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Ecce homo

Als Herr B. ins Seniorenheim einzog, war zuerst kein Einzelzimmer frei. So lebten Herr B. und Herr P. für einige Monate gemeinsam in einem Doppelzimmer. Sie erzählten sich aus ihrem Leben. Menschen aus verschiedenen Welten.

Herr B. war zwölf Jahre alt, als er mit Mutter und Baby-Schwester aus Ostpreußen floh. Vor den Russen. Mit einer Pistole, im Gepäck versteckt – bereit, jeden Russen zu töten, der der Mutter zu nahe käme. Ein Kind voll mörderischem Hass – der ihm zu überleben half, in jener Zeit.

Später – lange nach den schlimmen Zeiten – blieb Herr B. bei seiner Meinung, dass von den Russen nichts Gutes kommen könnte. All die Jahre seines Erwachsenenlebens sah er keine Notwendigkeit, seine Meinung je zu ändern.

Herr P. ist Russe. Im Krieg war er Soldat. Er tötete deutsche Soldaten und wen immer sonst man ihm als Feind aufgebaut hatte. Ein Mann mit mörderischem Hass – auch er überlebte so.

Er lebte gern in Russland – später, nach den schlimmen Zeiten. Wäre sehr gern auch einmal dort begraben worden, in der Heimaterde. Aber seine Söhne und Töchter nahmen ihn mit nach Deutschland. Hier würde die Zukunft für die Nachkommen besser sein, sagten sie ihm. Er wollte nicht im Wege stehen.

Heute ist Herr P. bettlägerig. Steht eigentlich nie mehr auf. Spricht auch kein Deutsch. Verständigt sich mit Gesten. Die Söhne und Töchter haben kaum Zeit für den Vater. Der Wohlstand hat seinen Preis.

Mittlerweile wohnt Herr B., geflohen aus Ostpreußen, in einem Einzelzimmer, zwei Türen neben Herrn P., dem Russen. Herr B. kommt mit seinem Rollator noch bis in den Speiseraum. Es strengt ihn an, aber er macht es. Jeden Tag holt er für Herrn P. frisches Obst, das dort ausliegt.

Das ist Herrn B. wichtig. Herr P. bekommt ja sonst keinen Besuch, der ihm etwas Besonderes mitbringen könnte. Herr B. versteht ein bisschen Russisch – hat er als Kind gelernt; und er gibt sich Mühe, die verschütteten Vokabeln zu erinnern. Ein Mensch muss doch sprechen dürfen, sagt er.

Herr P. weint dann immer vor Freude.

Und ich verstehe, welchen Sinn die Passionsgeschichte macht.

Anke Augustin