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„Gottes Gurkentruppe“

In unserem Gesangbuch gibt es das Lied „Nun freut euch, liebe Christen g’mein“. In den Strophen zwei und den folgenden hat Martin Luther unsere Geschichte mit Gott so dargestellt: „Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren, mein Sünd mich quälte Nacht und Tag, darin ich war geboren. Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein, die Sünd hat mich besessen.“ Gott erbarmt sich und sendet seinen Sohn. Der nimmt unsere menschliche Gestalt an und verspricht uns: „Den Teufel wollt‘ er fangen.“ Tatsächlich hat der Reformator fest an den Teufel geglaubt. Und er befindet sich damit ganz in Übereinstimmung mit dem Alten und dem Neuen Testament.

Im Alten Testament lesen wir von Hiob. Hiob ist reich, er hat eine große Familie und erheblichen Besitz. Und er ist „gottesfürchtig und meidet das Böse. “Der Teufel kommt ins Spiel und macht einen Handel mit Gott: Wenn ihm alles, was er hat, genommen wird, „was gilts, er wird dir ins Angesicht absagen.“ Hiob verliert alles, zuletzt auch seine Gesundheit. Er möchte nicht mehr leben, aber er bleibt Gott, dem Schöpfer, zugewandt. „Und der Herr segnete hernach Hiob mehr denn zuvor.“

Ist Luther hier mit der Theologie des Alten Testaments konform? Für mich auffallend am Hiob- Drama ist, dass der Teufel im Verlauf der Entwicklung vollständig aus dem Blick gerät. Was zu klären ist, klärt Gott mit dem Menschen Hiob, klärt Gott mit uns. Und das entspricht auch der Theologie des Luther-Liedes. Entscheidend ist Gottes Heilsplan mit seinen Geschöpfen und für seine Geschöpfe. Der Teufel spielt dabei für mich nur die Rolle, Gottes gutem Willen für uns einen figürlichen Anfang zu setzen. Es geht nicht primär um den Teufel, es geht im Wesentlichen um das Böse in unserer Existenz, mit dem wir Menschen zurechtkommen müssen. Und um Gottes Fürsorge für uns.
Weil aber das theologische Drama, in dem der Teufel eine unheilvolle Rolle spielt, beunruhigend ist, hat das Alltagsbewusstsein an ihm gearbeitet. Zum Beispiel in den Märchen.

Im Märchen Des Herrn und des Teufels Getier ist der Teufel ein dilettantischer Schöpfer, dem alles misslingt. Anders im Märchen Des Teufels rußiger Bruder. Der arme Soldat, der dem Teufel in der Hölle sieben Jahre lang treu dient, wird reich belohnt.

In einer weiteren Stufe hat das Alltagsbewusstsein den Teufel endgültig entschärft und in die Alltagssprache hineingewickelt. Jetzt sind dem Teufel die am weitesten gehenden Bedeutungsfesseln angelegt worden. Nun gibt es den Teufelskerl und den Teufelskreis, Teufelszeug und den Teufelsbraten, man kommt in Teufels Küche und jemand malt den Teufel an die Wand, etwas ist teuflisch schön oder teuflisch kalt, und manchmal muss man teuflisch aufpassen. Mag sein, dass in allen diesen Redensarten die ursprünglich menschenbedrohende theologische Bedeutung noch durchschimmert, aber sie ist nun überdeckt von der alltäglichen Sprechaktdramaturgie.

Ist damit das Thema „Teufel“ erledigt? Sicher nicht, denn auch das Neue Testament kennt ihn und rechnet mit ihm. Vor allem im Matthäusevangelium ist er gegenwärtig. Am Anfang des vierten Kapitels bietet der Teufel Jesus gleich dreimal Macht und Reichtum, wenn er sich auf den Handel mit ihm einlässt. Und der Teufel ist es, der die gute Saat im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen verdirbt.

Ist es nach den Befunden aus dem Alten und dem Neuen Testament möglich, die Realität des Teufels aus unserer Theologie zu tilgen? Eine schwierige Frage. Wir können uns ja nicht auf die Ebene der Märchen und der Alltagssprache begeben und das, was „Teufel“ theologisch aussagt, ignorieren.

Für mich ist es erlaubt, das, was den Teufel als Gegenüber von Gott oder Jesus beschreibt, nämlich deren unheilvoller Antipode zu sein, uns Menschen aufzuladen. Ich glaube mich dabei an Paulus halten zu können, der sein Handeln und Wollen im siebten Kapitel des Römerbriefes so beschreibt:

„Denn ich weiß ja: in mir, das heißt in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes; denn der gute Wille ist bei mir wohl vorhanden, dagegen das Vollbringen des Guten nicht; denn ich tue nicht das Gute, dass ich tun will, sondern vollbringe das Böse, das ich nicht tun will.“ (Römer 7,18f.)

Paulus‘ Antwort darauf im nächsten Kapitel des Römerbriefes:

„Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28)

Eine Theologin hat uns in einem öffentlichen Gottesdienst des Kirchentages in diesem Jahr in Dortmund als „Gottes Gurkentruppe“ bezeichnet. So sind wir, die Stolperer zwischen Gut und Böse, zwischen Helfen und Ignorieren, Unruhe machen und Frieden stiften. In unserer Unvollkommenheit. Und wenn wir das mal einsehen, fällt auf uns das Licht der Schöpfung. Und wir können uns drauf verlassen, dass wir nicht aus der Hand Gottes fallen. So geht es uns dann, wie es Noah gegangen ist.

Hans Erlinger