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Thomas, der glaubt… und zweifelt

Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand an seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben. (Johannes 20,25).

Jesus Christus – auferstanden von den Toten, so bekennen wir die Osterbotschaft im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Und gleichzeitig übersteigt das unser Verstehen. Über den Tod hinaus zu glauben ist alles andere als leicht. Da kann ich fröhlich singen und doch tief zweifeln. Wie Thomas. Der zweifelt. Auch er hat sich den Glauben nicht leicht gemacht. Ihm geht das, was ihm die befreundeten Jünger erzählen, zu schnell und zu glatt. Thomas sagt, dass er nicht an die Auferstehung des Gekreuzigten glauben wird, bevor er nicht die Finger in die Wunde legen kann. Er will es buchstäblich begreifen, mit den Händen spüren. Er macht einen Schritt nach vorn… und wieder zurück. Er vertraut… und misstraut…
Thomas, der Zweifler, ist in uns oft lebendiger als Jesus der Auferstandene. Denn es ist ja unbestreitbar: Man kann, wie Thomas, Jesus nachfolgen, von seinem Geist ergriffen sein, und trotzdem ratlos vor den Ostergeschichten stehen.
Ich denke an die Angehörigen derer, die mit dem Flugzeugabsturz vor einigen Tagen auf besonders brutale Weise einen lieben Menschen verloren haben. Deren Herzen voller Schmerz und Leid sind. Wie können sie wieder zum Leben, ins Leben hinein finden?
Dieser neue Mut zum Leben findet zunächst nichts vor. Er kann eines Tages neu entstehen – aus dem Nichts heraus, sozusagen bei Null anfangen. Genau davon erzählt die Thomasgeschichte. Sie beschreibt ein Wunder: den Mut zum Leben aus dem Nichts.
Die Osterbotschaft sagt uns allen: Gottes schöpferische Macht ist in dein Leben getreten. In Gottes Nähe und durch ihn geschehen Dinge, die wir eigentlich für unmöglich halten. Wer seinen Ruf hört, erhält neuen Lebensmut, der aus dem Nichts erschaffen ist.
Die Osterbotschaft ruft: Bringt Liebe in diese Welt. Denn nur daran könnt ihr erkennen, dass ihr vom Tod zum Leben hinübergegangen seid. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod. Gottes schöpferische Macht haucht uns ihren Geist ein und beauftragt uns, für andere da zu sein. Sie verlässt uns nicht in den Tälern des Schreckens.
Diese Macht gibt sich an ihren Wundmalen zu erkennen. Sie begegnet uns mitten in den Schmerzen des Lebens, dort, wo Verzweiflung herrscht. Zu dieser Macht spricht der Jünger Thomas, wenn er zu Jesus sagt: „Mein Herr und mein Gott“ – und damit ausdrückt, dass er sich mit und in allen Zweifeln bei ihm geborgen weiß. Keiner von uns war Zeuge der Auferweckung Jesu. Aber in jeden von uns kann der Funke eines unbedingten Mutes zum Leben fliegen. Und dann darf jeder von uns die Seligpreisung auf sich beziehen: „Selig sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“

Marion Greve