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Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe!

Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. (Matthäus 2,13)

Dieser kurze Satz ist für ungezählte Menschen schreckliche Wirklichkeit geworden. Der Verlust aller Gewissheiten, die das Leben hoffnungsvoll stimmen können, die Angst vor Krieg und Gewalt, die nackte Verzweiflung treiben sie dazu, ihre Heimat zu verlassen.

Viele von ihnen sind auf dem Weg zu uns. Und nicht immer werden sie mit offenen Armen empfangen. Und es gibt Hindernisse: der Sprache, der Kultur, der guten Unterbringung und vieles andere. Probleme, die ernst genommen werden müssen: Keine Frage.

Gewiss ist hier nicht der Ort, das Ringen um den richtigen Weg zu diskutieren; und schon gar nicht der Raum, um fertige Lösungen zu präsentieren. Denn die hat auch die Kirche nicht; erst recht nicht eine einzelne Gemeinde. Aber: keine fertige Lösung zu haben, das kann und darf nicht bedeuten, untätig zu bleiben oder anderen Akteuren das Feld zu überlassen. Schon gar nicht denen, die Hass in die Welt tragen.

Als Christen haben wir dafür, gerade in diesen Tagen, einen starken, unüberbietbaren Grund und eine entscheidende Motivation. Denn der Satz: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe!“ gehört in den Zusammenhang der Weihnachtsgeschichte des Matthäus (Matthäus 2,13-15). Joseph wird von einem Boten Gottes aufgefordert, Maria und Jesus in Sicherheit zu bringen; vor dem Diktator, der Herodes heißt.

Wie berechtigt diese Flucht ist, zeigt die Tatsache, dass wenige Zeilen später von der Ermordung unzähliger Kinder (!) berichtet wird. Nach Ägypten bricht die „Heilige Familie“ auf – mit nichts. Das war damals fast eine Weltreise.

Zugleich aber war und ist das für jeden frommen Juden (und das waren die Drei!) ein historisch bedeutender Weg. Nach Ägypten waren die Urahnen des Volkes vor dem Hunger geflohen. Heute würden wir sie Armutsmigranten nennen. Sie hatten Hilfe gefunden. Generation später flieht das Volk dann in die umgekehrte Richtung. Weg aus Ägypten: vor Gewalt und Sklaverei. Noch einmal Generationen später erst sind sie wieder „zuhause“ angekommen. Geführt durch Moses. Und doch wieder nur auf Zeit, wie wir alle wissen.

Die Bibel ist voller Erzählungen über Menschen auf der Flucht und über ihre Not. Dass wir hier keine bleibende Stadt (Hebräer 13,14) haben, ist eines ihrer Schlüsselthemen. Jesus, dessen Geburt wir in diesen Tagen feiern, reiht sich in die Schar dieser Flüchtlinge auf Erden ein: als neugeborenes Kind. Schon hier beginnt sein Weg nach Golgatha, der zugleich zum Ostergeschehen führt.

Deshalb stehen diese Tage für mich ganz besonders unter dem Vorzeichen der Sehnsucht: mit der Sehnsucht nach Frieden auf Erden. Wenn niemand mehr eine Stimme hören muss, die sagt: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und fliehe!“ Diese Hoffnung darf nicht enden!

Joachim Lauterjung