als selbstbewusste und aufrechte Persönlichkeiten.

4. Wie entkommt man dem Griff der Ängstlichkeit? Drei Perspektiven werden eröffnet. Erstens: Gottes Geist erinnert uns daran, mit was für starken Kräften wir beschenkt sind. Wer Augen hat zu sehen, der kann von diesen Kräften und Fähigkeiten in unserer Stadt, in Diakonie und Kirche, in unserer Gesellschaft, in jedem von uns mehr als genug entdecken.

Wozu diese Kraft eingesetzt werden soll, wird als zweites gesagt. Wir sind beschenkt mit Liebe, und wir sind deshalb beauftragt zur Liebe. Das Ja zum Leben, zu unseren Kindern, zu Partnern, zu Freunden darf ein Echo von Gottes großem Ja zum Leben sein. Doch Achtung: Gottes Liebe gilt allen Menschen, selbst den Fremden und den Feinden. Deshalb ist das mindeste, was diese Gesellschaft zu gewährleisten hat, ein respektvoller Umgang mit allen, die hier leben und in unserem Land sind.

Und drittens, vielleicht momentan das Wichtigste: Der Geist Gottes ist ein Geist der Besonnenheit. Wer besonnen ist, der ist im besten Sinne „bei Sinnen“. Besonnenheit steht im Kontrast zur Raserei, zur Besessenheit. Wer sein Tun und sein Denken mit Umsicht steuern kann, der wirkt der Apathie und dem Überschwang gleichermaßen entgegen. Der bekämpft Stumpfheit und Blindheit, Voreiligkeit und Vorurteil. Der braucht nicht Schwarz-Weiß zu malen, sondern kann Augenmaß und Urteilskraft behalten. Der verfällt der Manie genauso wenig wie der Hybris. Der weiß um die eigene Begrenztheit und wird sein Licht dennoch nicht unter den Scheffel stellen. Menschen, die besonnen reagieren, sind keine Schwächlinge. Sie wägen allerdings sorgfältig ab, können nüchtern analysieren, um danach mit einem Blick der Liebe und einem Verständnis für die Gesamtumstände, kraftvoll zu handeln. Genau das brauchen wir in diesen Tagen.

Andreas Müller