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Stärkt die müden Hände!

…ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen. (Jesaja 35,10)

Das Jahr war schnell, jedenfalls für mich – und nun fühlte sich die Adventszeit auch noch nicht so an wie sonst, was nicht nur am Wetter lag, aber vielleicht auch. Denn auch das macht mir deutlich, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Als ich neulich bei einem Patienten war, der mich angerufen hatte. Oh – nicht was Sie jetzt denken, er wollte mich gar nicht sprechen, er war auf der Suche nach jemanden, der ihm eine Telefonkarte besorgen konnte, was ich getan habe, weil die Grünen Damen und Herren geradedurch waren und er sonst lange hätte warten müssen. Wir kamen dann aber ins Gespräch. Über den Beruf seines Sohnes landeten wir in der Autobranche; nein – mit all den Betrügereien hat er nichts zu tun, er forscht in einer anderen Sparte. Aber wir zwei machten uns Gedanken über die Welt und vor allem über unsere Umwelt.

Der Patient war schon älter und gab seiner Verwunderung Ausdruck, dass diese lange Periode der Trockenheit, die wir hier in Deutschland gerade erlebt hatten, anscheinend niemandem außer ihm zu denken gäbe. Er konnte nicht begreifen, dass nicht ein lauter Aufschrei durch unser Land geht – und nicht nur da. Er schaute mich an und meinte: Das Schlimmste ist, dass wir es gar nicht mehr aufhalten können. Es ist schon zu viel passiert, selbst wenn wir jetzt alle… Und dann schaute er mich an: Sie stehen doch in der Öffentlichkeit, können Sie nicht darüber sprechen?

Und ich glaube, er meinte nicht nur, dass ich es ansprechen solle, sondern dass ich mahnen solle, aufmerksam machen solle, zur Veränderung rufen müsse. Aber: Ich kann das nicht. Ich kann predigen und in Gesprächen darauf hinweisen, aber ich bin keine Prophetin, keine Politikerin. Ich denke auch, dass etwas getan werden muss, gegen das viele Plastik, gegen den hohen CO2-Ausstoß, gegen diesen Wahn immer mehr haben zu müssen… Auch wenn wir vieles nicht aufhalten können, wir müssen reagieren, sonst gehen wir unter, bzw. gehen ein. Die Sorgen, die er sich macht, die teile ich. Wir leben in schwierigen Zeiten.

Da war vor einigen Tagen die Eingangsrunde einer Adventsveranstaltung, die ich mit leite. Als eine der Teilnehmerinnen sich vorstellen wollte mit den Gegenständen, die sie sich aus der gestalteten Mitte genommen hatte, da hielt sie weinend ein Herz und Taschentücher hoch und machte so allen klar, dass sie sich nur noch halb fühlt, weil ihr Ehemann in diesem Jahr gestorben ist und der Abschiedsschmerz schwer auf ihr liegt. Und sie ist in diesem Jahr natürlich nicht die Einzige, die so fühlt. Ich habe in diesem Jahr mehr junge Frauen bei ähnlichen Abschieden begleiten müssen als sonst. Wir leben in leidvollen Zeiten!

Da habe ich in der vergangenen Woche mit Eltern am Bett der sterbenden Tochter gesessen und immer mal wieder sagte die Mutter: Ich kann das noch gar nicht begreifen! Und ganz ehrlich: Es ist doch auch nicht zu begreifen! Warum muss ein junger Mensch gehen? Warum bekommen manche Menschen so ein großes Paket oder gleich ganz viele Pakete zu tragen? Warum ist das Leben nicht leichter? Runder? Schöner? Gerechter? Wir leben in schweren Zeiten!

Da ist mein Zwillingsbruder, der sich am Donnerstagabend auf den Weg nach Kabul gemacht hat. Alles Reden von mir, dass er die Reise aufschieben soll, dass es im Moment zu gefährlich sei, hat er gehört. Aber da ist sein innerer Auftrag, dass er sich für das Kinderkrankenhaus in Kabul verantwortlich fühlt, mit den Menschen dort verbunden ist, helfen möchte. Das kann ich verstehen, aber ich sehe auch den Wahnsinn dort, ausgerechnet Bomben auf Schulen zu werfen, Selbstmordattentate in Krankenhäusern zu inszenieren und und und… Wir leben in krisenhaften Zeiten.

Wie kann man leben, überleben in diesen schwierigen Zeiten, die einem aufs Gemüt schlagen, die einen manchmal auch die Advents- und Weihnachtszeit, die doch eigentlich schön und friedlich sein soll, schwer sein lässt? Wie kann man vertrauensvoll in die Zukunft schauen, Hoffnung haben und halten? Ein biblischer Text aus dem Buch des Propheten Jesaja, im 35. Kapitel, Verse 3 bis 10, hat da eine ganz klare Antwort drauf:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: „Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.“ Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Der Prophet Jesaja, der auch in schweren und sicher auch krisenhaften Zeiten lebt, lässt sich mal nicht verunsichern. Er scheint vor Energie zu strotzen und fordert andere auf, es ihm gleichzutun. Schaut zuversichtlich und hoffnungsfroh in die Zukunft und malt uns eine Zukunftsvision, die schöner nicht sein kann. Würde er mir begegnen, heute noch einmal wiederkommen dürfen, würde er mir sicher das eine oder andere deutlich sagen. Ich bin mir sicher, er würde kein Blatt vor den Mund nehmen.

Vielleicht würde er sein Gespräch mit mir so anfangen: Sag den verzagten Herzen: Seht, da ist euer Gott! Er kommt! Ja, er ist da, schau nur, überall schon kannst du seine Schritte erkennen. Und dann würde er mich sicher auffordern und sagen: Nun schau doch mal, natürlich ist vieles im Argen, natürlich ist viel Leid und auch viel Schrecken, aber siehst du nicht auch das andere, das, was schon am Wegesrand blüht, was in Gemeinschaft gedeiht?

Hast du nicht auch wahrgenommen, dass viele schon dabei sind, sich für die Umwelt einzusetzen? Da gibt es Bestrebungen, Plastik zu sparen. Menschen, die am Meer Urlaub machen, haben sich vorgenommen, bei jedem Strandbesuch mindestens zehn Teile Unrat aufzuheben und ordentlich zu entsorgen. Hast du nicht wahrgenommen, dass Menschen forschen, wie man CO2 einsparen kann?

Und hast du nicht auch gesehen, wie die Frau am Montag in der Gruppe getragen wurde? Wie das Leid aufgenommen wurde und alle mitausgehalten haben? Wie die Nachbarin dann auch geweint hat und die Stimmung ganz vertrauensvoll und friedlich war? Wie tröstlich der Abend endete? Und die Eltern? Der Kollege von zu Hause rief doch gleich an und will der Familie beistehen. Eine ökumenische Beerdigung soll es geben, so wie die Tochter gelebt hat. Viele wollen da sein und trösten. Und dein Bruder? Wo ist dein Vertrauen darauf, dass unser aller Leben in Gottes Hand ist?

Und überhaupt? Hast du nicht gehört? Hast du nicht gesehen? Gott war schon da! Der Himmel hat die Erde schon berührt, gerade erinnerten wir uns wieder daran, bereiteten uns vor auf den Geburtstag des Herrn, erinnerten uns, dass mit ihm das Himmelreich schon begonnen hat, Lahme gehen konnten, Blinde wieder sahen, Menschen ihren Lebensweg verändert haben. Ja, es ist schon und auch: noch nicht. Aber hab Vertrauen, fürchte dich nicht, gib dich in die Hände Gottes, leg alles hinein, deine Ängste und Sorgen, alles Leid und alle Furcht, den Schrecken und das Schwere und dann: Stärk deine müden Hände und mach fest deine wankenden Knie!

Wahrscheinlich würde er mir das sagen, mir vielleicht liebevoll die Hand auf die Schulter legen und bekräftigen, dass mit Gott an der Seite Schmerz und Seufzen entfliehen wird.

Friederike Seeliger