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Aus der Dunkelheit zum Licht

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50,10)

Sie kommen abends nach Hause. Die Sonne ist jetzt im Winter längst untergegangen. Sie schließen die Tür auf, tasten nach dem Lichtschalter. Das Licht geht an und peng brennt die Birne durch. Sie stehen im Dunkeln. Die Hand ist vor Augen nicht zu sehen, Sie tappen durch die Finsternis, stoßen sich an einem Stuhl. „Das gibt einen blauen Fleck!“ denken Sie noch.

Sie tasten sich weiter, fegen dabei die Kaffeetasse vom Tisch, die Sie am Morgen in all der Eile nicht wegräumen konnten. „Jetzt bloß nicht in die Scherben treten!“ schießt es durch Ihren Kopf. Und als Sie endlich die Wand mit dem nächsten Lichtschalter erreicht haben, tastend nach ihm suchen, da hören Sie zu allem Überfluss, wie der Bilderrahmen von der Wand zu Boden geht. „Bestimmt der, den die Kinder mir – schön verziert – vor zwanzig Jahren geschenkt haben!“ Sie haben Recht!

Menschen, die das Gefühl haben im Dunkeln zu sein, nicht sehen zu können und nicht gesehen zu werden, hadern mit ihrem Schicksal. Das ging Menschen damals vor Jesus Geburt so und ist heute nicht anders.

Es macht sich das Gefühl breit: Mich umfängt Dunkelheit. Niemand sieht meine Tränen. Ich finde den Weg nicht. Überall ecke ich an. Ich verletze mich. Niemand findet mich. Ich erkenne mich selbst nicht, bin unsichtbar, orientierungslos, drehe mich im Kreis. Menschen, die nicht gesehen werden in ihrem Leid, ihrer Rechtlosigkeit, ihren Traumatisierungen, ihrer Heimatlosigkeit – sie sind zahllos in unserer Welt. Und manchmal gehören wir auf die eine oder andere Weise zu ihnen.

Wer zündet ein Licht an?

Ein Hoffnungslicht: „Ich sehe dich!“ Ein Mutmach-Licht: „Zeig dich mir!“ Ein Wärmelicht: „Ich lerne dich zu verstehen!“ Weihnachten feiern wir dieses Licht. Wir erwarten dieses Licht nun im Advent. Es ist kein Flutlicht, das auf Knopfdruck alles mit seiner durchdringenden Helligkeit überströmt. Es ist aber auch keine Himmelsfunzel. Es ist ein warmes, lebendiges Licht. Ein barmherziges Licht, das schmeichelt und nicht jede Unebenheit ungnädig ausleuchtet.

Es ist das Licht Gottes, das Licht der Liebe, das dir sagt: Ich sehe dich! Zeig dich mir! Sei einfach du selbst mit deinen Ecken und Kanten und Unebenheiten. Ich kenne deine Geschichte, ich verstehe dich. Und demnächst finden wir gemeinsam den Weg durch die Dunkelheit. Das ist Weihnachten!

Dafür stand der Stern in der Weihnacht hellleuchtend über dem Stall. Er war dort angekommen, wo Gottes Liebe Hand und Fuß bekommen hat: in Jesus, der selbst Tränen vergossen hat, der unbequem war und unter dessen verstehendem Blick sich Menschenleben verändert haben.

Zuckersüße Weihnachtsworte? Ja. Nein.

Nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Es gibt ein „sowohl als auch“. Zugegeben: Das macht das Leben nicht leichter. Aber: Es verleugnet nicht die Lebendigkeit. Das gibt es doch: Glücklich sein und zugleich die Schwere spüren.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, heißt es im Markusevangelium (Markus 9,24). Wir setzen unser Vertrauen in Gott und können doch kaum glauben, dass er uns aus Situationen befreit, dass er Licht ins Dunkel bringt, uns den Weg erkennen lässt, einen Hoffnungsschimmer zeigt, uns wieder Durchblick verschafft.

Der Glaube: Gott ist bei mir. Der Unglaube: Kein Licht wird jemals wieder dieses unfassbare Dunkel durchdringen.

Weihnachten ist Licht: Der leuchtende Stern, die Engel, von Klarheit ist die Rede. Die Klarheit des Glaubens, die Zuversicht, ja manchmal die Gewissheit: Es gibt ihn, diesen Gott und er ist für mich da. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“. Das ist die Jahreslosung für 2020.

Das Licht der Weihnacht in unser Leben ziehen, sein Leuchten erlauben, es mitnehmen in das neue Jahrzehnt, das ist ein guter Vorsatz für das Jahr 2020. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr mit vielen hellen und lichten Momenten.

Andrea Seim