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Du sollst dir kein Bildnis machen?

Heute hat uns erneut eine Frage zum christlichen Glauben erreicht, die wir gern in unserem Blog beantworten – es geht um das Gebot, sich kein Bildnis von Gott zu machen.

Die Frage lautet:

Auf einer Reise nach Italien habe ich in einer Kirche und in einem Kloster zwei Bilder gesehen, die mich verwundert und ratlos gemacht haben. Im Hintergrund war Gott in menschlicher männlicher Gestalt dargestellt und im Vordergrund jeweils der gekreuzigte Jesus. Wie kann es sein, das Gott bildhaft dargestellt ist und dann noch in menschlicher Gestalt? Es heißt doch in den Zehn Geboten: Du sollst Dir kein Bildnis machen!

Antwort:

Der vollständige Text im 2. Buch Mose, Kapitel 20, Verse 2 bis 4a lautet: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

Wie bei vielem, was in der Bibel steht, spielt der Kontext eine große Rolle, in dem dieses Gebot entstanden ist. Es hatte nämlich in erster Linie jene „Kultstandbilder“ im Blick, die es damals vielfach in Israels Umwelt gab; die Geschichte über den „Tanz ums Goldene Kalb” ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Statuen usw. wurden für ein wirkmächtiges Abbild der Gottheit angesehen, vor ihnen wurde geopfert, geschahen Wunder, wurden Orakel eingeholt.

Israels Gott verbietet solche „Stand-Orte“, wo Menschen Gott „festlegen“, „einfangen“ und ihn magisch manipulieren zu können glauben. Jahwe-Gott gibt ja nicht einmal einen „Namen“ an die Hand, der zu ähnlichen falschen „Sicherheiten“ und Zugriffsmöglichkeiten der Menschen auf den lebendigen Gott einlüde.

Israels Gott bleibt unverfügbar, geheimnisvoll, dem Zugriff der Menschen prinzipiell entzogen… Bilder dazu, aus dem Alten Testament: Windhauch, Sturm, Säuseln, Feuersäule.

Israels Gott ist beweglich, er geht den Weg seiner Menschen mit, wohin er auch führt…, und Israels Gott lässt sich bewegen vom menschlichen Schicksalsweg, er lässt sich darauf ein… Er ist nicht prunkvoll, glanzvoll unterwegs, sondern mittendrin im oft schwierigen Geschehen, zum Beispiel im Krieg: Deshalb gibt es kein prunkvoll verziertes, goldenes, riesengroßes „Stand-Bild“, sondern ein transportables Symbol seiner Gegenwart, seinem Volk als Beistand und Trost: die Bundeslade, eine Holzkiste auf Tragestangen.

Wir Menschen können Gott also nicht festlegen auf unsere Wünsche, wir können uns nie zweifelsfrei „sicher“ sein, sondern uns stets nur im Glauben vertrauensvoll auf seine Zusage, seinen Bund der Liebe zu uns verlassen und einlassen – mit allem Risiko der Verzweiflung, Enttäuschung usw. Gottes Nähe zu erleben ist stets eine unverfügbare Gnade und kein verfügbarer Kultus. Das ist der tiefer gehende, theologische Sinn des Bilderverbots.

Im christlichen Mittelalter wurden Bilder, die Gott zeigen – es gibt nur wenige, weil man gerade wegen des alttestamentlichen Bildergebotes sehr vorsichtig mit einer bildlichen Darstellung Gottes war – nie im oben angeführten Sinn des „Kult-Bildes“ verstanden, sondern als pädagogische Maßnahme für das Volk, das das Latein der Messen nicht verstand und auch nicht selbst die Bibel lesen konnte.

Auch Martin Luther hat daran keinen Anstoß genommen. Das aber geschah während der Schweizer Reformation (Zwingli, Calvin, Müntzer), in deren Verlauf ein strenges Bilder- und Malverbot erging. Bilder (auch Darstellungen von Engeln, Heiligen usw.) wurden aus den Kirchen entfernt. Nur noch das „Wort“, der Text der Bibel, sollte als statthaft im Gottesdienstraum gelten. Es kam zum „Bildersturm“, einer gewaltsamen Zerstörung von Kunst.

Anke Augustin