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Als Kundschafterinnen und Kundschafter unterwegs

Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der HERR, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen. (5. Mose 31,6)

In unseren Kirchengemeinden Katernberg und Schonnebeck erleben wir dieser Tage eine Premiere: Zum ersten Mal rücken zwei Gemeinden im Essener Norden über eine pfarramtliche Vertretung näher zusammen. In der Kirchengemeinde Katernberg übernehmen zwei Pfarrerinnen, Karin Pahlke und Bianca Neuhaus, von der Nachbargemeinde, der Kirchengemeinde Schonnebeck aus, eine Vakanzvertretung im Umfang von jeweils 25 Prozent. Dabei handelt es sich durchaus um eine bedeutende Veränderung. Über den konkreten pfarramtlichen Vertretungsdienst hinaus lernen sich zwei Nachbargemeinden genauer kennen – und loten aus, wo es sinnvoll sein könnte, sich zu vernetzen.

Die Premiere hat einen ganz konkreten Anlass: Nach der Pensionierung von Pfarrer Frank-Dieter Leich steht der Kirchengemeinde Katernberg – angesichts der zurückgehenden Gemeindegliederzahlen – neben der Pfarrstelle von Jens Kölsch-Ricken nur noch eine halbe Stelle zur Verfügung. Und diese halbe Stelle wird nun noch einmal geteilt und auf die beiden Pfarrerinnen aus Schonnebeck übertragen.

Im kommenden Jahr werden die Gemeinde, die Presbyterien, das Pfarrteam über die eigene Gemeindegrenze hinausschauen und Arbeitsfelder des jeweiligen Nachbarn kennenlernen. Sie werden hören von Gelungenem und nicht Gelungenem. Im Mittelpunkt stehen zwei Gemeinden im Essener Norden mit je eigenem Profil, die  jedoch durchaus vor gemeinsamen Herausforderungen stehen. Wie bleiben wir dran an den Fragen, Sorgen und Hoffnungen der Menschen von heute? Wie bleiben wir eine Kirche, deren Botschaft für den Alltag von Bedeutung ist und die Menschen erreicht? Wie kommen wir in Kontakt mit denen, die bisher zweifelnd, ablehnend oder gleichgültig auf uns als Kirche schauen? Wie können wir glaubwürdig von Gott erzählen? Welche neuen Formate und Begegnungen braucht es dafür?

Es sind diese Fragen, vor denen beide Gemeinden in Schonnebeck und Katernberg stehen – vor denen die gesamte Kirche steht. Was ist da naheliegender, als sich mit den Nachbarn zusammenzutun und von den jeweiligen Lernerfahrungen der anderen zu profitieren! Von der Weise, wie in Katernberg der interreligiöse Dialog gelebt wird, oder wie der diakonische Ansatz eine ganze Gemeinde prägt. Ebenso von der Weise, wie in Schonnebeck das ökumenische Miteinander verstanden wird. In den nächsten Jahren wird sich das Zentrum der katholischen Pfarrei St. Nikolaus nach Katernberg verlagern; in Schonnebeck wird die katholische Nachbarkirche St. Elisabeth bis spätestens 2025 geschlossen. Auch aus ökumenischer Perspektive macht es deshalb durchaus Sinn, jetzt schon ein größeres Gebiet als bisher in den Blick zu nehmen. Da kann es ein Gewinn sein, die positiven Erfahrungen aus ökumenischen Zusammenarbeit in Schonnebeck mit nach Katernberg zu tragen.

Von der anderen Gemeinde zu lernen und miteinander neue Erfahrungen zu sammeln: Dieser Blick nach vorn ist dran. Und da kommt mir Mose in den Sinn. Im 5. Buch Mose wird erzählt, wie Mose sich auf seinen Abschied und auf seinen Tod vorbereitet. Er setzt Josua als seinen Nachfolger ein. Und er ermutigt alle miteinander: Seid getrost und unverzagt.

Was hat Mose gesehen, dass er so sicher ist und diese Ermutigung weitergeben konnte? Er hatte sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit führen wollen. Nach vierzig Jahren in der Wüste erreichte sein Volk endlich das Land, in dem Milch und Honig fließen. Mose hat vom Berg Horeb gesehen, wie es sein könnte – ein friedliches Zusammenleben der Menschen, ausreichend Nahrung für alle. Freiheit, den Glauben zu leben – und ja, Glück. Dafür stehen wohl Milch und Honig. Es war eine Vision vom guten Leben. Und diese Vision treibt uns Christinnen und Christen in jeder Generation neu an. Immer wieder sind Menschen ihren Lebensweg bewusst mit Gott gegangen. Immer wieder hatten sie Visionen, Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden, auf ein gutes Leben für alle.

Welche Hoffnungsbilder haben Sie? Oder fallen Ihnen mit Blick auf die Zukunft vielleicht eher die Sorgen ein? Ich kann das sehr gut nachvollziehen – das kenne ich an mir auch. Natürlich habe ich eine Vision für unsere Kirche – aber erst einmal liegen noch viele, hohe Sorgenberge vor uns.

Von denen die Kundschafter, die Mose ausgesandt hatte, auch einiges mitbrachten, als sie die ersten Schritte in das verheißene Land setzten. Im 4. Buch Mose, Kapitel 13, heißt es über die Kundschafter, die das Volk Israel auf seinem Weg ausgesandt hatte:

Sie gingen hinauf und erkundeten das Land. Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit einer Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen. Und nach vierzig Tagen, als sie das Land erkundet hatten, kehrten sie um, gingen hin und kamen zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde der Israeliten … und brachten ihnen … Kunde, wie es stand, und ließen sie die Früchte des Landes sehen. Und sie erzählten ihnen und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das ihr uns sandtet; es fließt wirklich Milch und Honig darin und dies sind seine Früchte.
Aber stark ist das Volk, das darin wohnt, und die Städte sind befestigt und sehr groß;
Kaleb aber beschwichtigte das Volk, und sprach: Lasst uns hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir können es überwältigen. Aber die Männer, die mit ihm hinaufgezogen waren, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk, denn sie sind uns zu stark.
Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von großer Länge. Wir sahen dort auch Riesen und wir waren in unsern Augen wie Heuschschrekcen und waren es auch in ihren Augen.

Die Kundschafter aus dem Volk Israel kehren zurück. Sie waren einige Tage fort. Der Weg war weit und sie haben viel gesehen und erlebt. Auf der Schulter haben sie noch einen rötlichen Abdruck, so hatten sie zu schleppen an den Früchten des Landes, an all dem Guten, was es hervorbringt. Das haben sie aber schnell abgelegt. Und nun erzählen sie von ihrer Erkundung: Ja – Milch und Honig fließen in diesem Land, die Früchte seht ihr selbst… aber…

Dann kommt das Aber. Und hinter dem Aber kommt das Eigentliche. So ist es immer: Es ist ein schönes Land. Dort wachsen Früchte, verlockend anzusehen und gut zu essen. Aber: Die Angst, in diesem neuen Land selbst gefressen zu werden – die bleibt wach. Von dieser Sicht der Dinge sind sie nicht abzubringen. Sie bleiben bei ihrem Aber, auch wenn andere es anders sehen. Die Kundschafter sorgen dafür, dass sich das große Aber im ganzen Volk Israel weiter verbreitet. Und die Hindernisse wachsen, je mehr darüber geredet wird. Aus hochgewachsenen Männern werden Riesen. Am Ende sehen die Kundschafter selbst dagegen so klein wie Insekten aus. Wie Heuschrecken, wie ängstliche Hüpfer.

Und das Volk glaubt den Kundschaftern, die sich das Land angesehen haben, in dem alle leben wollen. Und wollen lieber zurück nach Ägypten, wieder einmal. Es gibt Streit, auch mit Gott. Und am Ende müssen sie noch vierzig Jahre durch die Wüste ziehen, bevor sie in das Land kommen, in dem Milch und Honig fließen.

Machen wir doch einen Zeitensprung ins Heute. Wie war das war das denn, als wir zwei Jahre lang, von 2014 bis 2016, für unseren Kirchenkreis eine neue Konzeption erstellt haben? Da ging es doch auch um die Zukunft, um Veränderung, um das Neue, das auf uns wartet. In der Kirche und für die Kirche. Als Kundschafter waren  150 Menschen unterwegs, die in einem gemeinsamen Beratungs- und Diskussionsprozess auf die zukünftige Kirche in Essen geblickt haben. Was haben diese 150 gesehen, was können sie erzählen? Erzählen sie von neuen Formaten gemeindlichen Lebens? Oder erzählen sie von all den Herausforderungen, die immer größer werden, je länger man hinschaut?

Ja – unsere Kirche wird älter, unsere Finanzkraft nimmt ab und wir werden weniger. Katernberg und Schonnebeck gemeinsam zählen heute ca. 8.000 Gemeindeglieder. Nach der Pensionierung von Pfarrer Frank Dieter Leich hat sich die Katernberger Gemeinde eine sinnvolle „Auszeit“ genommen und die halbe Stelle, die noch übrig ist, nicht sofort neu ausgeschrieben. Stattdessen nimmt sich die Gemeinde nun ein Jahr Zeit um zu überlegen: Wie könnte eine gute Zukunft für Katernberg aussehen – eine lebendige evangelische Gemeindearbeit, die um ihre Aufgaben im Essener Norden weiß und diese gestaltet? Wie könnte sie aussehen in Katernberg und Schonnebeck, diese Vision vom guten Leben, die Mose vor Augen hatte?

Der erste Schritt ist getan: Als Kundschafter sind die die Pfarrerinnen Karin Pahlke und Bianca Neuhaus aus Schonnebeck gemeinsam mit Pfarrer Jens Kölsch-Ricken unterwegs und schauen über ihre jeweilige Grenze hinaus. Und hinter der Grenze sehen sie viele bunte Bilder einer anderen Gemeinde. Zu dritt übernimmt das Pfarrteam für ein Jahr eine aktive Kundschafterrolle. In ersten Dienstgesprächen und Terminen lernen Sie einander gerade kennen.

Das gute Leben miteinander – wie könnte es aussehen? Es wird ein gutes Leben miteinander, wenn die Dienste in beiden Gemeinden sich realistisch an den unterschiedlichen Dienstumfängen orientieren. Und wenn jede und jeder erlebt, dass sie und er ihre und seine Gaben einbringen kann.

Für die Presbyterien in Katernberg und Schonnebeck wird es wie in alen 27 Gemeinden unseres Essener Kirchenkreises im kommenden Jahr darum gehen zu klären, was zum Wesentlichen der Gemeindearbeit gehört. Worauf wollen Sie weiterhin setzen, weil sie damit die Menschen im Stadtteil erreichen? Und von welchen liebgewonnenen Diensten oder Arbeitsfeldern werden Sie sich verabschieden, um auch Neuem Raum zu geben? Wo können Aufgabenbereiche zusammengelegt werden, damit neuer Platz zum Ausprobieren entsteht? Als Kundschafter gilt es auch, in Kontakt mit neuen, ganz anderen Menschen zu treten, die bisher noch keinen Kontakt zur Kirche hatten. Dabei darf die Frage nicht ausgespart bleiben, welche Gemeindezentren und Kirchen die Region Schonnebeck-Katernberg für ihr zukünftiges Leben braucht und von welchen Orten Sie sich verabschieden werden.

Ich weiß, das sind alles keine leichten Fragen. Die im kommenden Jahr in allen Kirchengemeinden durchzuführenden Vereinbarungsgespräche zwischen den Presbyterien, den Pfarrerinnen und Pfarrern sind eine gute Chance für diese Klärungsprozesse; jeweils mit fürsorgendem Blick auf den jeweiligen Dienstumfang.

Immer wieder geht es darum Ausschau zu halten nach dem, was Gott in Katernberg und Schonnebeck vorhat. Wie können sich die Schonnebecker und die Katernberger trotz all der Veränderungen die Freude bewahren und nicht in Streit oder Lähmung verfallen? Wie schaffen wir es, dass das Aber der Kundschafter, die Angst vor dem Neuen, nicht lähmt? Welche Kraftquellen stärken uns? Drei Gedanken dazu.

Erstens: Es hilft mir zu wissen, dass ich Fragment sein darf, dass ich Fehler machen darf, weil Gott für die Ganzheit sorgt. Bei all unserem Ausprobieren, Planen und Tun für eine lebendige Gemeinde hilft es mir mich zu erinnern, dass die Zukunft das ist, was Gott mit uns vorhat.

Zweitens: Es hilft mir, mich daran zu erinnern, dass wir alle Kundschafterinnen und Kundschafter Gottes sind! Lasst uns also gemeinsam suchen nach dem guten Leben. Vor 32 Jahren, als auf Zollverein die letzte Kohle gefördert wurde, schien hier auf Zollverein alles aus. Die Welt der Kumpel brach zusammen – Generationen waren hier beheimatet. Das ganze Leben, „da gehste auf Zeche“, brach auseinander. Als Kundschafter stehen wir heute vor einer ähnlichen Situation: tatsächlich bricht viel Liebgewonnenes weg. Kirchtürme und Gemeindezentren werden geschlossen oder umgewidmet. Zollverein macht für mich deutlich: das Leben wird sich Bahn brechen, nur immer wieder anders. Zollverein ist heute eine Welterbestätte und beherbergt ganz neue Arbeitsfelder und Startups. Die Menschen aber sind immer noch da! Lasst uns als Kundschafter mutig zu den Menschen gehen, die ihr Leben im Ruhrgebiet gestalten, gerade zu denen, die uns fremd erscheinen – lasst uns aufeinander hören und voneinander lernen. Und einander fragen: „Wo hast du Leben entdeckt?“ – Laden Sie zum Glaubenskurs in Schonnebeck auch die Menschen aus Katernberg ein. Oder zu den Arche-Dialogen in Katernberg die Nachbarn aus Schonnebeck. Diese Aufmerksamkeit füreinander, der Mut zur Nähe und Gemeinschaft, wie Jesus sie selbst uns vorgelebt hat, das ist unsere Kraftquelle.

Drittens: Auf dem Weg ins neue Land helfen Rituale. Das gilt nicht nur für die Kirche. Das Steigerlied zum Beispiel stärkt immer noch das Gefühl der Gemeinschaft, über Generationen hinweg. Rituale geben Sicherheit – sie können mitten in Situationen Umbruchs das Gemeinsame sichtbar machen – das Ganze wieder an den Koordinaten ausrichten: an der Botschaft, dass Gott mit uns geht. Ich empfehle den Presbyterien, in einer der nächsten Sitzungen einmal innezuhalten und zu überlegen: welche guten und heilsamen Rituale haben wir in Schonnebeck, in Katernberg, die uns gut tun und die wir weiter pflegen wollen? Das kann ein Dankeschön-Fest für die Mitarbeitenden sein. Das kann eine besondere Form sein, mit der im Presbyterium Geburtstage gefeiert werden. Das kann die Andacht zu Beginn jeder Sitzung sein.

Wenn die beiden Pfarrerinnen in einem Jahr von der Reihe durch Katernberg zurückkehren, wird das Presbyterium in Schonnebeck fragen: Was habt ihr uns mitgebracht? Und auch das Katernberger Presbyterium wird seinen Pfarrer Jens Kölsch-Ricken fragen: Kannst du uns etwas zeigen von dem, was in der gemeinsamen Arbeit gedeiht? Was immer noch Triebe ansetzt und Frucht bringt, ganz unterschiedlich…Trauben, Granatäpfel und Feigen?

Als Christinnen und Christen sind wir alle Kundschafterinnen und Kundschafter für die Sache Gottes. Was wir erzählen und berichten, das hat Folgen. Lasst uns alle ehrlich von den Herausforderungen reden, wenn wir aus den Begegnungen, die wir haben, zurückkehren. Aber lasst uns genauso konkret von den Früchten erzählen. Ich bin mir sicher – es wird, wie bei den Kundschaftern des Volkes Israel, ein Abdruck auf den Schultern zu finden sein. Macht euch auf und erzählt davon.

Marion Greve

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