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Österlicher Klimawandel

Ostern ist das älteste Fest und eigentlich auch das wichtigste für die Christenheit. Ostern ist jedoch längst nicht so populär wie Weihnachten. Weihnachten kann sich jeder vorstellen, in der Bibel wird die Geburt im Stall zu Bethlehem anrührend und ausführlich ausgestaltet. Die Auferstehung Jesu dagegen können wir uns nur schwer vorstellen. Mit Blick auf Ostern lässt uns die Bibel viel Deutungsfreiheit, die Evangelien schreiben wenig über die Auferstehung des toten gekreuzigten Jesus.

Auch von Jesus selbst wird das Ostereignis nicht beschrieben, nur angekündigt. Das jedoch, was erlebt und erfahren wurde in der Begegnung mit Jesus, wurde über Jahrhunderte weitererzählt – jeweils in der Sprache und den Bildern der Zeit.

Wenn wir nun bald das Reformationsjubiläum feiern, klingen in uns die 500 Jahre alten Worte Martin Luthers nach. Er beschreibt die Auferstehung ganz anschaulich in seiner Sprache: „Es war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen, das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen.“

In unserer Zeit ist die Übersetzung der Auferstehung nicht so einfach. Vermutlich deshalb haben Osterdekorationen – Eier, Hasen und Lämmer – eine tragende Rolle bekommen. Dabei gibt es doch auch viele aktuelle Osterereignisse, die die Auferstehung weltlich beschreiben: als ein Aufstehen und Aufbrechen. Ostern heißt da, sich aufzurichten aus einem Grab, das man sich nicht als Grab vorstellen muss. Ostern als Befreiung aus Unterdrückung, Befreiung aus vermeintlichen Sachzwängen – OSTERN IST DIE ÜBERWINDUNG VON ANGST.

In diesem Sinne erzählt unsere Stadt Essen derzeit viele Ostergeschichten.

Da wohnt die ältere Dame in Holsterhausen so, dass sie Blickkontakt hat zum Flüchtlingszeltdorf in der Planckstraße. Von ihrer Angst erzählt sie, als das Zeltdorf sich füllte. Von ihrer Angst, den Fremden direkt zu begegnen. Heute engagiert sie sich am Runden Tisch im Stadtteil und fördert konkrete Begegnungen, organisiert das offene Flüchtlingscafe im Jugendhaus der Gemeinde.

Da ist der syrische Flüchtling Safwat Raslan, der seine eigene Angst immer wieder neu überwinden muss und in unserer Marktkirche von seinem Weg erzählte: „Von Aleppo nach Essen“. Als seine Tätigkeit als Filialleiter einer Bank in Aleppo, seine Art sich zu kleiden und vieles mehr im Laufe des Bürgerkriegs zu einer Gefahr für ihn werden, macht er sich auf den Weg nach Europa. Immer wieder steht er auf, versucht schließlich, im Ruhrgebiet seine beruflichen Kompetenzen einzubringen, und findet zuletzt einen Ausbildungsplatz bei einer Bank.

Zwei Geschichten – zwei Einzelfälle. Für mich aber sind das Bilder von österlicher Kraft, die davon erzählen: Ostern ist, wenn Menschen wieder aufrecht gehen können. Das ist keine Blasphemie – sondern gut biblisch. Der Wortstamm des griechischen Wortes für Auferstehung findet sich ebenso in den Heilungsgeschichten, in denen Menschen aufgerichtet werden.

Osterspuren entdecke ich auch da, wo sich das Bewusstsein von Menschen verändert. Wenn eine junge Frau, statt direkt zu studieren, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und sie die Welt aus der Sicht von Jugendlichen mit Behinderung kennenlernt. Eine junge Frau, die sich vor zwei Jahren überhaupt nicht vorstellen konnte, sich einmal sozial zu engagieren. Auch das ist für mich ein Hoffnungszeichen für „österlichen Klimawandel“ – der ganz konkrete Beginn jener großen Transformation, von der wir so viel in Gesellschaft und Kirche sprechen.

Manchmal dauert es lange, bis die Befreiung von Gewohnheiten und Bequemlichkeiten gelingt, bis die Sehnsucht nach einem neuen Aufbruch unsere tief verwurzelten Ängste überwindet. Ostern lässt mich darauf hoffen, dass die Befreiung von Angst gelingen kann. Dass ich keine Angst vor der Zukunft haben muss. Und deshalb ist auch jede kleine Befreiung von Angst für mich ein Zeichen der Auferstehung, die Gott für uns alle bereit hält.

Marion Greve