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„Ich habe den Herrn gesehen“

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! (Johannes 20,16)

Es müssen entsetzliche Tage gewesen sein, die hinter Maria Magdalena lagen. Die Ereignisse hatten sich nur so überschlagen. Erst Jesu Verhaftung, dann seine Verurteilung, dann sein grausamer Tod. Ob man das richtig begreifen kann? Ob die eigene Seele bei so etwas mitkommt? Ob man da nicht nur fassungslos daneben steht, gar nichts mehr fühlt, nur großen Schrecken und unendliche Trauer? Wie furchtbar das alles gewesen ist, wie grausam es war, das zu erleben, zu sehen, mit dabei zu sein und vor allen Dingen: nicht eingreifen zu können, nichts verhindern zu können, ihn nicht retten zu können.

Dabei hatte er sie gerettet. Gesund gemacht hatte er sie, insgesamt sieben böse Geister waren aus ihr ausgefahren, als er sie heilte, sie hatte durch ihn ein neues Leben geschenkt bekommen, sie war ihm so dankbar, so viel verband sie seither, sie konnte gar nichts mehr verstehen.

Gestern durfte sie nichts tun. Es war Sabbat, sie wusste nur, wo sie ihn hingelegt hatten, da wollte sie hin. Wollte wirklich begreifen, was mit ihm geschehen war, ihm den letzten Dienst erweisen, den sie ihm erweisen konnte, ihn salben und ölen und dabei vielleicht wirklich begreifen, dass er nicht mehr war.

Sie war allen Trauernden dieser Welt nahe. Sie empfand nicht anders als andere, sie konnte sich noch nicht vorstellen, wie die Welt ohne ihn sein sollte, wie das Leben ohne ihn weitergehen sollte. Ein von ihr geachteter, ein von ihr geliebter Mensch war tot. Nichts war mehr, wie es war, alles um sie herum schien dunkel. Schwer lag alles auf ihr.

Maria Magdalena, eine von uns, eine wie wir, eine, die noch nicht weiß, wie sie mit ihrer Trauer weiterleben wird. Ganz in Gedanken ist sie auf dem Weg. Es wird ihr so gegangen sein wie uns, wenn wir das erste Mal nach einem Todesfall wieder auf den Friedhof kommen, wenn wir mit den Gedanken in die Vergangenheit reisen, wenn wir versuchen das Unbegreifliche zu begreifen.

Ganz in Gedanken, ganz versunken in ihre Trauer, in all die Fragen, die nach einem Todesfall in einem aufbrechen. Ganz in Gedanken, nichts wahrnehmend, von dem, was einem unterwegs begegnet, nicht aufnahmefähig, sondern ganz in sich gekehrt.

Sie schreckt erst auf, als sie bemerkt, dass der Stein nicht mehr vor dem Grab liegt. Wie furchtbar ist das jetzt? Welche Gedanken ihr wohl durch den Kopf geschossen sind? Ob sie Sorge hatte, dass Jesu Leichnam entwendet sein könnte, ob sie fürchtete, dass der Leichnam geschändet wird…

Sie reagiert sofort und sucht Verbündete, Simon Petrus und die anderen Jünger informiert sie, Petrus und ein anderer Jünger laufen gleich los. Auch sie vergessen für einen Moment ihre Angst, wollen wissen, was geschehen ist. Sie überzeugen sich, dass Maria Magdalena nicht gelogen hat, dass sie die Wahrheit gesprochen hat, dass Jesu Leichnam verschwunden ist.

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“, und was er zu ihr gesagt habe.

Ja, sie ist mit den Jüngern noch einmal zurückgekehrt zum Grab, wo soll sie auch sonst hin an diesem Morgen, an dem nichts mehr ist, wie es war. Und all ihre Trauer, all ihre Fassungslosigkeit und auch der Schrecken über das Fehlen des Leichnams entladen sich endlich in einer Flut von Tränen.

Sie kann endlich weinen, wieder etwas spüren, auch wenn es nur der Schrecken ist. Aber es macht sie aktiv, durch den Tränenschleier hindurch blickt sie in das Grab und sieht – sieht zwei Engel, die sie gar nicht erschrecken – es ist, als hätte sie nichts anderes erwartet. Die drei sprechen ganz normal miteinander, aber das, was sie erfahren möchte, erfährt sie nicht.

Vielleicht ist sie auch zu ungeduldig, schon im Sprechen scheint sie sich wieder abzuwenden, sieht die nächste Person, wird wieder ganz teilnahmsvoll gefragt, warum sie weint. Ob Maria das wahrnimmt? Dass da Engel, Menschen sind, die sich für ihre Trauer interessieren? Die hören möchten, wie es ihr ums Herz ist? Die Anteil nehmen wollen an ihrem Schmerz, nicht darüber hinwegsehen, wie das so oft in unserer Zeit geschieht? Maria, warum weinst du? Weint sie wirklich nur, weil der Leichnam verschwunden ist?

Meine Mutter wollte mich vorbereiten für die erste Beerdigung, die ich erleben musste, damals, als meine Großmutter starb: Mieke, wenn der Sarg in die Erde gelassen wird, dann ist es noch einmal ganz schlimm… Ja, irgendwie hatte sie Recht. Wenn der Verstorbene plötzlich ganz weg ist, meiner Welt entzogen wird, ich ihn nicht mehr anfassen kann, ja, es wird so endgültig – erst einmal –.

Maria sucht. Will sich mit dieser Endgültigkeit noch nicht abgeben Und dann bedarf es nur ihres Namens, um aus dieser Endgültigkeit gerufen zu werden.

„Maria!“

So wie er sie vielleicht noch vor ein paar Tagen gerufen hat, so ruft er auch jetzt und stoppt sie im gleichen Moment: Rühr mich nicht an! Anfassen, umarmen darf sie ihn nicht. Jesus muss erst zu seinem Vater, unserem Vater. Aber erzählen soll sie, berichten, was geschehen ist, was sie gesehen und erlebt hat.

Sie wird das tun, Maria wird den Jüngern erzählen und nicht schweigen und viele nach ihr haben davon erzählt und nicht geschwiegen und ich reihe mich heute auch wieder ein und erzähle und schweige nicht, denn das, was damals geschah, das hat nicht nur Marias Leben verändert, sondern auch meins; das, was damals geschah, prägt das Leben von uns Christinnen und Christen. Damals wurde aus Trauer Hoffnung. Aus Schrecken wurde Zuversicht Aus Angst wurde Vertrauen Aus Tod wurde Leben.

Maria erlebte, Maria sah mit eigenen Augen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass es weiter geht. Aber sie erlebte auch, dass es anders weitergeht, dass trotz des Weitergehens nichts so bleibt wie es war. Jesus kann sie nicht mehr anfassen, ja, im ersten Moment hatte sie ihn noch nicht einmal erkannt und er spricht auch davon, dass er zu seinem Vater, unserem Vater muss. Er ist da und doch auch nicht, sie kann ihn spüren, aber nicht anfassen, sie sieht und erkennt doch nicht sofort. Aber sie begreift: Er lebt!

Und dieses Begreifen hilft ihr in ihr Leben zurück, lässt sie vertrauensvoll nach vorne schauen. Ja, wenn einer stirbt ist das traurig, manchmal kann man sich ein Leben ohne diesen Menschen nicht mehr vorstellen, ist man wie gelähmt und der Moment wenn der Sarg sich in die Erde senkt, der ist schrecklich und scheinbar endgültig –.

Aber, Gott hat sein großes Aber durch Jesus Christus in die Welt gesandt: Aber: Es ist nur hier auf Erden zu Ende, danach, danach geht es weiter. Maria hat es gesehen und erlebt, sie hat Zeugnis davon abgelegt, und so darf auch für uns immer wieder aus Trauer Hoffnung werden, aus Schrecken Zuversicht, aus dem Tod das Leben; denn Jesu Weg wird auch unser Weg sein, auch wir werden durch den Tod in ein neues Leben gehen, werden zu unserem Vater kommen, wenn er uns ruft.

Deshalb lasst uns einstimmen in den Osterjubel: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Friederike Seeliger