Dieser Beitrag wurde 998 mal aufgerufen

Gott hat es gesagt… aber wie?

Mit diesem Beitrag starten wir unsere neue Rubrik „Persönliches“: In dieser Kategorie veröffentlichen wir Antworten auf individuelle Fragen, ob zu Glaubensdingen oder zu theologischen Begriffen, die nicht immer leicht verständlich sind. Wenn Sie ebenfalls eine Frage haben und der Meinung sind, dass andere Leser von der Antwort profitieren könnten, freuen wir uns, wenn Sie Ihre Frage per Mail an unsere Redaktionsanschrift info@himmelrauschen.de senden. Sobald uns die Antwort auf Ihre Frage vorliegt, werden wir sie in unserem Blog veröffentlichen.

Die erste Frage lautet:

Warum wird in der Bibel eigentlich oft so leichthin behauptet „Gott hat das so gesagt“, „Gott findet das gut“ oder „Gott hat das so gewollt“? Wie können wir sicher sein, dass das stimmt? Gott selbst hat ja nicht gesprochen – es waren Menschen, die etwas gesagt oder getan haben. Ich habe diese Frage schon lange, habe ich mich aber nie getraut, sie zu stellen. Ich denke, es ist einfach eine Glaubenssache, oder?

Antwort:

Das ist eine sehr wichtige und zentrale theologische Frage. Meine Antwort dazu lautet, dass das, was wir in der Bibel lesen, NICHT als das Tonbandprotokoll einer Rede verstanden werden kann, die Gott vom Himmel herab gehalten hat und die dann jemand wörtlich mitgeschrieben hat. Sondern: Menschen berichten in der Bibel über Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben – und von denen sie glauben, ja bei denen sie gewiss sind, dass sie IN DIESEN IHREN MENSCHLICHEN Erfahrungen AUCH GOTT erfahren haben, zum Beispiel Gottes Nähe, Gottes Weisung, Gottes Zorn.

Weil es sich um die persönliche Deutung persönlicher Erfahrungen im Leben einzelner Menschen handelt, sind auch in der Bibel unterschiedlicher Aspekte von Gott (wie Gott ist, wie er handelt) beschrieben – je nachdem, wie die unterschiedlichen Menschen (die Persönlichkeiten sind ja verschieden) zu unterschiedlichen Zeiten (die Bibel umspannt einen Zeitraum von über 3.000 Jahren) und in unterschiedlichen Kulturen (von Abrahams Nomadenzeit bis ins Römische Reich im 2. Jahrhundert n. Chr.) ihre Erfahrungen deuteten. Das kennen wir ja von uns selbst: Zehn Leute erleben einen Gottesdienst – jeder hat etwas “Anderes” erlebt, denn jedem ist eine andere Frage, ein anderer Aspekt wichtig geworden.

Dann kommt hinzu: Biblische Rede von Gott und auch das, was wir in der Bibel lesen, „wenn Gott redet“ – alles steht immer unter dem „Schatten des Kreuzes”. Und das bedeutet: Es ist eben NICHT eindeutig, kann falsch interpretiert werden, missverstanden, ja missbraucht werden! Warum das so ist? Weil Gott es so GEWOLLT hat! Gott WILL sich in dieser Vieldeutigkeit und Verletzbarkeit offenbaren. Deshalb zeigt er sich in einem Kind in einem Stall, das verwechselt werden kann mit einem Arme-Leute-Balg, oder in einem Wanderprediger, den man mit einem Säufer und Gottlosen-Freund verwechseln konnte. Und deshalb stirbt sein Sohn an einem Kreuz wie ein Verbrecher…

Anke Augustin

2 Gedanken zu „Gott hat es gesagt… aber wie?

  1. Ich gehe auch nicht davon aus, dass das AT in Tonbändern o.Ä. vorliegt. Aber ist das beim NT nicht genau so? Wie erklären Sie das Gläubigen wie auch Zweiflern und Kritikern?
    Auf die Antwort bin ich gespannt.

    • Ja – es ist im Neuen Testament genauso!

      Auch das Zentrum und Fundament unseres Glaubens – Jesus Christus lebt – besteht aus einer ERFAHRUNG, die Menschen gemacht und dann GEDEUTET haben als TAT GOTTES („Gott hat ihn von den Toten auferweckt“), damit auch wir LEBEN dürfen („zur Vergebung unserer Schuld“).

      Die ersten Christinnen und Christen haben die Erfahrung gemacht, dass sie ganz unerwartet ungeahnte Kraft bekommen haben. So viel Kraft, dass sie die Geschichte, die sie mit Jesus erlebt haben, nicht abhaken, ad acta legen, als Verlust buchen mussten… trotz Jesu Tod und ihrer eigenen Angst vor Repressalien und Hohn.

      Sie erlebten vielmehr, dass sie hoffnungsvoll und mutig und mitteilsam wurden – und allen anderen erzählen wollten, was sie erlebt haben! Sie bekamen eine neue Sicht auf das Leben! Sie erkannten: Das Leben siegt! Gott sorgt dafür! Ganz bestimmt! Ganz sicher! Diese Erfahrung beflügelt sie, lässt sie lautstark und aufreizend interessant für viele andere werden – bis heute!

      Die menschlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, dass die Erfahrungen und Deutungen der ersten Christen in die Geschichte Eingang finden würden, waren denkbar schlecht: die meisten der Freunde Jesu zeigten sich eher feige, als Jesus verhaftet wurde, zogen sich resigniert zurück. Die junge Gemeinde erlebte früh Streit, Spaltung, konnte nur schwer die neu hinzugekommenen Mitglieder und ihre fremden Sitten und religiösen Denkmuster integrieren, Diskriminierung und Verfolgung setzten ein, Blut floss.

      Hätten Werbepsychologen die Wahrscheinlichkeit berechnen sollen, dass sich die Botschaft „Jesus lebt“ durch die Jahrtausende mit einer unglaublichen Erfolgsgeschichte ziehen würde – sie hätten sie wohl gegen Null angesetzt!

      Christinnen und Christen deuten dieses Phänomen als Wirken Gottes. Sie erkennen eine liebevoll wirksame Macht hinter allem, was ist. Erleben diese als sinnstiftend für ihr persönliches Leben, als Quelle der Hoffnung und Lebensfreude, erleben Geborgensein und Annahme, trotz ihrer Fehlerhaftigkeit und ihres Scheiterns an Manchem, was sie sich vorgenommen hatten. Sie erleben einen Ort, wohin sie in ihrer Angst und mit all ihren Zweifeln jederzeit fliehen können und getröstet werden. Erleben die Verbundenheit mit anderen, die ähnliche Erfahrungen machen. Fühlen sich verantwortlich für diese Gemeinschaft, deuten sie als von Gott zusammengefügte und aufeinander angewiesene Lebensgemeinschaft. Erkennen sich schließlich eingespannt in den Plan Gottes, das Leben für die ganze Welt zu wollen.

      Von diesen Erfahrungen berichten sie. Berichten in der je eigenen Sprache, in den ihnen je gewohnten und vertrauten kulturellen und religiösen Bildern. Beschreiben, was es ihnen bedeutet, Gott zu vertrauen. Und laden ein, es ihnen nachzutun. So entsteht das Neue Testament.

      Manchmal wünschen wir uns eine „sichere Quelle“ für die Wahrheit und Tragfähigkeit des Glaubens als die Erfahrungen und Lebensdeutungen der (ersten) Christinnen und Christen. Fürwahr, Menschen können sich ja irren. Menschen können sich selbst etwas vormachen. Menschen sind fehlerhaft und begrenzt. Der Glaube steht immer unter dem Risiko der Illusion.

      Die Wahrheit des Glaubens aber sollte felsenfest, unerschütterlich, objektiv und über alle Zweifel erhaben begründet sein!

      Wir wünschen uns manchmal sehr, wir könnten uns – wie einst als ganz ein kleines Kind an die Eltern – anklammern an eine unumstößliche Autorität, die klar regelt, was wahr ist, was sein darf und was zu lassen ist.

      Weil es jedoch Gott gefallen hat, in der Verwechselbarkeit des Menschlichen, in der Vorläufigkeit der begrenzten menschlichen Erkennens sich auszudrücken – ist die einzige Quelle, die uns die Wahrheit über Gott sagt – das von Menschen gemachte Buch, das wir „Bibel“ nennen (schon Paulus hatte mit diesem Thema zu tun, siehe 1. Korinther 1,18ff).

      Darum: Zweifler werden Zweifel behalten, Gläubige haben immerzu auch Zweifel, überhaupt ist Skepsis eine gute Gabe Gottes, denn sie hält wach für unerwartete Erfahrungen, die wir mit Gott machen können, auch im Lesen der alten Erfahrungen, die in der Bibel Niederschlag finden. Glaube ist die „große Krisis“ des Lebens, weshalb die Kritiker ebenfalls hoch willkommen sind unter uns!

      Herzlich,
      Anke Augustin

Kommentare sind geschlossen.