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Hab*Frieden

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. (Römer 12,18)

„Da würde ich gern mal Mäuschen spielen“ ist ein Satz meiner Mutter, der mich immer irgendwie lächeln machte. Mäuschen spielen, Mäuschen spielen wollte meine Ma immer dort, wo es etwas zu entdecken gab, wo Rätsel gelöst wurden, wo man lernen konnte wie es geht oder wo Geschichten weitergingen. Und Mäuschen wollte sie wohl sein, um nicht zu stören, nicht entdeckt zu werden, rechtzeitig wieder verschwinden zu können, ehe man in etwas hineingeriet, aus dem man nicht mehr herauskam. Ja, so war sie, auf eine gute Art sehr neugierig, wissbegierig und dann auch zurückhaltend.

Ihre Tochter ist da – jedenfalls im Moment – ganz anders und nicht so bescheiden: Ich will nicht Mäuschen spielen, will nicht unentdeckt aus einer Ecke heraus zu schauen, wie die Welt gerade funktioniert, sondern ich möchte im Moment am liebsten tatkräftig mitspielen, mitwirken oder sogar bestimmen. Manchmal träume ich sogar davon, Gott zu spielen oder, weil das ja eigentlich vermessen ist, lieber jemand zu sein, der regeln und bestimmen darf.

Ich spüre nämlich allabendlich, wenn ich die Nachrichten sehe, wie kurz meine eigene Zündschnur geworden ist angesichts des Leids, das da über den Bildschirm flimmert. Und dann kribbelt es mir doch immer unter meinen Fingernägeln und ich kann mich kaum bremsen, um da mal ganz schnell gehörig in unserer Welt aufzuräumen. Es gibt da eine Menge zu tun, ich hätte ausreichend Gelegenheit, mich zu entfalten:

~ Zuerst würde ich erst einmal all die zurechtweisen, die gerade locker flockig so tun, als gäbe es das Virus nicht und damit viele andere gefährden. Und da meine ich jetzt nicht unsere Kinder und Jugendlichen, sondern Erwachsene, die die Gefahr einschätzen können müssten. Ich würde sie arbeiten lassen in unseren Krankenhäusern und Heimen, damit sie wieder einen Blick für das Leid dieser Welt bekommen. Ich würde sie hineinschicken in die Familien, wo Angst und Sorge herrscht, damit sie wahrnehmen, welchen Belastungen viele ausgesetzt sind. Ich würde…

~ Ich würde versuchen, überall dort hart durchzugreifen, wo ich Ungerechtigkeit wittere, wo Schwache weiter geschwächt werden, wo Menschen nicht zu ihrem Recht kommen. Und hier wäre es mir ein Herzensanliegen, in unserer Wirtschaft mal so richtig aufzuräumen! Den Managern mal ein paar Monate das Gehalt verweigern und das Geld den Arbeitnehmern geben, Arbeitsplätze erhalten statt Boni auszahlen, Gehälter erhöhen oder Preise drücken… Einfach Geld anders verteilen, Blicke schärfen für den anderen.

~ Überheblichen Menschen würde ich dienende Tätigkeiten verschreiben, sie im Sozialsektor unterbringen für eine Zeit, damit sie wieder einen Blick für die anderen Menschen bekommen.

~ Ich würde in die Flüchtlingslager gehen, ordentliche Häuser bauen lassen, Familien von dort aus in andere – reichere Länder einziehen lassen, die elternlosen Kinder auf Schulen schicken, Familien suchen, Zukunft eröffnen… In den Ländern, aus denen sie kommen, die Wirtschaft ankurbeln, für gute Arbeitsbedingungen sorgen, Sicherheitskonzepte erarbeiten, damit Menschen unter würdigen und möglichst sicheren Bedingungen arbeiten können.

~ Und die, die sich nur bereichern, die die Würde des Menschen nicht achten, ich glaube, ich würde sie bestrafen wollen, vielleicht sogar mit den gleichen Mitteln behandeln… manchmal lernt es sich so. Dem ein und der anderen einmal eine Lektion erteilen, damit die wieder sehen, wie es wirklich auf der Welt aussieht.

~ Ich würde dort, wo Konflikte herrschen oder gerade Krieg ist, so richtig dazwischen gehen und mal direkt klären, wie es weiterzugehen hätte…

Oft genug male ich mir aus, wenn ich so vor dem Fernseher sitze, wie ich die Welt wieder auf Kurs brächte und versuchen würde, ein Paradies auf Erden zu schaffen, wo es sich mit Leichtigkeit und Liebe leben ließe, wo das Leben nicht jeden Tag lebensgefährlich und eine Herausforderung wäre für den einen oder die andere.

Ja, ganz oft denke ich, ich wüsste schon, wie ich es mache, und Mäuschen spielen wollte ich gar nicht, sondern lieber das Sagen haben. Mich vielleicht sogar an mancher Stelle für das rächen, was andere, aber auch ich, gelegentlich aushalten müssen.

So ist es. Ich würde wirklich gern sagen, wo der Hammer hängt, wie es laufen muss, wie es besser ginge. Würde ich.

Wahrscheinlich würde ich mit harter Hand regieren, wenn es nach meinen Vorstellungen gehen soll, denn dann kann es nicht nur liebevoll geschehen, ich bin ja nicht der Geduldigsten eine, dann würde der ein oder die andere auch schon mal etwas spüren, aber dann wären es wahrscheinlich größtenteils andere, die etwas spüren würden als die jetzt. Oh ja, da brodelt es ganz heftig in mir, wenn ich an die Zustände in unserer Welt denke, da bin ich direkt voller Tatendrang und leider nicht nur friedlich gestimmt…

So soll es aber nicht sein. Ich werde direkt ausgebremst, wenn ich auch nur einen kleinen Blick in unsere Bibel riskiere und wenn ich unseren heutigen Predigttext lese, dann erst recht.

Paulus, mit dem ich mich in einem guten Sinn gern streite, der schaut mir ganz gründlich auf die Finger, bzw. in mein Herz. Paulus ruft uns immer wieder die Gebote Gottes ins Gedächtnis, er ermahnt uns und fordert uns auf, er tritt nicht für das Regeln ein, sondern für das Lieben. Er tritt dafür ein, sich in dieser Welt einzurichten in der Nachfolge Jesu, er wirbt für ein gutes Miteinander und faire Bedingungen, so wie ich, und doch geht er einen völlig anderen Weg. Im Brief des Apostels Paulus an die Römer heißt es:

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, „wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12.,17-21)

So ist er, mein Freund Paulus. Mit einem Streich macht er alle meine Weltverbesserungspläne nichtig, mit einem Streich erklärt er mir, wie es anders geht, allerdings bin ich hier auch gefragt, nur nicht so, wie ich mir das ausgemalt habe!

Also: Es geht hier nicht darum, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, damit der andere einmal sieht, wie das ist, wenn man so behandelt wird. Es geht nicht darum, dem anderen einmal so richtig vors Schienbein zu treten, damit der auch mal etwas fühlt. Es geht nicht darum, auf den richtigen Moment der Rache zu warten, um dann so richtig zuzuschlagen. Nein, um all das geht es nicht.

Es geht schlicht und ergreifend um Liebe, so einfach – so schwer. Und Gott das Seine zu überlassen. Wenn mir jemand etwas tut, dann soll ich nicht verhärten, sondern mein Herz weit machen. Menschen, die gegen mich arbeiten, die mir nicht wohlgesonnen sind, die soll ich gut behandeln, ja sogar unterstützen. Ich soll verzeihen und freundlich sein, ich soll friedlich gestimmt sein und vergeben, ich soll lieben.

Ich kann Ihnen sagen: Das ist schwer! Das ist für mich schwer! Sehr schwer! Und ein lebenslanger Kampf gegen mich selber – leider. Da stehe ich ganz am Anfang.

Aber – ich will das schaffen. Denn wenn ich so lebe, dann habe ich Energie frei, Energie frei für Dinge, die mir guttun, die meinen Nächsten gut tun, die der Welt gut tun und Gott. Denn das wissen wir sicher alle, auch die, die eigentlich sanftmütig durchs Leben laufen: wer wütend ist, wer auf Rache aus ist, wer zurückschlagen möchte, der bindet viel, viel Energie – der lässt sich beherrschen von dunklen Mächten.

Vor ewig langer Zeit habe ich mal eine Geschichte gelesen über einen Mann, der von seiner Frau betrogen worden war – ich glaube jedenfalls, dass es um so etwas ging – und anstatt richtig wütend zu werden auf sie, hat er versucht, ihr zu vergeben. Und damit ihm das gelingt, hat er als Passwort für seinen Computer irgendwie so etwas gewählt wie: „Vergib*ihr“. Über Wochen hat er das mehrmals täglich eintippen müssen: „Vergib*ihr“. Er hat ihr vergeben und sein Leben nicht durch Wut und Hass und Zorn vergiftet.

Vielleicht sollte ich auch so etwas tun: „Hab*Frieden“ als Passwort, als ersten Gedanken morgens beim Aufstehen, als letzten Gedanken abends beim Einschlafen – wer weiß, vielleicht verändert sich dann auch für mich die Welt und ich will nur noch Mäuschen spielen, so wie meine Mutter.

Amen.

Friederike Seeliger

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