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Dass Friede werde in unseren Herzen

Weihnachten ist ein Fest für unsere Augen. Wir sehen Gott in vielen Bildern – aber an Weihnachten sehen wir, was wir uns kaum zu erhoffen wagen. Was kein Mensch je gesehen hat, wird sichtbar, anfassbar, begreifbar: Gott wird Mensch.

Dabei sind die Blickwinkel der Evangelisten ganz unterschiedlich. Lukas malt andere Bildfolgen als Matthäus. Wer immer sich seitdem ein Bild von der Menschwerdung Gottes gemacht hat, legt Wert darauf, dies ganz nahe in die eigene Umwelt und Zeit hinein zu holen – aus der Geschichte in die Gegenwart. Jedes Krippenspiel versucht das und jede Weihnachtspredigt. Unser Jahr 2015 war reich an Bildern, mehr als einer allein fassen kann. Bilder von Menschen auf der Flucht, an den Grenzen, in Zeltdörfern… und die Bilder der Attentate vom 13. November in Paris.

Welche Bilder schenken da Hoffnung?

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich das Bild der Maria vor mir, die den Gott preist, der nicht auf der Seite der Mächtigen steht. „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht…ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht“ (Dietrich Bonhoeffer).

Dieses Weihnachtsbild fasziniert mich – es hält meine Sehnsucht wach nach einem Leben, das mehr ist als wir sehen und erleben. Mit dieser Hoffnung stehen wir alle an der Weihnachtskrippe. Vor dem Kind, das dem Toben der Gewalt, der Macht der Gewehre und der Bomben widerspricht… Wie auch immer wir gestimmt sind an Heiligabend, was immer uns bewegt, freut, rührt oder auch belastet – genauso wie wir sind, können wir vor der Krippe stehen. Viele haben ihr Vertrauen, dass schon irgendwie alles gut geht, im zurückliegenden Jahr verloren. Die Ankündigung der Geburt des Gotteskindes ist wie ein Stern am Himmel, ein Licht über dieser Welt – ein Licht über unserer Stadt Essen, das sagt:

„Gebt nicht auf, lasst euch nicht entmutigen! Behaltet die Vision im Auge, dass etwas verändert werden kann.“ – so höre ich heute an der Krippe die Stimme der Maria. Sie singt und weiß sich als niedrige Frau erhöht: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist … Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“ (aus Lukas 1,46 ff).

Nicht, dass auf einen Schlag aller Streit und alle Gewalt aus dieser Welt, aus unserer Stadt Essen verschwunden wären, aber wenn ich die Weihnachtsgeschichte höre, dann kann ich spüren, dass hier etwas beginnt, was durch keine Macht der Welt aufzuhalten ist: dass Friede werde in unseren Herzen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern ein friedliches, gesegnetes Weihnachtsfest.

Marion Greve

 

Das Weihnachtswort der Superintendentin gibt es auch als Videoclip im YouTube-Kanal von Evangelisch in Essen.