Dieser Beitrag wurde 171 mal aufgerufen

Über die Sünde – und was wir daraus lernen können | In Zeiten von Corona #10

Ich bekenne meine Schuld, bekümmert bin ich meiner Sünde wegen. (Psalm 38,19) – Die Traurigkeit nach Gottes Willen wirkt zur Seligkeit eine Umkehr, die niemanden reut. (2. Korinther 7,10) | Herrnhunter Tageslosung für den 26. März 2020

Gestern habe ich hier berichtet über den Menschen als Kunstwerk Gottes, von seiner Größe und Würde, seiner Funktion und seinem Auftrag. Heute muss ich erzählen von seinem Scheitern und seiner Hässlichkeit. Habe ich gestern so sehr bestanden auf der Freiheit der Kinder Gottes – so muss ich heute eingestehen, dass wir Menschen nicht nur fähig sind zum Guten, sondern auch zum Schlechten. Die Spuren unseres bösen Tuns ziehen sich durch Natur und Geschichte. Es ist offensichtlich, dass wir Menschen alles andere als gelungene Meisterwerke sind.

Der Philosoph Thomas Hobbes attestiert dem Menschen sogar eine „Wolfsnatur“ und glaubt nicht, dass er von sich aus zu friedlichem Zusammenleben in der Lage wäre. Wenn ich an Leute denke, die derzeit in Krankenhäusern Schutzmasken und Desinfektionsmittel stehlen, um sie im Internet teuer zu verkaufen, verachte ich meine Spezies Mensch.

Wo Menschen ihre Freiheit missbrauchen, kommt biblisch gesprochen die „Sünde“ in ihr Leben – wovon unsere Tagelosung redet. Wo wir unsere gottgebegeben Möglichkeiten nicht füreinander und miteinander nutzen, bleiben wir hinter dem Vertrauen zurück, das Gott in unsere Freiheit gesetzt hat. Dann verspotten wir das Werk seiner Hände.

Sünde ist so etwas wie eine Hintergrund-Konstante im Leben aller Menschen. Wir sind nun einmal nicht Gott, sondern zur Freiheit berufene Geschöpfe, weshalb wir unsere Freiheit nicht immer gottgemäß ausleben werden.

Wichtig ist mir aber zu sagen, dass sich unser Menschsein nicht zuerst und hauptsächlich durch den Sünder-Status bestimmt. Das betone ich, weil in der christlichen Tradition so schrecklich oft Menschen auf ihr Sündersein festgelegt wurden, ihnen Angst und Seelenqualen damit gemacht wurden. Als Seelsorgerin habe ich noch heute öfter mit Menschen zu tun, die an ekklesiogenen Neurosen erkrankt sind. Das macht mich traurig und wütend.

Für Jesus war die Sünden-Thematik kein sehr zentrales Thema. Paulus dagegen hat sich intensiv mit dem Phänomen der Sünde auseinandersetzt. Ihm geht es vor allem darum, zu verkünden, dass sie überwunden ist. Nicht Sündenangst, sondern Erleichterung und Befreiung sind sein Thema.

Martin Luther hat erkannt, dass am Anfang Gottes bedingungsloses Ja zu uns steht. Es könnte durch kein Nein, welches wir uns durch unsere Handlungen oder Unterlassungen immer wieder einfahren werden, je irritiert oder gar aufgehoben werden.

Mein verehrter Lehrer an der Hochschule, Professor Berthold Klappert, hat den Satz geprägt „Wir sind gerechtfertigte Sünder“. Ohne dieses theologische Basic wäre ich heute nicht im Dienst der Kirche tätig.

Ich meine: Wir sollten uns schon unserer Sünden willen bekümmern, wie es die Tageslosung rät. Aber nicht, weil wir uns vor Gott und dem himmlischen Gericht fürchten müssen – sondern um anständige Menschen zu sein.

Zurzeit sind viele Menschen hilfsbereit und solidarisch. Mögen wir diese Tugenden durch die Krise in die Zukunft retten. Zurzeit redet aber niemand mehr über die internierten Geflüchteten und die gnadenlose Haltung nationalistischer EU-Staatsoberhäupter. Auch die Ausbeutung der Erde, der Wassermangel in Afrika, der drohende Klimakollaps – allesamt Folgen unseres sündigen Lebenswandels – finden wenig Interesse. Kriegstreiber und Weltkonzerne haben sicher auch nicht aufgehört, ihre schmutzigen Geschäfte fortzuführen. Um nur einige Beispiele zu nennen für die universale Dimension der menschlichen Schuldgeschichte, in die wir alle verstrickt sind.

Die Welt ist voll von vergangenen und gegenwärtigen Schuldgeschichten, von individueller, kollektiver und struktureller Sünde, weshalb niemand seine Hände in Unschuld waschen kann.

In der Kirchengeschichte entwickelte man für die unausweichliche Verstrickung des Menschen in die Schuld den Begriff „Erbsünde“. Eine Vorstellung, die in besonderem Ausmaß dazu beigetragen hat, dass Menschen sich permanent schlecht und falsch fühlten. Diese Konsequenz zu ziehen, ist falsch und unnötig. Ich habe das hoffentlich zuvor gerade klarstellen können.

Richtig verstanden, bekommen wir aber einen scharfen Blick dafür, was wir Menschen tatsächlich an Bösem tun und an Gewalt und Ungerechtigkeit erleben. Und auch für die Tatsache, wie sehr gefährdet wir alle sind, in bestimmten Umständen selbst abgrundtief böse zu werden.

Hier in sich zu gehen, hier genau und selbstkritisch hinzugucken, wie ich mit meiner geschöpflichen Freiheit umgehe, hier auch manchmal erschreckt und traurig zu sein über meine eigenen falschen Wege und dann umzusteuern – das steht uns gut an. Das tut uns und der Welt um uns herum sehr gut. Und das wird gewiss keinen Grund bieten, es je zu bereuen.

Bleiben Sie gut behütet!

Anke Augustin