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Für den kleinen Frieden braucht es dich und mich

Vielleicht treibt auch Sie diese Frage heute um: Wie komme ich eigentlich selbst an der Krippe an, wie kann die Weihnachtsgeschichte auch mich berühren, hier, mitten im Ruhrgebiet? Es ist diese Frage nach der Bedeutung von Weihnachten für uns heute, die ich in einem Bild der Künstlerin Beate Heinen wiederentdecke. Es trägt den Titel: „Die Heiligen Drei Könige“. Das Bild zeichnet Spuren der biblischen Geschichte und unseres Alltags. Eine Straße, ein von Menschen überfüllter Bürgersteig. Um sie herum: Bilder einer Großstadt. Autos. Eine Straßenlaterne, beleuchtete Fenster. Hochhäuser. Leuchtreklame für Whisky und Coca Cola. Irgendein Club muss in der Nähe sein.

Wie reagieren die drei Könige auf dieses Umfeld? Staunen sie oder wundern sie sich? Ist es Faszination oder Ablehnung, die aus ihren Augen spricht? Drohen sie unterzugehen am linken unteren Bildrand? Oder lassen sie alles wie einen Film an sich vorüberziehen?

Auf ihrem Weg zur Krippe hin sind sie eingetaucht in die übervolle, hupende, laute Welt der Straße einer Stadt. Gegenüber Menschen, die unterwegs sind zu den Restaurants der Stadt. Etwas von Überfluss steckt auch in dem Bild.

Und die drei Könige? Sie stehen mittendrin in unserer Welt – und verlieren nicht die Spur des Sterns. Sie lassen sich nicht abbringen von ihrem Weg, der sie zu dem Kind in der Krippe führt. Der Stern hält sie auf der Spur. Kein Wunder, dass das Bild von Beate Heinen genau da am schönsten ist. An einer Stelle bleibt alles unberührt von allem Dunklen. Nichts ist zubetoniert, alle Enge bleibt zurück. Hier sind nur noch ein tiefes Blau und der helle Stern, das Zeichen von Gott. Als Wolke zog er dem Volk Israel durch die Wüste voran. Hier leitet ein Stern mit seinem hellen klaren Licht die Könige zur Krippe hin. Er strahlt bis nach unten auf ihre Gesichter. Als Hinweis auf den neugeborenen Gottessohn aus Bethlehem: Gott will nicht mehr für sich bleiben. Er will erfahrbar, sichtbar werden mitten unter uns Menschen. Und das Leuchten auf den Gesichtern der Könige ist der Anfang.

Ich stelle mir vor, wie du und ich uns an die Seite der drei Könige stellen, die im Matthäusevangelium als „Weise aus dem Morgenland“ benannt werden. Wie wir da unseren Platz suchen und alles Hektische und Schnelle vorbeziehen lassen. Einmal nur still stehen und zuschauen. Fast wie von selbst erhebt sich dabei der Blick. Sorgen und Fragen, Ängste, alles, was uns nach unten ziehen möchte, bleibt zurück. Wir sehen das Licht, die Weite, den Himmel. Und noch mehr: Gott bleibt nicht dort. Er kommt. Er ist da. Als neugeborenes Kind in der Krippe im Stall.

Die drei Könige. Menschen auf der Suche. Die sich nicht abbringen lassen von ihrem Weg. Menschen, die im Kleinen das Große sehen, die bereit sind, ihren Weg zu ändern, damit das Leben weitergehen kann. Menschen auf der Suche nach Weihnachten.

An ihrer Seite stehen auch wir heute an der Krippe – mitten in Essen. Der Stern von Bethlehem, er leuchtet auch für uns. Seine Botschaft lautet: „Denk daran, wie Gott dich gewollt hat. Als Mensch mit menschlichem Antlitz. Mit einem Herz, das hüpft vor Liebe. Mit Seele, richtig Seele. Mit der Bereitschaft, dem anderen wirklich zuzuhören. Und wachsendem Mut, den Frieden auszurufen. Mit offenen Augen für die Wunder, die mitten unter uns geschehen; die Nachbarin, die mir einen Christstollen backt und vor die Haustür legt. Junge und alte Menschen, die auch in unserer Stadt aufstehen für zivile Seenotrettung als christliche und humanitäre Pflicht. Die sich als Teil der Schöpfung Gottes verstehen und sich dafür einsetzen, sie zu bewahren. Schüler, die sichtbare Zeichen setzen für den Klimaschutz. Menschen aller Kulturen und Religionen, aller Parteien, Vereine und Initiativen, die sich für ein friedliches Miteinander einsetzen. Die sich nicht zufrieden geben mit dem was ist, sondern die Hoffnung  lebendig halten, dass etwas verändert werden kann.

Heute Abend stehen wir an der Seite der drei weisen Könige. Mit ihnen beten wir:

Suchend möchte ich sein, Gott, nicht jemand, der schon alles weiß. Suchend möchte ich bleiben, Gott, denn den Suchenden ist verheißen, dass sie finden, dass sie entdecken immer wieder neu im Geringen das Große, im Ohnmächtigen die Macht, im Kind in der Krippe dich, Gott.

Wie kommen wir, an der Seite der drei Könige, selbst an der Krippe an? Indem wir Suchende bleiben. Indem wir uns nicht an das gewöhnen, was ist, sondern uns aufmachen und kräftig unsere Stimme für den Frieden erheben. Denn das Geschenk des Christkindes ist Schalom. Der Friedensbringer will uns als seine Friedensboten – jeden und jede einzelne und uns gemeinsam, hier in Essen, in Berlin, in London, in Paris, in Istanbul, in Bethlehem, in Bagdad, in Gaza, in Tel Aviv.

Wir alle sind gefordert, unsere vielen kleinen Stimmen zum lauten Chor des Friedens zusammenzutun. „O du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit“ zu singen, aus vollen Halse und aus vollem Herzen. Nicht nur nach innen zu singen, sondern auch in die Welt. Gott kam nicht in einen liturgischen Raum, sondern in unsere Welt, in die Kälte, in die Nacht des Herodes und Augustus. Er kam in eine bedrohliche politische Situation und wurde dort zum Friedensbringer.

Wer unter dem Himmel Gottes lebt und diese Stimme hört, der geht auch den Hirten und den drei Königen nach, die einen Stern sehen über sich und über unserer Welt, den Stern der Hoffnung, der Verheißung des Lichts und des Friedens. Gott hat seine Welt nicht aufgegeben und ruft uns seinen großen Schalom zu. Für den kleinen Frieden braucht es dich und mich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.

Marion Greve