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Sieh, dein König kommt zu dir

Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütigt und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. (Sacharja 9,9)

Vor kurzem traf ich in Steele zufällig die Mutter eines ehemaligen Konfirmanden wieder. Wir kamen ins Gespräch, und sie erzählte mir:

„Ich war schon lange nicht mehr in der Kirche, viele Jahre nicht. Als ich letzten Donnerstag an der Friedenskirche vorbeikam, ich weiß nicht warum, schaute ich, ob die Tür offen war. Sie war offen und ich ging hinein. Es war ruhig in der Kirche. An den Wänden hingen Bilder einer Kunstausstellung. Außer mir sah ich nur noch zwei Leute. Ich setzte mich in eine Bank. Die Ruhe tat mir gut. Ganz unterschiedliche Gedanken gingen mir durch den Kopf.

Früher bin ich eigentlich immer gern zur Kirche gegangen. Ich habe gern gesungen. Durch Kinder und Beruf hatte ich dann aber nur noch wenig Zeit. Ich war froh, sonntags einmal keinen Termin zu haben und ausschlafen zu können.

Doch das ist nicht der einzige Grund. Ich war in den letzten Jahren nicht gut zu sprechen auf den lieben Gott. Da war die Trennung von meinem Mann, die mir ganz schöne zusetzte. Dann kam der überraschende Tod meiner Mutter. Ich vermisse sie noch immer. Ich frage mich: Wo war in alledem Gott? Hat der mich vergessen? Ich habe Gott aus den Augen verloren. Als ich in der letzten Woche in der Kirche saß und meinen Gedanken nachhing, spürte ich eine Sehnsucht in mir nach Frieden, nach Licht. Ich sah vorne die große Krippe stehen und musste ganz spontan an das Lied denken, das wir damals so oft gesungen haben: ‚Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich.‘ Ich summte die Melodie vor mich hin. Es hat mich sehr angerührt. Es hat mich angesprochen. Es war, als hätte mich Gott berührt. Vielleicht hat er auch auf mich gewartet. Ist das nicht komisch?“

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, ging mir dieses Gespräch noch lange nach, es hat mich berührt. Und an einen Spruch aus dem Buch des Propheten Sacharja erinnert. Dort heißt es: „Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft.“

Alte Worte, die vor etwa 2.500 Jahren gesprochen wurden. Die Menschen damals wussten: mit König meint der Prophet keinen anderen als Gott selbst. Es ist ein Bild für Gott. Gott kommt. Er macht sich auf zu uns. Er sucht uns, selbst wenn wir jahrelang nichts mehr mit ihm zu tun hatten. Diese Mutter eines früheren Konfirmanden hat das so für sich erfahren.

Gott kommt zu uns. Nicht nur: Wir müssen Gott suchen. Nein Gott kommt, spricht zu uns, rührt uns an und wir finden (wieder) hinein in den Glauben. Glauben zu können, zu dürfen, ist nichts Selbstverständliches. Es ist etwas, was Gott uns schenkt. Es kann Zeiten geben, da rückt der Glaube in den Hintergrund, verliert an Bedeutung. Sei es, weil wir so beschäftigt sind mit anderen Sachen und für Gott keine Zeit bleibt, sei es, weil unsere Lebenserfahrung gegen die Existenz eines Gottes spricht.

Die Menschen zur Zeit Sacharjas haben erfahren, was es heißt, die Heimat verlassen zu müssen. Sie wurden weggeführt. Lange, viele Jahrzehnte haben sie in der Fremde gelebt. Nicht wenige sind dort verstorben. Jetzt durften sie zurückkehren und fanden in Israel vor allem Trümmer. Da war nichts mehr da von dem, wie sie es kannten und erhofft hatten. Neu anfangen? Neues aufbauen? Vielen fehlte die Kraft. Die meisten hatten schon resigniert.

In so eine Situation hinein spricht Sacharja: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“ Sacharja möchte seinen Landsleuten Mut machen: Schaut nicht ständig auf das, was jetzt nicht mehr ist. Bleibt nicht in der Vergangenheit stehen. Schaut nach vorn. Setzt auf die Zukunft. Achtet auf das, was geschieht!

Ob Sacharjas Leute wieder Mut fassten? Ob sie zu hoffen wagten und glaubten, dass Gott einen Neuanfang macht, als König zu ihnen kommt?

Ich weiß es nicht. Was ich aber sehe, ist, wie Christinnen und Christen 500 Jahre nach Sacharja diese Worte hörten und verstanden. Sie dachten sofort an Jesus: Er ritt auf einen Esel in Jerusalem ein. Die Leute standen am Straßenrand und huldigten ihn und riefen: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“ (Johannes 12,13 ). Für sie war Jesus der König, von dem Sacharja einst gesprochen hatte: Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft. So vieles passte auf ihn.

Seitdem gilt für Christinnen und Christen: Gott kommt in unsere Welt. Er sucht uns immer wieder neu. Er gibt uns und seine Welt nicht auf. Advent heißt ja nichts anderes als Ankunft. Jesus will bei uns ankommen. Und manchmal kommt er ganz ungeplant und überraschend, wie bei der Mutter meines ehemaligen Konfirmanden.

Heiner Mausehund