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Ungeheuerliche Einsicht

Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen! (Matthäus 27,54)

Wie selbstverständlich klingt dieser Satz nach zweitausend Jahren Christenheit für Leute, denen ihr Glauben wichtig ist?! Und: Wie fremd, sinnlos und unvorstellbar ist er nach zweitausend Jahren Christenheit für moderne Skeptiker und Menschen, die mit der christlichen Gedankenwelt nichts (mehr) anfangen können!? Im Augenblick seines Entstehens aber enthält dieser Satz eine ungeheure Sprengkraft. Gerade weil er nicht aus dem Mund eines nach damaligen Maßstäben Frommen kommt, sondern aus dem Mund eines Heiden; schlimmer noch: eines heidnischen römischen Soldaten, dem seine religiösen Zeitgenossen keine geistliche Einsicht, sondern nur zynische Grausamkeit zutrauen. Ist er doch gerade noch daran beteiligt, drei Menschen festzunageln – am Kreuz. Das ist sein Alltagsgeschäft. Tausende und Abertausende werden damals gekreuzigt.

Einer der Gekreuzigten ist in diesem Fall Jesus von Nazareth, dessen Tod nicht zuletzt die Frommen im Lande so nachdrücklich gefordert hatten, dass Pilatus seine Hinrichtung abnickt und schuldig wird – so oft er seine Hände auch in Unschuld waschen mag.

Und der Soldat tut – ahnungslos noch – sein Werk.

Wie ungeheuerlich mutet da die Einsicht an: „Dieser ist Gottes Sohn gewesen“? Ich habe höchst persönlich zu dem Versuch beigetragen, Gott aus der Welt zu schaffen. Als die Erde unter ihm bebt, erschüttert der Soldat, begreift und ist entsetzt. „Dabei war es doch nur ein Mensch, einer von ungezählten“, mag er denken. Können wir uns einen lauteren Schrei gegen die Todesstrafe, ja, gegen das Töten von Menschen überhaupt vorstellen? Mit der Tötung eines jeden Menschen wird Gott selber angetastet.

Aber es ist noch mehr in dem Satz. Wie soll das gehen: den ewigen, allmächtigen Gott ins Jenseits befördern? Dorthin, wo er hergekommen ist, schön und gut; und dahin, wo er nach menschlichen Maßstäben doch auch hingehört!?

Aber Gott ist zur Welt gekommen. Das feiern wir Weihnachten. Gott liefert sich aus. Auch dem ewigen menschlichen Versuch, ihn aus der Welt zu schaffen. Deshalb bleibt es ein unerträglicher Widerspruch in sich und in uns Menschen, den Ewigen töten zu wollen. Oder ist es Ausdruck einer maßlosen menschlichen Überheblichkeit?

In beiden Fällen ginge es den Frommen, der so ahnungslos selbstverständlich vom „Gottessohn“ redet, gleichermaßen an wie den Skeptiker, der mitleidig müde über diesen Gedanken lächelt.

Und so stehe ich am Ende mit dem fassungslosen Soldaten Hand in Hand und stelle staunend fest: Im Tod dieses Menschen hat Gott selber gehandelt – ohne dass dadurch die menschliche Schuld an seinem Tod auch nur ein wenig kleiner würde. Gott selber hat gehandelt, aus Liebe zum Menschen, damit keiner mehr meint, er könne Gott ins Jenseits befördern – und sich selbst damit das Allerschlimmste antun: nämlich unmenschlich zu werden.

Joachim Lauterjung

2 Gedanken zu „Ungeheuerliche Einsicht

  1. Es gibt sicher Skeptiker, die darüber müde lächeln. Und es gibt die neugierigen Skeptiker. Die sind zwar offen wollen aber auch Futter für ihren Verstand. Was ist da wirklich passiert und welche Bedeutung hat das?

    • Lieber HeinzM,
      Gut, dass es neugierige Skeptiker gibt. Von denen ist auch die Bibel voll!
      Nur: über das Wie zu Ostern steht dort (vermutlich sehr bewusst) nichts. Und die ersten Zeugen können es nicht fassen. Der skeptische Thomas (zu Unrecht als „ungläubig“ bezeichnet) ist da ein gutes Beispiel.
      Ich lade Sie ein in unseren Gottesdienst am Ostersonntag um 10.30 in der Kirche am Heierbusch, Meisenburgstraße 80-82, 45133 Essen, da will ich versuchen, auch dem Verstand genug Futter zu geben.
      Joachim Lauterjung

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