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Alles erzählt von Gott

Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth. (Psalm 84,2)

Dieses Wort hat mich bei meiner Einführung im Mai letzten Jahres als Superintendentin inspiriert. Irgendwie begleitet mich seitdem dieser Bibelvers – mit seinem Bild der „Wohnungen Gottes“. Wenn ich mir Wohnungen und Räume in unserem Land vor Augen führe, nehme ich wahr, wie sehr sich Räume in den letzten 25 Jahren verändert haben. Keine Arztpraxis mehr ohne großformatige Bilder an der Wand, Innenräume – Inneneinrichtungen der Geschäfte werden passgenau auf die Kunden und den Zeitgeschmack abgestimmt. Unser Raumempfinden hat sich verfeinert. Von einer zunehmenden Ästhetisierung unserer Gesellschaft sprechen die Wissenschaftler.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch das Interesse an sog. „heiligen“ Räumen zu verstehen. An vielen öffentlichen Orten, wie z.B. am Düsseldorfer Flughafen, im Einkaufszentrum „Centro“ in Oberhausen, auf Schalke im Fußballstadion sind Orte der Stille eingerichtet worden. Und: Kirchen sind – Gott sei Dank – zunehmend auch wochentags geöffnet. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland monatlich mehr als 150.000 Menschen „mal eben zwischendurch“ in der Kirche eine Kerze anzünden oder ein paar Minuten zur Ruhe kommen. Das alles zeigt: Kirchenräume sind den Menschen eine Hilfe bei der Gestaltung des eigenen Lebens und der eigenen Religiosität und Spiritualität.

Gleichzeitig stehen wir vielfach vor der Notwendigkeit, aus finanziellen Gründen Kirchen zu schließen – in Essen in den letzten 10 Jahren 10 Kirchen und 5 Gemeindezentren. Aktuell verfügen wir im Kirchenkreis über 49 Gottesdienststätten sowie 16 weitere Gemeindestandorte. Vielfach wunderschöne Räume, zum Auftanken der Seele, für die Stille im Gebet, für kunterbunte Familiengottesdienste und auch einige Veranstaltungskirchen, in denen phantastische Konzerte zu hören sind. Welche Räume brauchen wir, für uns Menschen, für unseren Glauben, zur Gestaltung unserer Beziehung mit Gott?

Kirchen bergen die Gebete von Menschen, die sich in Zeiten der Freude und in Zeiten der Unsicherheit in vielen Jahrzehnten dorthin auf den Weg gemacht haben. Wenn ich eine Kirche betrete, lädt sie mich ein: Hier bist du willkommen, egal was du bist. Hier verlangt niemand etwas von dir. Ohne Eintrittskarte, ohne Ausweis, ohne Empfehlungsschreiben, bist du eingeladen zu verweilen. Ohne Begründungen, ohne Pflichtgefühle, ohne Zwang. Ein wenig verweilen, ohne Taufschein, ohne Katechismus, ohne Ehering. An diesem Ort sind auch deine geheimsten Wünsche und Gedanken, Ängste und Sehnsüchte aufgehoben. Was du in einem Kirchraum siehst, den Altar und die Kerzen, die Fenster und die Bibel – alles erzählt von Gott. Alles erinnert daran, dass Menschen schon immer auf der Suche waren nach dem, was Sinn gibt und trägt – im Leben und im Sterben. Einfach nur da sein in dieser Wohnung Gottes – ohne Verdienst, ohne Bekenntnis, ohne Vorleistung!

Kirchen als offene Räume, die zur Begegnung mit Gott und anderen Menschen einladen. Dabei begrenzen sich ja die Wohnungen Gottes, von denen der Psalmbeter spricht, selbstverständlich nicht auf Kirchräume. Im Lukasevangelium heißt es: „Wo zwei oder drei beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen!“ Im Sinne der Geschichte des Gottesvolkes ist diese Wohnung durchaus auch als Zelt denkbar! Die Gemeinde, der Stadtteil, das Zeltdorf, das Quartier – alles kann zur Wohnung Gottes werden. Zur Wohnung Gottes kann die zufällig zusammen gewürfelte Menschengruppe in einem Quartier werden: da, wo wir Vieldeutigkeit aushalten. Wenn wir im Sinne der Toleranz dulden, auch das, was uns falsch erscheint. Wenn wir Nachbarschaft und Miteinander im Quartier leben wollen, wird es auch darum gehen, die Vieldeutigkeit auszuhalten. Und für diesen Raum der Nachbarschaft gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Dabei geht es im Miteinander des Quartiers nicht darum, das eigene Denken und Glauben aufzuweichen, um nur ja mit den Anderen im Stadtteil nicht anzuecken. Vielmehr geht es darum, Pluralität und Vieldeutigkeit auch als Chance für unsere Kirche und unsere Gesellschaft anzunehmen. Heißt: auf der Grundlage des christlichen Glaubens offen zu sein für Menschen jeglicher Herkunft, um jedem in Respekt vor seiner jeweiligen Religion zu begegnen.

Ich erlebe es so, dass wir uns darin zurzeit einüben. Es fordert uns heraus. Aber es tut uns gut. So haben wir in Essen eine enge Zusammenarbeit in der Diakonie und Wohlfahrtspflege. In einem Stadtteil ein Stadtteilzentrum, in einem anderen Stadtteil Mittagessen auf dem Markt, in einem Stadtteil professionelle Kirchenmusik, in einem vierten armutsorientierte Gemeinwesenarbeit. Nicht alle alles – sondern beispielhaft dieses und jenes. Aber in allen Stadtteilen Sonntag für Sonntag ein evangelischer Gottesdienst!

Marion Greve