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Die orthodoxe Kirche und die Ökumene

Vor 1610 Jahren ist der griechische Kirchenvater Johannes Chrysostomos gestorben und noch heute feiern die Orthodoxen, die auf die griechische Kirche zurückgehen, ihren Gottesdienst, die „Göttliche Liturgie“, nach liturgischen Texten und Gebeten dieses berühmtesten Predigers der griechischen Kirche. Wir beten heute das Kyrie-und das Fürbitten-Gebet mit seinen Worten.

Chrysostomos heißt Goldmund. Diesen Ehrennamen erhielt er schon frühzeitig und seine Predigten in Antiochien und Konstantinopel sind immer wieder von großem Applaus unterbrochen worden. Das müssen wir uns heute einmal vorstellen!

Der Konstantinopeler Patriarch Chrysostomos hatte in der größten und reichsten Stadt des Reichs im 4. Jahrhundert einen schweren Stand. Denn er kritisierte leidenschaftlich das lasterhafte Leben der Priester, Mönche und Nonnen der Kirche und die Ausschweifungen im kaiserlichen Palast. Vielen Reichen in der Stadt und Land war es auch nicht recht, dass er sich so leidenschaftlich für die Armen einsetzte. So endet sein großes Fürbitten-Gebet in der Fürbitte für die Armen: „Gedenke, Herr, derer die der Armen gedenken!“ Um theologische Diskussionen und Feinsinnigkeiten ging es ihm weniger, es ging ihm vor allem um die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments.

Ein berühmter, evangelischer Theologe, Adolf von Harnack, hat ihn treffend gekennzeichnet: Mit 700 sicher authentischen Predigten, vier Kommentaren zu biblischen Büchern und 17 Abhandlungen ist er „der Bibelmann der Alten Kirche“ gewesen. Mit seinen Predigten, als „Superprediger“, suchte er die Menschen zu erreichen, sie zu trösten, zu belehren und aufzubauen. Keinem anderen ist das so gelungen wie ihm.

Oftmals hat man ihn ins Exil deportiert. Die Strapazen seines letzten Exils sollte er nicht überstehen. Folgende Worte hat er der aufgeregten Anhängerschaft im Hafen von Konstantinopel vor seiner letzten Deportation zugerufen: „Es tobe das Meer… es türme sich Woge auf Woge. Das Schiff Jesu wird niemals sinken. Sollte ich den Tod fürchten? Christus ist mein Leben. Die Verbannung? Überall ist die Erde des Herrn. Den Verlust meiner Habe? Ich brauche nichts in die Welt mitzunehmen, was sollte ich mitnehmen? Gelobt sei Gott!“ Mich erinnert das an Martin Luther: „Wir sind Bettler. Hoc est verum.“

I.

Jetzt komme zunächst auf unsere Gegenwart und jüngste Vergangenheit zu sprechen. Die erste, noch gemeinsame Studienreise unseres Paulusseminars führte uns 1979 in die Türkei. In Konstantinopel/Istanbul hatten wir eine Audienz bei dem damaligen Ökumenischen Patriarchen Demetrios – eine wichtige, erste Begegnung mit der griechischen Orthodoxie.

1992 lernten beide Gruppen unseres Paulusseminars die liberal-orthodoxe Akademie in West-Kreta kennen, deren damaliger Generaldirektor Dr. Aléxandos Papaderós, der Gründer und Bischof der Region, Metropolit Irenaios, und der Dienstherr der Akademie, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel/Istanbul, Bartholomaios I., diese Liberalität garantierten. Auch die heutigen Direktoren stehen für diese ein. Im Jahr 1994 konnte ich mit meiner Frau zusammen eine hoch interessante, schöne Studienzeit von vier Monaten dort erleben. In den nachfolgenden Jahren sind wir immer dort arbeitend oder in Ferien dort gewesen. Viele Teilnehmer unseres Paulusseminars haben in den Studienreisen der Jahre 2004 und 2011 diese wichtige Institution und ihre Arbeit kennengelernt und konnten im herrlichen, kretischen Meer schwimmen. Ganz abgesehen davon, dass Kreta auch für unseren Namenspatron Paulus ein wichtiges Eiland gewesen ist, wurde auch für unsere beiden Heisinger Christengemeinden diese Mittelmeer-Insel wichtig. Warum?

Ein griechischer Pappás, Pfarrer Jannis Psarakis, hat in der großen griechisch-orthodoxen Gemeinde in Düsseldorf-Eller eine wunderschöne, neue Kirche „Ajios Andreas“, Heiliger Andreas, errichten lassen, nach seinen architektonischen und ikonographischen Vorgaben. Kreta ist sein Heimatland. Und aus Kreta hat sich er sich tüchtige Künstlerinnen herbeigeholt: griechische Nonnen aus dem Kloster Chryssopegí bei Chaniá. Die haben die ganze, große Kirche wunderbar ausgemalt mit Christus-Marien-Heiligenbildern und Bildern aus der reichen Schöpfung Gottes.

2008 dachte ich mir: das müsst ihr Katholiken und Protestanten aus Heisingen auch sehen. Und so startete ich eine Exkursion, die wir am 29.Februar 2008 erfolgreich mit 60 Teilnehmern in einem großen Bus absolvierten. Das ökumenische Team von heute war damals schon mit dabei. Papa Jannis erklärte uns die Bedeutung der heiligen Bilder in der orthodoxen Kirche, die in der römisch-katholischen Kirche ein ähnliches Gewicht haben. In den reformatorischen Kirchen ist das anders. Die lutherische Kirche bejaht ihre relative Bedeutung, die reformierten Kirchen lehnen sie im Grunde vollkommen ab, wie der Islam.

Seit gut zehn Jahren feiert Pfarrer Psarakis einen ökumenischen Gottesdienst am Ostersonntagvormittag, unter Mitwirkung katholischer und evangelischer Pfarrer und orthodoxer Laien. Das Osterevangelium wird in verschiedenen Sprachen vorgelesen, Worte werden an die zahlreiche Gemeinde gerichtet und die traditionellen roten Ostereier an jeden verteilt. Draußen werden die Osterlämmer wie in Griechenland und anderswo gegrillt und nach der Fastenzeit mit Appetit verzehrt. Dann wird viel getanzt. Das gefällt uns allen – wie die Osternacht in der kretischen Akademie, die wir Paulusreisende 2011 dort erlebt und gefeiert haben.

II.

Nun komme ich auf die Orthodoxe Akademie Kreta zu sprechen. Der östliche, große Wurzelbaum der Christenheit neben dem westlichen römisch- katholischen Wurzelbaum, ist die Orthodoxie mit seinen 14 verschieden starken Ästen. Ich hüte mich, sie alle aufzuzählen, und nenne nur die zwei gewaltigsten Äste: den griechisch-byzantinischen als den „älteren“ und den russisch-orthodoxen als den „jüngeren“, immerhin 1000jährigen Ast.

Im Winter 2016 beschlossen die Kirchenführer aller 14 Kirchen in Genf einstimmig, die Große-Hohe Synode, die seit gut 1000 Jahren nicht mehr zusammengetreten ist, im Sommer 2016 in der Griechisch-Orthodoxen Akademie auf Kreta zusammenkommen zu lassen – ein Großereignis für alle orthodoxen Geschwister auf der Welt und für die anderen Kirchen auch. Alle hatten unterschrieben, teilzunehmen. Dem war aber nicht so im schönen Sommermonat Juni 2016 in der großen OAK.

Die Hoffnung des Einberufers, des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel/Istanbul, Bartholomaios I., auf eine größere Einigkeit der 14 orthodoxen Geschwisterkirchen sollte sich nicht erfüllen. Der Grund wie immer in der 2000jährigen Kirchengeschichte: Machtfragen. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill I. von Moskau will die traditionelle Führungsrolle des Ökumenischen Patriarchen nicht anerkennen. Er reiste trotz seines gegebenen Versprechens gar nicht nach Kreta, und auch nicht drei der ihm verbundenen Kirchen. So trafen sich dort nur 10 der 14 selbständigen (autokephalen) Kirchen. Man spricht in Deutschland von einem slawisch geprägten und einem griechisch geprägten Kirchentum. Das Moskauer Patriarchat orientiert sich an der Politik des Kremlherrschers Putin. Kirill I. gilt als Putins Vertrauter und kämpft wie dieser gegen westliche Werte. Christen anderer Kirchen, also wir, werden als Ketzer betrachtet, Katholiken auch und besonders die Protestanten.

Das ist die alte, unheilige Allianz zwischen Staat und Kirche, gegen die sich Johannes Chrysosostomos vehement bis zu seinem Tode zur Wehr gesetzt hatte. Das griechisch geprägte Kirchentum orientiert sich am Patriarchat von Konstantinopel/Istanbul, das von Russland als proamerikanisch gegeißelt wird. Die Spannungen zwischen dem Westen und Rußland heizen den Konflikt zusätzlich an, wie wir seit Jahren am Beispiel der Ukraine sehen. Das Patriarchat von Kiew ist gespalten in ein prorussisches und ein antirussisches. Die baltischen Orthodoxen tendieren nach Westen, also zum Ökumenischen Patriarchat, das kaum wirkliche Macht hat gegenüber den 100 Millionen der russisch-orthodoxen Kirche.

Was würde Christus dazu sagen? Das hat sich schon Dostojewski gefragt.

Die „Rumpfsynode“ hat dennoch vielerlei Beschlüsse gefasst, die uns hier nicht interessieren. Was aber sagt sie zur Ökumene? Sie kommt der römisch-katholischen Kirche mehr entgegen als uns Evangelischen. Hören wir kurz: Für die Einheit unter den Christen sind Sakramente und die apostolische Sukzession, die Abfolge von den Aposteln bis in die Gegenwart, die ja den Protestanten abgesprochen wird, unabdingbar. Das Abwerben von Christen unter den Konfessionen, der sogenannte Proselytismus, muss abgelehnt werden. Und das Härteste für die Kirchen der Reformation ist die Frage, ob diesen Kirchen der Status Kirche oder kirchliche Gemeinschaft zuerkannt werden soll. Papst Benedikt XVI. hatte damit schon schweres „ökumenisches Geschütz“ aufgefahren. Unser EKD-Ratsvorsitzender, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, hatte freilich bei seinem Empfang durch den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Kreta einen viel positiveren Eindruck als es in den Papieren stand. In Deutschland sind die Beziehungen beider Konfessionen zur drittgrößten Konfession mit etwa 1,6 Millionen orthodoxen Christen hervorragend.

III.

Am 9. November 2010 stand ich Glücklicher in Nizäa und etwas später in Konstantinopel, heute Iznik und Istanbul in der Türkei. Dort konnte ich unter einiger innerer Bewegung den Zuhörern wie uns heute etwas zum Verstehen des Grundbekenntnisses der Weltchristenheit sagen. Drei kurze Vorbemerkungen: alle evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer werden bei ihrer Ordination auf die drei altkirchlichen Grundbekenntnisse: Apostolikum, Nicaenum-Constinopolitanum (NC) und Athanasianum neben den Bekenntnissen der Reformation verpflichtet. Zum anderen: alle 350 im Ökumenischen Rat der Kirchen zusammengeschlossenen nichtkatholischen Kirchen müssen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments sowie diese trinitarischen Bekenntnisse der Alten Kirche unterschreiben. Drittens: in allen kirchenmusikalischen Messen, einschließlich der wunderbaren h-Moll Messe des Lutheraners Johann Sebastian Bach, ist das Credo das NC. Es steht im Evangelischen Gesangbuch (EG 854).

Die Eingliederung des Apostolikums in das NC entsprang der Neuzeit, nicht der Alten Kirche. Jeder Satz wird ja traditionell einem Apostel zugeordnet, von Petrus bis zum Ersatzapostel Matthias. Die Gliederung in drei Artikel hat jedes altkirchliche Bekenntnis: Vater-Sohn-Heiliger Geist. Im Denken der Alten Kirche interessierte von der Philosophie her vor allem das „substanzontologische“ (ein schwieriges Wort) Denken: also die Frage, welche Substanz einem Wesen zugrunde liegt. Dieses Denken ist uns fremd. Ich behaupte: wir denken in Beziehungen. Schwierig gesagt: „relationsontologisch“. Das war natürlich der Alten Kirche auch nicht fremd, aber nicht entscheidend. Meine Hauptkritik an den alten Bekenntnissen ist: das Wort agápe, Liebe, taucht nirgendwo auf. Doch Vorsicht! Die göttliche Liebe im Heilshandeln Gottes sehr wohl.

Schauen wir genauer hin. Zuerst in unsere Gegenwart. Die römisch-katholische Theologin Sabine Pemsel-Maier, Professorin in Karlsruhe, hat etwa vor 10 Jahren der Trinität einen provozierenden Titel gegeben: „Trinität- eine Beziehungskommune“. Vater, Sohn und Heiliger Geist müssen als ein Beziehungsgeflecht verstanden werden – sehr wohl als ein Beziehungsgeflecht der Liebe. Der evangelische Theologe und Schweizer Pfarrer Kurt Marti, der in diesem Jahr 96jährig verstorben ist, hat schon 1989 ein wunderbares Büchlein veröffentlicht mit dem Titel „Gesellige Gottheit“. Und der 89jährige, berühmte Hans Küng interpretierte das NC ganz einfach, aber zutreffend so (Martin Luther hätte seine Freude daran):

Gott erschließt sich als unsichtbarer Gott über mir als Ursprung der Welt, als ihr Schöpfer und Erhalter; als Vater im Sohn erschließt der in Jesus Christus Mensch gewordene Gott sich neben und mit mir. Er begegnet mir im anderen Menschen und hält mir zugleich vor Augen, was sinnvolles und gelingendes Leben ist. Als Heiliger Geist erschließt er sich als der Gott in mir, der in mir wirkt, mich erfüllt und mich lebendig macht.

Im dem aufregendsten 4. Jahrhundert der Alten Kirche war alles reichlich kompliziert. Die Christen haben sich gestritten bis auf den Tod über die Frage: wer Jesus Christus denn nun wirklich ist: Mensch oder Gott oder wahrer Gott und wahrer Mensch. Todesstrafe für die Erzketzer, die Arianer, welche die Göttlichkeit Jesu Christi in Frage stellten. Nach Nizäa hatte der christenfreundliche, um die Einheit des Römischen Reichs besorgte Kaiser Konstantin, die Bischöfe aus Ost und West zusammengetrommelt. Manche kamen angehumpelt oder nur mit einem Arm oder einem Auge. Denn die schärfste Verfolgung der Christen bis auf dem Tod hatte Konstantins Vorgänger, Kaiser Diokletian, über die Christenheit gebracht. Sie war mit Gottes Hilfe und des Kaisers zu Ende – Gott sei unendlicher Dank!

Als das Zweite Ökumenische Konzil 381 nach Konstantinopel einberufen wurde von Kaiser Theodosius I., da war Johannes Chrysosotomos im blühenden Alter von 30 Jahren. Der Kaiser suchte wie schon Konstantin die Einheit des Reiches zu wahren, da der Theologenstreit kein Ende nahm. Die Bischöfe aus Ost und West tagten im Kaiserpalast und dann in der Apostelkirche Kaiser Konstantins, die die Osmanen nach der Einnahme 1453 als erstes zerstörten.

Der wichtigste Artikel ist der Christus-Artikel, also der zweite: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott in ihm (1. Johannes 4,16b). Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Johannes 3,16). Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1. Korinther 13,13). Das ist das Kernevangelium, das Zentrum des Neuen Testaments und des Weltchristentums:

Jesus Christus ist der Gesandte der Liebe.

Finden wir es im NC wieder? Unbedingt, aber mit anderen Worten. Schauen wir hin. In Satz drei heißt es: „Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er (aus Liebe, füge ich hinzu) vom Himmel gekommen, ist Fleisch geworden aus Heiligem Geist und der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“ Und Satz vier fährt fort: „Er wurde (aus Liebe, füge ich hinzu) für uns (lateinisch: pro nobis) gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden“, in Satz fünf „ist (aus Liebe Gottes zu uns, füge ich hinzu) auferstanden nach der Schrift“ und in Satz sechs „aufgefahren in den Himmel“.

Und ich erlaube mir im Reformationsjahr Martin Luther abschließend aus seinem berühmten Weihnachtslied „Gelobet seist du Jesus Christ“ (EG 23 – Gotteslob 252) aus der letzten, siebten Strophe zu zitieren: „Das hat alles uns getan, sein groß Lieb zu zeigen an. Des freu sich alle Christenheit und dank ihm des in Ewigkeit. Kyrieleis.“

Da steckt eigentlich alles drin. Wer könnte es besser sagen?

Eckhard Schendel