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Leben heißt wandern

Leben heißt wandern: Das ist mir nach dem Tod meines Mannes ganz deutlich geworden. Bis dahin waren wir gemeinsam unterwegs, in vielen wechselnden Lebenssituationen, auf einmal stand ich alleine an einer großen Kreuzung. Irgendwie stand die Welt still. Es ging nicht mehr weiter. Ich glaube, das kennen viele Menschen in ähnlichen Situationen. Stehenbleiben konnte ich mir nicht leisten. Ich hatte drei Kinder, und zu der Trauer kam die Notwendigkeit, Geld zu verdienen.

Wenn ich bei dem Bild des Wanderns bleibe, dann habe ich in Erinnerung, dass ich oft nur bis zur nächsten Kreuzung ging, um mich dann für eine neue Richtung zu entscheiden. Das Gefühl, geleitet zu werden, hat mich bis heute nicht verlassen. Ohne mein Unterwegssein gäbe es sicher keine Pottlappen, und ich hätte auch nie eine kleine Frühstückspension betrieben. Ganz besonders wichtig in diesen Jahren war auch die Arbeit in der Gemeinde. Ich hatte die Möglichkeit, in eine Richtung zu gehen und sie auch wieder zu verlassen, ohne mich groß erklären zu müssen. Dafür bin ich meinen „Wegbegleitern“ sehr dankbar.

Leben heißt wandern, das ist so! Das kann ich auch ganz konkret an der Familiengeschichte meines Mannes festmachen. In den letzten Monaten sind die Medien voll von Flüchtlingsschicksalen. Diese Schicksale begleiten Menschen seit Urzeiten. Ich bin sicher, dass viele Schonnebecker so etwas erlebt haben. Egal woher sie kamen, Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen, Sudetenland usw., sie mussten sich auf den Weg machen.

Die Familie meines Mannes kam aus Westpreußen, war in Gefangenschaft, mit den Kindern, kam nach Niedersachsen und vor dort nach Schonnebeck. Sie war damals genauso wenig willkommen wie die Flüchtlinge heute. Die Geschichten von Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft und dem Glück, endlich im Westen zu sein, wurden immer wieder erzählt.

Leben heißt wandern, das ist so: 1948 und 2015 und vorher und danach.

Barbara Lange