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So unterschiedlich sind wir gar nicht

In der Fastenzeit 2017 habe ich an den ökumenischen Bibelgesprächen teilgenommen und durfte dort viele schöne Erfahrungen machen. Die liebevolle Gastfreundlichkeit und die offenen Gespräche über unseren Glauben haben mich sehr angesprochen. Herzlichen Dank!

Wir tauschten uns über einige Bibeltexte des Matthäus-Evangeliums aus. Wir sprachen darüber, was dieser Text mit uns und mit unserem Leben zu tun hat. Wo berührt er mich, wo spricht er mich an oder erzeugt auch Widerstand? Wie spricht Jesus zu mir in diesem Text?

Ich glaube, das ist das Verbindende unseres Glaubens: die Orientierung an Jesus Christus. Unsere gemeinsame Wurzel ist Jesus Christus. Jesus, wie er gesprochen, wie er gelebt hat und wie er uns erlöst hat. Er hat uns seinen Vater offenbart, einen Vater, der alle Menschen liebt und uns so annimmt wie wir sind. Ich bin gerne Christin. Für mich ist ein Glaube wichtig, der mir hilft, mein Leben und mich selbst besser zu verstehen und zu deuten – indem ich Gottes Wirken mitten in meinem Leben entdecke.

Der Glaube ist mir eine Lebenshilfe und Kraftquelle geworden. Besonders gespürt habe ich dieses, als mein Sohn mit eineinhalb Jahren verstarb. Ich war damals erst 26 Jahre alt und wusste, ich kann mich für den „Tod“ oder für das „Leben“ entscheiden. Für den Tod, das hieß möglicherweise Depression, Resignation, Verbitterung… Für das Leben, das hieß, auf die Karte Jesus Christus zu setzen. Ich habe mich für Jesus Christus entschieden. Seitdem ist mir die Bibelstelle Joh. 6,60-71 wichtig geworden. Jesus sieht, dass viele seiner Jünger ihn verlassen und er fragt die zwölf: „Wollt auch ihr mich verlassen?“ Petrus antwortet: “Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Immer wieder verspricht Jesus den Menschen, die ihm folgen, „Leben in Fülle“, sogar „Leben im Überfluss“.

Als ich an meine Grenzen angekommen war, überließ ich Gott die Führung. Glaube heißt auch, die (vermeintliche) Abwesenheit Gottes zu ertragen, im Tiefsten aber die Hoffnung zu haben, dass er da ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich in meinem Leben immer wieder Gottes Beistand, Kraft und Hilfe erfahren durfte. Zu meinem Glauben gehören auch inneres Ringen, das Suchen und Fragen und auch Zweifel. Ich kann Gottes Nähe nicht erzwingen, Glaube ist nicht „machbar“, und er ist immer auch ein Prozess.

500 Jahre haben unsere Konfessionen unterschiedlich geprägt, die zu unterschiedlichen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens geführt haben. Beide Kirchen haben Kostbarkeiten bewahrt und entwickelt, die der gegenseitigen Bereicherung dienen könnten (das geschieht auch schon). Ich wünsche mir, dass die Menschen der unterschiedlichen Konfessionen das je eigene „Profil“ kennen und wertschätzen und auch mit Offenheit, Achtung und Respekt das andere „Profil“ wertschätzen. Es darf nicht mehr um konfessionelle Rechthaberei gehen, sondern um die gemeinsame Suche nach Gott, wie er in unser Leben hineinspricht, was uns näher zu Gott führt und was zum Leben hilft.

Ich glaube, eine eingeübte Religiosität, die nur von auswendig gelernten Formeln und überlieferten Ritualen und Gewohnheiten geprägt ist, reicht nicht mehr. Es bedarf der inneren Auseinandersetzung eines jeden Christen, dass er seine persönliche Erfahrung mit Gott macht. Dietrich Bonhoeffer hat ein eindrucksvolles Zeugnis hinterlassen, welche Tatkraft, Mut und Überzeugung aus einer persönlichen Erfahrung mit Gott erwachsen kann.

Ich träume von einer Kirche, die Wege findet, dass die Menschen mit Gott in Berührung kommen! Eine Kirche, in der eine bunte, lebendige Vielfalt möglich ist! Das könnte ein Fundament sein, auf dem beide Konfessionen zueinander finden. Das schaffen wir nicht alleine. Bitten wir Gott um seine Unterstützung und um seinen Beistand!

Ich wünsche Ihnen Gottes reichen Segen.

Barbara Plum