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Schwarz-Weiß-Denken führt nicht weiter

Vielleicht werden die Mordanschläge auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktion der der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Rückblick einen ähnlichen Wendepunkt im Verhältnis zwischen westlicher Welt und islamischer Welt darstellen wie seinerzeit die Terrorattacken auf die Türme des World Trade Center in New York am 11. September 2001. Damals, vor 14 Jahren, läuteten die Ereignisse den „Krieg gegen den Terror“ unter der Führung der USA ein, der sich vor allem gegen das Regime des Diktators Saddam Hussein im Irak richtete. Und neben den allgemein verschärften Sicherheitsmaßnahmen gerieten seither die Muslime weltweit unter den Generalverdacht, Befürworter des Terrorismus zu sein.

Die Reaktionen auf die Mordanschläge in Paris sahen anders aus: Im Vordergrund standen Großdemonstrationen quer durch alle politischen Lager, die sich für die Werte von Demokratie und Pressefreiheit stark machten.

Und auch aus der muslimischen Welt waren diesmal deutliche Verurteilungen der terroristischen Aktivitäten dieser selbsternannten „islamischen“ Kämpfer zu hören.

Wie wird es weitergehen? Das hängt auch davon ab, was in den Köpfen der Menschen der westlichen Welt – also in unseren Köpfen – vorgeht: Gehen wir davon aus, dass „der Islam“, egal welcher Glaubensrichtung auch immer, im Kern gewalttätig und unterdrückerisch ist? Dass vielleicht Religionen – auch das Christentum! – grundsätzlich eine Quelle von Unfreiheit und Fanatismus sind? Oder gehen wir davon aus, dass „der Islam“ – wie andere Religionen – auch ein Potenzial von Menschenfreundlichkeit und Friedensfähigkeit hat? Und dass das, was die Terrortruppen des „Islamischen Staates“ und „Boko Haram“ unter virtuoser Nutzung von Internet, Facebook und Twitter veranstalten, eine Perversion des Islam ist – der Versuch, die „Ehre Gottes“ mit aller Gewalt zu verteidigen, der in der absoluten und grausamen Gottlosigkeit endet.

Wie man es auch dreht und wendet – Schwarz‐Weiß‐Denken führt an dieser Stelle nicht weiter. Und auch nicht die Verbreitung von populistischen Verschwörungstheorien. Dass es in Deutschland und in den Ländern des Westens berechtigten Ärger über gesellschaftliche Ungleichheit und Arbeitslosigkeit gibt, hat mit den Fragen von Asyl, Flüchtlingen und Zuwanderung von Muslimen relativ wenig zu tun.

Was übrigens nicht heißt, dass nicht auch kritisch über manche Glaubenshaltungen von Muslimen diskutiert werden müsste: etwa das innere Leitbild, immer (zumal als Mann) „siegreich“ sein zu müssen, und sich (zumal als Mann) in seiner „Ehre“ verletzt zu fühlen, wenn man einmal nicht auf der Seite der „Sieger“ steht. Aber solche Fragen könnten sich ja auch einmal Menschen (zumal Männer) im „christlichen Abendland“ stellen!

Ulrich Holste-Helmer
Annegret Helmer