Dieser Beitrag wurde 724 mal aufgerufen

Erinnern, heilen, Christus bezeugen

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5,17)

Am 18. Februar 1546 ist Martin Luther in Eisleben gestorben, in seiner Geburtsstadt. Es war kalter Winter und der keineswegs immer gesunde, 63jährige Reformator hatte sich nicht davon abbringen lassen, in das Land der Mansfelder Grafen zu fahren – per Reisewagen natürlich –, um Streit zwischen den Parteien zu schlichten. Sie mussten die eisige Saale überqueren und es pfiff der Wind aus allen Wetterecken.

Seine geliebte Frau Käthe machte sich gewaltige Sorgen, wie wir uns vorstellen können. Trotz seines schlechten Zustands predigte er unterwegs in Halle und in Eisleben mehrfach. Aber seinen goldenen Humor behielt er, obwohl er sich immer elender fühlte. An seine besorgte Katharina schrieb er Briefe voll fröhlichen Gottvertrauens: „Laß mich zufrieden mit Deiner Sorge. Ich habe einen besseren Sorger, denn Du und alle Engel sind. Der liegt in der Krippe, und sitzet gleichwohl zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters. Darum sei in Frieden.“

Bald konnte er Käthe seine Heimkehr ankündigen. Das Versöhnungswerk sei gelungen. Aber er fühlte sich sehr schwach. Zum Mitreformator und Freund Justus Jonas sagte er prophetisch, wenn er heimkomme, „wolle er sich in den Sarg schlafen legen und den Leib den Würmern zu verzehren geben.“

Am Abend des 17. Februar, als er zur Ruhe gehen wollte, ergriff ihn die letzte tödliche Krankheit. Er klagte über Schmerzen in der Brust. Die Freunde, die bei ihm waren, rieben ihn ein, und er konnte danach einige Stunden schlafen. Um 1 Uhr erwachte er mit neuen, heftigen Beklemmungen. „In deine Hände befehle ich meinen Geist. Du hast mich erlöst, du treuer Gott“ hörte man ihn mehrmals lateinisch beten. Todesschweiß stand auf seiner Stirn. Jonas fragte ihn: „Ehrwürdiger Vater, wollt ihr auf Christum und die Lehre, wie Ihr sie gepredigt, beständig sterben?“ Luther antworte vernehmlich: „Ja!“

Dreiviertel auf drei Uhr morgens, am 18. Februar 1546, gab er seine Seele in die Hände Gottes zurück. Es geschah in des Stadtschreibers Johann Albrecht Hause. Die Zeugen seines Todes – Justus Jonas, Michael Coelius und Johann Aurifaber – haben sein friedliches, seliges Ende wahrhaftig beschrieben.

Martin Luther ist tot und ein großes Weinen – das ist nicht übertrieben – ging durch das Land. Seine Leiche wurde nach Wittenberg überführt. In allen Orten läuteten die Glocken. Am Montag, 22. Februar, langte der Trauerzug vor dem Elstertor in Wittenberg an. Katharina war mit ihren Kindern schon vorher dem Trauerzug entgegengefahren. In der Schloßkirche, an deren Portaltür der junge Luther seine 95 Thesen 1517 angeschlagen hatte, wurde der Sarg unter der Kanzel aufgebahrt.

Der Reformator Dr. Pomeranus Johannes Bugenhagen hielt die Trauerpredigt in deutscher Sprache und Professor Philipp Melanchthon in lateinischer Sprache. Dann ließ man den Sarg in die Kirchen-Gruft nahe der Kanzel hinab. Melanchthon klagte: „Wir gleichen nun Waisen, die eines trefflichen, treuen Vaters beraubt worden sind.“ Johannes Bugenhagen prophezeite: „Die Person ist wohl in Christo verschieden, aber die gewaltige, selige, göttliche Lehre dieses teuren Mannes lebt nach aufs allerstärkste.“

Die reformierten Kirchen und die römisch-katholische nähern sich – Gott sei gelobt und gepriesen – im 21. Jahrhundert in einer Weise an, besinnen sich auf das Zentrum des christlichen Glaubens, wie es das in den vergangenen 500 Jahren nicht gegeben hat.

Doch bevor ich darauf eingehen will, möchte ich uns zuvor Martin Luthers letzte, schriftliche Worte vergegenwärtigen. Zwei Tage vor seinem Tode schrieb er auf einem Zettel folgende Worte:

„Wer wollte sagen: Nun habe ich alles verstanden? … die Verfasser der Heiligen Schrift soll niemand meinen auch nur ahnungsweise verstanden zu haben, er habe denn hundert Jahre zusammen mit den Propheten die Gemeinden geleitet. Deshalb ist es ein ungeheures Wunder um Johannes den Täufer, Christus und die Apostel. … beuge dich und verehre die Fußspuren.“

Dann schließt die Niederschrift mit dem Wort Luthers, das uns als sein letztes erhalten ist, gewissermaßen das Vermächtnis des einstigen Bettelmönchs, der mehr von der Sache der Theologie verstanden hat als wir (das schreibt der ausgewiesene Luther-Forscher Gerhard Ebeling in: „Luther – Einführung in sein Denken“, Tübingen 1964, S.279), und nun doch bekennt: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“

Das ist unser eigentlicher Stand vor der Heiligen Dreifaltigkeit, und ich frage uns Bettler nun, was wir von der Versöhnung, die Jesus und Paulus predigen, verstanden haben, was wir davon wissen, und was sich die Christen unter und gegeneinander angetan haben in den vergangenen 500 Jahren, und wie es weiter gehen soll in der zukünftiger Zeit?

Erinnern – heilen – Christus bezeugen: So lautet die Überschrift des gemeinsamen Wortes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

Erinnern.

Eines der bekanntesten Lieder im Evangelischen Gesangbuch, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, stammt von Georg Neumark. Neumark ist ein Kind des Dreißigjährigen Krieges: geboren 1621, gestorben 1681. Er ist als junger Mann Opfer brutaler Gewalt geworden. Er stammte aus Thüringen und machte sich 1640, mit 19 Jahren, zu Fuß auf den Weg, um in Königsberg zu studieren. Er schloss sich aus Sicherheitsgründen Handelsreisenden an. Der Tross wurde brutal überfallen von marodierenden Soldaten, die ihm alles raubten, was er besaß: Kleidung, seine wertvollen Bücher und sein ganzes Geld. Er kam mit dem nackten Leben davon. „Mit nüscht“ gelangte er wie ein Flüchtling nach Kiel.

Dort lachte ihm wieder das Glück. Denn er fand eine Stelle als Lehrer und sparte eisern zwei Jahre lang – bis er das Geld für das Studium zusammen hatte. Noch an dem Tag des Beginns seiner Lehrertätigkeit 1642 dichtete er als junger Mann sein berühmtes Lied: „Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit; den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut“. Die fünfte Strophe nimmt konkret auf seine grauenhafte Gewalterfahrung und seine Wut darüber Bezug:

„Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist,
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetm Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.“

Georg Neumark hat bei Simon Dach Jura und Musik studiert und ist später in Weimar ein erfolgreicher Dichter und Kanzleiregistrator geworden.

Unser Erinnern an unsere konfessionelle und interreligiöse Vergangenheit ist schön und schrecklich zugleich. Ganze Bibliotheken (vgl. z.B. Arnold Angenendt: „Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“, Münster, zitiert nach der 5. Auflage 2009) sind inzwischen über die Gewaltfrage entstanden. Die furchtbare Folterfrage ist in den USA und andernorts nicht vom Tisch – Stichwort „Waterboarding“.

Die furchtbarste Folter, die mich als Jugendlicher schon entsetzt hat, ist der euphemistisch so genannte „Schweden-Trunk“ aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648). Was ist das? Der Zeitgenosse des Krieges, Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen, beschreibt die Folter so: „Den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul, schütteten ihm einen Melkkübel voll garstigen Mistlachen-Jauchewasser in den Leib und nenneten sie einen Schwedischen Trunk.“ Nicht nur die protestantischen Schweden, sondern auch die katholischen Feinde praktizierten diese grauenhafte Folter. Weiteres erspare ich mir bei der Erinnerung an diese 30 Kriegsjahre im 17. Jahrhundert. 1648 war endlich der Friedensschluss von Münster-Osnabrück.

Nur noch zweierlei: Haben Sie schon einmal von der sogenannten Bartholomäus-Nacht“ gehört? Die auch „Pariser Bluthochzeit“ genannte Nacht war ein Massaker an den französischen Protestanten, den Hugenotten, am 23./24. August 1572, also im 16. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Reformation. Admiral Gaspard de Coligny und andere hugenottische Führer sind dabei auf Befehl der Königin-Mutter Katharina von Medici brutal ermordet worden. In dieser Nacht des Pogroms sind weitere tausende Pariser Protestanten zu Tode gelyncht worden. Etwa eine viertel Million Menschen, evangelische Christen, mussten ihr Leben in diesen Hugenottenkriegen lassen. Das zentrale Ereignis des Konfessionskriegs in Frankreich, in Paris, ist im kollektiven Gedächtnis der Franzosen tief verankert.

Und an einen weiteren Schatten muss erinnert werden: die Hexen-Verbrennungen in beiden Konfessionen. Das ist auf den spätmittelalterlichen, realen Glauben an die Macht des Bösen, des Teufels, des Diabolus, d. h. des Trenners, zurückzuführen. Das soll und wird uns genügen.

Heilen.

Die Mauern, Grenzen und Zäune, die der Trenner, die Macht des Bösen, aufgebaut hat und noch immer aufbaut, können wir nur durch die Hilfe Gottes und Jesu Christi niederreißen. Im Kyrie-Gebet, im Schuldbekenntnis, beten wir:

„Ich glaube, dass Jesus Christus die Wunden heilt, die Eifer und Unduldsamkeit gerissen haben. Ich bitte um Vergebung für den Hass, der Gott zum Werkzeug des eigenen Willens macht und unschuldigen Menschen Leid zufügt.“

Der Apostel Paulus hat uns in 2. Korinther, Kapitel 5, unzweideutig erklärt, wer dieser Jesus Christus ist. „..die Liebe Christi drängt uns“ (Vers 14) zu sagen, was für uns alle gilt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (Vers 17). „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“ (Vers 9).

Heilen heißt versöhnen, vergeben. Das hat Gott für uns in Jesus Christus getan. Wir sind gebeten, diese Vergebung auch unseren Nächsten angedeihen zu lassen.

Die Kirchenleute, besonders der Anglikanischen Kirche mit Erzbischof Tutu, haben die Heilung unter der Überschrift „Healing of Memory“ in Südafrika nach dem Ende des Apartheid-Regimes mit einem beispielhaften Prozess der Versöhnung eingeleitet.

Wir in Deutschland befinden uns mitten im Heilungsprozess zwischen den beiden evangelischen und katholischen Konfessionen.

Gott, der die Welt in seinem Sohn mit sich selber versöhnt hat, wie der Apostel sagt, beauftragt uns, alle glaubenden Christen,

Jesus Christus zu bezeugen.

Am 8. April 2013 empfing kurz nach seiner Wahl Papst Franziskus als ersten Deutschen den damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, unseren rheinischen Präses Nikolaus Schneider, in Rom. Er sagte damals wörtlich, „dass für beide Konfessionen trotz aller eigenen Identitäten Christus die Mitte ist“.

Am 31. Oktober 2016 feierten Papst Franziskus und der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib A. Younan von Jordanien und Palästina, im schwedischen Lund einen gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst zum Thema: “Vom Konflikt zur Gemeinschaft – Verbunden in Hoffnung.“ Das 500. Lutherjubiläum wird in diesem Jahr nicht nur in Europa, sondern weltweit begangen. Es soll ein Christus-Fest und nicht ein Luther-Fest sein und werden, wie die EKD nicht müde wird zu betonen. Denn Jesus Christus ist unser Versöhner und Gottes Vergebung für seine sündigen Christen und für die Welt.

Die Apostel Petrus und Paulus haben sich vor 2000 Jahren umarmt (aspasmós nennen das die Griechen), so wie es Papst Franziskus und Bischof Younan in Schweden getan haben. Die Schweden als Protestanten und die Katholiken Europas standen sich als unversöhnliche Feinde im 17. Jahrhundert gegenüber und schlachteten einander ab. Daran haben wir uns erinnert. Die Jesus-Vergessenheit ist die Ursünde der Kirchen in ihrer Geschichte.

Das Gemeinsame Wort der Kirchen im Jahr 2016 endet auf Seite 64 mit folgendem Wortlaut: „Die Heilung der Erinnerung befreit uns zu einem gemeinsamen und darin glaubwürdigeren Zeugnis für Jesus Christus. Sie ermutigt uns, das bevorstehende Reformationsjubiläum gemeinsam als Christusfest zu begehen.“

Mit einem Blick auf unsern Herrn und Heiland komme ich zum Schluss: wir schauen auf zu ihm und verehren seine Fußspuren (Martin Luther), den Bergprediger und großen Liebenden, der sein Leben für uns am Kreuz hingab, mit den Worten:

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ (Lukas 23,34)

Eckhard Schendel