Dieser Beitrag wurde 864 mal aufgerufen

Gottes Geist leitet Menschen – aber wie?

Der Geist, den ihr empfangen habt, ist ein Feuer. Lasst es brennen! (Römer 12,11)

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Heiliger Geist, das ist Gott selbst, Gott, der uns nahe kommt, uns anweht, trifft, beflügelt, tröstet, aufrichtet. Wo wir etwas von Gott erfahren, wo wir Gott hören oder spüren, da sprechen wir von seinem Geist, von seiner Nähe. Wo etwas wie eine Wandlung in uns geschieht, etwas wie eine Befreiung, sagen wir: Das hat Gott gewirkt! Gott hat mir den Weg gezeigt, hat mich geleitet. So verspricht Jesus es im Johannes-Evangelium: Gottes Geist „wird euch in alle Wahrheit leiten“ (16,13).

Wer mit Pfingsten ein wenig anfangen kann, denkt wahrscheinlich als Erstes an die Pfingstgeschichte. Da wird in der Bibel in der Apostelgeschichte exemplarisch erzählt, wie Menschen von Gottes Geist neu in die Wahrheit geführt werden. Die Freundinnen und Freunde Jesu hatten sich nach niederschmetternden Erfahrungen und Erlebnissen zurückgezogen und waren in eine Art Erstarrung gefallen. Fünfzig Tage nach dem Tag der Auferstehung Jesu saßen die Jünger zusammen und wurden plötzlich von einer nie gekannten Begeisterung erfasst, als sei der schlafende Glaube zu Feuer und Flamme geworden, als wären sie entbrannt von neuer Hoffnung und erleuchtet von neuer Erkenntnis.

Und dann ging es richtig los: Die Frauen und Männer gingen auf die Straßen und Plätze und konnten predigen: das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus, von Freiheit und Gerechtigkeit, vom Glauben und von der Liebe. Es wurde getauft, das Abendmahl wurde gefeiert. Es wurde miteinander geteilt, um anderen zu helfen. Das Gebet wurde gepflegt, das Bekenntnis deutlich gesprochen, es wurde gesungen, Gottesdienst gefeiert. Diakone wurden eingesetzt, als die Arbeit den Jüngern zu viel wurde, um die Diakonie, die Hilfe im Alltag, sicherzustellen.

Lukas zeigt, dass die Kirche von Anfang an in Gottes Geist gründet, dass sie ein Phänomen des Geistes ist. Bis heute sind Aufbrüche in der Kirchengeschichte oder im Leben einzelner Christen stark von dieser Darstellung des ersten Pfingstfestes inspiriert worden. Ich habe das Gefühl, dass bis heute der Geist oft im Besonderen, im Außergewöhnlichen gesehen wird: Zum Beispiel in den reformatorischen Aufbrüchen oder in Erweckungsbewegungen, im Erleben einer Jugendfreizeit, der Teilnahme an einem Ereignis wie dem Kirchentag, bei einem besonderen Glaubenserlebnis oder anrührenden Gottesdienst.

Das ist auch alles richtig. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit über den Heiligen Geist. Das gilt gerade im Blick auf unseren Alltag, ob das einzelne Christen, das Leben in einer Gemeinde oder die Leitung von Kirche oder einer diakonischen Einrichtung betrifft. Mir ist eine andere Dimension des Geistes dabei ganz wichtig: Gottes Geist wirkt im Außergewöhnlichen und im Gewöhnlichen!

Das Leben im Geist Gottes hat Auswirkungen auf die ganze Lebensführung. Im Römerbrief, Kapitel 8, führt Paulus das aus. Er fragt uns da, ob wir Leute sind, die ihre Lebensführung an der menschlichen Schwäche orientieren oder am Geist. In der Lutherbibel lautet diese Gegenüberstellung „Fleisch“ und „Geist“. „Fleisch“ meint den Menschen in seiner Schwachheit, Hinfälligkeit und Begrenztheit. Diese Schwäche und Hinfälligkeit verführt dazu, für sich so viel wie möglich herauszuholen, nach dem von Paulus zitierten Motto: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1. Korinther 14,32) Nur noch selbstbezogen zu leben: Das ist die Macht der Sünde. Luther hat den schwachen, von der Sünde beherrschten Menschen „den in sich selbst verkrümmten Menschen“ genannt. Wer wüsste nicht, wohin das führt: zum Unfrieden im eigenen Leben, es macht das Leben in der Gemeinschaft kaputt, beschneidet die Lebensmöglichkeiten anderer, kann sogar Menschen töten.

Und natürlich wird etwas davon oft genug auch in Kirche und Diakonie erlebt. Wer kennt nicht eine Gruppe oder Gemeinde, die ständig um sich selbst kreist oder wo sich alles nur noch um das Geld dreht? Wer wüsste nicht allzu Menschliches aus Gemeinden, Kirchenkreisen oder der Diakonie zu berichten, beim Umgang mit einzelnen Mitarbeitenden, beim Umgang miteinander, bei den alten Geschichten, die einem immer wieder vorgehalten werden?

Der Orientierung an der menschlichen Schwäche stellt Paulus die Orientierung am Geist gegenüber. Er setzt es als selbstverständlich voraus, dass der Geist in der Kirche Jesu Christi da ist und Christen sich daran orientieren: „Ihr aber orientiert euch nicht an menschlicher Schwäche, sondern am Geist – so gewiss der Geist Gottes unter euch wohnt.“ (Römer 8,9)

Woran merkt man das? Gottes Geist wirkt, wenn wir uns von dem in der Bibel überlieferten Wort Gottes heute ansprechen lassen, wir auf seine Weisung hören und seiner Zusage trauen. Dann kann ich gewiss sein, Gott wohnt mitten unter uns. Dann darf ich darauf trauen, Gott bis in die Tiefe meiner Seele in mir zu tragen, von guten Mächten wunderbar geborgen zu sein.

Gottes Geist wirkt aber nicht nur in mir, sondern durch mich hindurch. Paulus nennt, was von mir ausgehen wird, „Früchte des Geistes“. Er zählt auf: „Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Güte und Großzügigkeit, Treue, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung“(Galater 5,22). Und konkret ist das gemeint, denn genau so wirkt Gottes Geist! Ich denke an die alleinerziehende Mutter, die es im Alltag schafft, trotz aller Widrigkeiten gut für ihre Kinder da zu sein. An den Geschäftsführer, der bei schwieriger Marktlage das Unternehmen mit schwarzen Zahlen führt und für ein gutes Klima unter seinen Mitarbeitenden sorgt. An die Schülerin, die stets gute Laune verbreitet und andere mit ihrer Fröhlichkeit ansteckt. An die unheimlich anstrengende, aber intensive Begleitung eines Sterbenden durch seine Angehörigen. An das ehrenamtliche Engagement, ohne dass ganz viel in unserer Gesellschaft – und auch in Kirche und Diakonie – nicht ginge und viel Menschlichkeit fehlen würde.

Ja, außergewöhnlich und gewöhnlich wirkt der Heilige Geist, so will er uns in alle Wahrheit leiten. Dafür braucht es Menschen, die ihre gewöhnlichen wie ihre außergewöhnlichen Gaben einbringen. Paulus mahnt im Römerbrief, Kapitel 12, das soll je nach dem Maß des Glaubens geschehen. Es geht darum, das von Gott zugeteilte Maß zu bejahen und die Aufgaben und Zuständigkeiten möglichst sinnvoll und funktional aufzuteilen und einzusetzen, als Person wie als Organisation.

Wieder beschreibt Paulus das sehr anschaulich. Er spricht von Christen, die in der Lage sind, aktuell Gottes Willen zu entdecken und einzufordern. Von anderen, deren besondere Fähigkeit es ist, in aller Einfachheit und Verborgenheit anderen Menschen einen liebevollen Dienst zu tun. Von Christen mit der Fähigkeit, das Wort Gottes auszulegen und verständlich zu machen. Von der Fähigkeit, andere zu trösten oder ihnen aufzuhelfen. Von der Bereitschaft etwas von seinem Besitz zu geben. Vom Einsatz und der Hingabe für Menschen, die in Schwierigkeiten stecken oder krank sind. Und nicht zuletzt: „Wer ein Amt hat, in dem er leiten oder verwalten soll, wende allen Eifer darauf.“ Und was ist die Richtschnur für das Handeln in all seiner Unterschiedlichkeit? Die Richtschnur ist die Liebe! Das, was die anderen aufbaut, die zur Gemeinde gehören und die, die „draußen“ sind. Paulus schlussfolgert: „Der Geist, den ihr empfangen habt, ist ein Feuer. Lasst es brennen!“ (Römer 12,11)

Den Geist brennen lassen – im Gewöhnlichen und im Außergewöhnlichen, darum geht es. Gottes Geist will mein Leben leiten – und unsere Gemeinden und diakonischen Einrichtungen auch. Lassen wir ihn brennen, nicht nur an Pfingsten!

Andreas Müller