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Was ich von H. über Gottesdienste gelernt habe

Wieder einmal war ich stolz auf meine Gemeinde: es war ein guter Gottesdienst. So, wie ich ihn mir wünsche. Nicht nur der Kirchenmusiker und ich haben ihn gestaltet: Weitere acht Frauen und Männer haben sich kraftvoll und ermutigend eingebracht. In sehr persönlichen und teilweise bewegenden Worten schilderten sie, wie sich ihr Glauben im Laufe ihres Lebens entwickelt hat. Zuvor hatten wir uns einige Wochen in unserer Bibelstunde ausgetauscht über unsere Vorstellungen von Gott, haben uns gegenseitig auch schwierige, irritierende und notvolle Erfahrungen mitgeteilt. Aus diesen Berichten hatten die Beteiligten Texte verfasst, die sie selbst im Gottesdienst vortrugen.

Es kam aber noch besser: Alle Mitwirkenden aus der Bibelstunde erklärten sich dazu bereit, fortan öfter an der Gestaltung von Gottesdiensten mitzuwirken! Hoch motiviert beschlossen wir, dass es in unserer Kirche noch viele weitere gemeinschaftlich gestaltete Gottesdienste geben sollte. Und auch die Gottesdienstbesucher waren begeistert: ja, zu solchen Gottesdiensten kommen wir gern in die Kirche.

Schnell wurde der Wunsch nach einer Fortbildung laut: Es würde diejenigen, die im Gottesdienst vortragen und Texte lesen, noch sicherer machen, wenn sie Tipps zur Aussprache erhielten oder dazu, wie sie ihre Scheu vor dem Mikrofon ablegen oder ihre Schüchternheit beim Vortrag vor der Gemeinde überwinden könnten.

Wieder war ich stolz – auch auf mich: nur einen Tag später hatte ich eine Schauspielerin engagiert, die mit uns einen Kurs in „liturgischer Präsenz“ durchführen wollte. Freudig schrieb ich gleich alle Menschen in meiner Gemeinde an, von denen ich wusste, dass sie Interesse an einer Mitgestaltung des Gottesdienstes haben – es könnten doch noch viel mehr als die acht Mitwirkenden aus dem letzten Gottesdienst von diesem Kurs profitieren, so meine Hoffnung.

Und dann kam die Mail von H. Voller Empörung. Nicht, dass sie es nicht gut fände, gemeinschaftlich gestaltete Gottesdienste anzubieten. Im Gegenteil. Das war ganz in ihrem Sinn. Aber dass es dazu eines Schauspielunterrichts bedürfe, DAS war ihr unerträglich: „In Booten verrecken die Menschen, und du inszenierst deine Gottesdienste!“

Das traf. Das traf mich. H. hatte recht. In meinem Stolz und meiner Euphorie über das gelungene Werk hatte ich ein Wesentliches aus den Augen verloren: Unsere Kirche darf nicht Selbstzweck sein. Unsere Gottesdienste dürfen nicht nur vordergründig „gefallen“ wollen – sie müssen auch aufstacheln.

„Kirche ist nur Kirche für andere“ und „gregorianisch darf nur singen, wer für die Verfolgten schreit“ – diese Kerngedanken, die von Dietrich Bonhoeffer stammen, dürfen bei allem Eifer um „gefällige Gottesdienste“ auf gar keinen Fall verlorengehen. Ich habe Bonhoeffers Bücher deshalb wieder ganz oben auf meinen Lesestapel gelegt. Er ist wieder „dran“. Das habe ich nun neu gelernt von H.

Der Kurs zur Fortbildung der Gottesdienst-Mitwirkenden wird selbstverständlich auch stattfinden. Aber nun ist er ins rechte Licht gerückt. Hat seinen Platz bekommen in meinen Gedanken zu Gott und seinem Dienst an uns Menschen.

Danke an H.

Anke Augustin

2 Gedanken zu „Was ich von H. über Gottesdienste gelernt habe

  1. Ich versteh die Aufregung vn H. weniger,wer dich kennt,wusste,dass du keine kirche inszenieren wolltest,sondern auf Bildung setzt,die Reaktion fand ich übertrieben,wenn wir keine schauspielerin gehabt hätten,wären auch Boote
    abgesoffen,was schlimm genug ist.
    Man kann sich mit solchen Empörungen auch in Szene setzen,und Bonhoeffer hast du bestimmt nie vergessen oder auf dem Bücherstapel zu weit nach unten gelegt,denn sein Spruch steht schliesslich an unserer Kirchenwand.
    Marina

  2. Liebe Anke, ich war bei dem besagten Gottesdienst dabei und er war wirklich gelungen, trotz aller Unwegsamkeiten durch den Wassereinbruch vom Kirchendach aufgrund eines Gewitters. Ich finde, es ist eine gute Idee, Menschen an der Gottesdienstgestaltung mitwirken zu lassen und es kann doch nur gut sein, dass diese Menschen, die ja keinerlei Erfahrung haben, vor Publikum zu sprechen z.B. durch Schauspielunterricht gefördert werden. Ich selbst mache Lesungen im Gottesdienst und habe auch letztens an so einer Fortbildung teilgenommen und das war gut. Man will ja die Gottesdienstbesucher berühren und ansprechen und da ist die Hilfestellung z.B. einer erfahrenen Schauspielerin sehr hilfreich. Ich meine, das hat nichts mit der Inszenierung eines gefälligen Gottesdienstes zu tun. Ich bewundere Dich aber, liebe Anke, dass Du mit Kritik umgehen kannst, es sogar wie hier in Himmelrauschen publik machst und Dir Gedanken machst. Lass Dir bitte Deine Motivation nicht nehmen, sondern mach bitte weiter so. Es müsste mehr so engagierte Pfarrer wie Dich geben!

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