Dieser Beitrag wurde 582 mal aufgerufen

Wolkenklang – Von der Leichtigkeit des Glaubens

Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. (Psalm 36,6)

Waren Sie zwischen dem 29. Oktober und dem 11. November 2017 in der Marktkirche? In dieser Zeit lief das zweite „Essen Light Festival“ im Rahmen der Essener Lichtwochen. Wenn Sie während dieser Zeit dort waren, erinnern Sie sich bestimmt daran. Die Kirche war mit „Wolkenklang“ gefüllt. Die Wolken sind dabei wörtlich zu nehmen. „Wolkenklang“ hieß die Licht-Klang-Installation, die der Essener Künstler Daniel Kurniczak in der Marktkirche zeigte. In Gestalt von künstlichen Wolken holte der Künstler den Himmel in die Kirche, ließ Wolken durch den Kirchenraum fliegen. Abends gab es dazu sphärische Klänge und ein träumerisches Farbenspiel. Marktkirche und Kunst ließen Neues entstehen, bezauberten die Menschen, die den Raum betraten und für kurze Zeit in eine andere Welt entführt wurden. Selbst am Tag veränderten die kleinen und großen Wolken den Kirchraum – mit einfachem Sonnenlicht. Sie gaben dem ganzen Raum etwas Spielerisches, etwas Leichtes.

Draußen, bei den Wolken live am Himmel, ist das ja nicht anders. Ihr Farbenspiel und ihre steten Veränderungen der Formen begeistern. Voraussetzung dafür ist, dass genug Zeit da ist, nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag immer mal wieder einen Blick darauf zu werfen. Unzählig sind die Fotos von bizarren und feinsten Wolkenkonstellationen, die innerlich beeindrucken oder tatsächlich als Fotos geschossen werden. Wolken faszinieren. Und vom Flugzeug aus gesehen hatte ich bei entsprechendem Flugwetter öfter Lust, mich einfach in die Wattebäusche-Welt draußen hineinfallen zu lassen – wenn das denn gehen würde.

Wolken sind in der Bibel nicht unbekannt. Ich assoziiere dann Worte wie die aus Psalm 36,6: „Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.“ Wolken lassen etwas ahnen von der Größe, Unfassbarkeit, Unbegreiflichkeit, aber auch von der Schönheit Gottes. Die Wolke wurde im Laufe der Zeit zum Symbol für die Gegenwart Gottes. Gott thront über den Wolken. Gott zieht den Israeliten am Tag in einer Wolkensäule voran. Die Herrlichkeit Gottes erfüllt wie eine Wolke den Tempel, den Salomo erbaut hat. Bei der Verklärung Jesu spricht Gottes Stimme aus einer Wolke. Bei seiner Himmelfahrt wird Jesus in einer Wolke den Blicken der Jünger entzogen. Einst soll er auf den Wolken sichtbar für alle wiederkommen. In der Kunst schaut manchmal Gottes Hand durch die Wolken hindurch als Zeichen dafür, dass Gott Kontakt mit den Menschen aufnimmt.

Vielleicht ist diese symbolische Nähe der Wolken zu Gott darin begründet, dass Wolken eigentlich aus farblosen Tröpfchen bestehen. Erst durch die Streuung des Lichts werden sie sichtbar. Einfach zu sehen ist Gott bekanntermaßen nicht. Auch festhalten kann ich Gott genauso wenig wie ich das bei einer Wolke kann. Dennoch ist Gott nicht weniger wirklich, nur in einer anderen Dimension.

„Das Schwere leicht gesagt“ ist ein Buch mit Texten des verstorbenen Kabarettisten und rheinischen Predigthelfers Hanns Dieter Hüsch. Leicht, mit Witz, Charme und Charisma konnte er von Gott reden und Menschen im Glauben stärken und zum Nachdenken bringen. Mein Gefühl ist, dass viele Predigten den christlichen Glauben viel zu schwer machen. Stehen wir uns als Kirche selbst im Weg, wenn zu oft tiefschürfend, tiefgründig und problematisierend von Gott und der Welt die Rede ist? Überlegen Sie einmal, wann Sie mit einer großen Leichtigkeit aus einem Gottesdienst gegangen und wann Sie mit einem gewissen Gefühl der Schwere den Heimweg angetreten haben?

„Hab‘ Mut zur Lockerheit! Vom Glück des Glaubens“ hat der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer ein kleines Buch überschrieben, in dem WDR-Radioandachten von ihm veröffentlicht sind. Die Installation Wolkenklang hat mich an die Leichtigkeit erinnert, die der Glauben unserem Leben geben will. Jesu Geist hilft doch – so Johannes Calvin – „uns vom Glück nicht aufblähen zu lassen und im Unglück nicht zu verzagen.“ Jesus, beschimpft als Fresser und Weinsäufer, kann ich mir miesepetrig und stets gedankenschwer eigentlich nicht vorstellen. Er ist der „glücklichste Mensch, der je auf Erden gelebt hat“, wie die Theologin Dorothee Sölle das für mich unübertroffen ausgedrückt hat. Und vielleicht macht gerade die Leichtigkeit das aus, was so manche Begegnungen mit Menschen mit geistigen Behinderungen oder mit kleinen Kindern anderen schenken. Ihre Direktheit, ihre Offenheit, ihre Distanzlosigkeit können ziemlich anstrengend sein, doch noch viel mehr ansteckend und von Heiterkeit bestimmt. Nicht immer, klar. Doch vom Grunde her schon.

So möchte ich Lust machen, auf den Wolkenklang mitten in unserem Alltag zu achten. Gott versteckt und zeigt sich immer wieder in den Wolken. Lassen wir uns tragen von der Leichtigkeit, die das Vertrauen auf Gott schenkt, trotz und in allen schweren und leidvollen Situationen des Lebens. Ökumenische Begegnungen können Christen in Deutschland solche Leichtigkeit auf eine andere Art und Weise ebenfalls lehren. Begegnungen mit Christen der Disciples of Christ aus dem Kongo, einer kirchlichen Partnerschaft in meinem früheren Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann, vermittelten mir oft eine Lebendigkeit und Lockerheit, wo uns als Deutschen zuallererst Probleme auffielen.

Fulbert Steffensky hat diese Haltung der Leichtigkeit des Glaubens in einer Andacht über das Sorgen fein formuliert: „Es gibt einen Leichtsinn aus Blindheit… Und es gibt einen leichten Sinn und die Schönheit derer, die dem Leben vertrauen und die wissen, dass sie im Glück und im Unglück aufgehoben sind, wohin sie auch immer fallen.“ Diese positive Grunderfahrung wünsche ich Ihnen auch für Ihr Leben!

Amen.

Andreas Müller