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Alles nur gespielt?

Lange habe ich mich darüber gewundert, wie arglos auch unter Christen und in der Kirche von den „Rollen“ geredet wird: von der Rolle der Kirche in der Gesellschaft, von der Rolle der Pfarrer in der Kirche, von den Rollen in der Familie: von der Mutterrolle, von der Vaterrolle. Aber: Vater bin ich. Das spiele ich nicht. Ich bliebe selbst dann Vater, wenn ich mich der Rolle verweigern würde.

Dennoch ist das Reden von den Rollen üblich. Es ist ja auch so: Tag für Tag spielen wir unzählige Rollen. Als Kunde oder Kassiererin, Hausbesitzerin oder Mieter, Berater oder Verführer. Besteht also unser Leben aus der Summe unserer Rollen? Wer sind wir, wenn wir keine Rolle spielen?

Viele Rollen ergeben sich von selbst. Andere werden uns zugefügt. Manche werden uns zugetraut. Es gibt sogar angeborene Rollen, wie z.B. bei Kronprinzen. In manche Rollen müssen wir hineinwachsen. Dazu helfen Statussymbole und Titel: Uniformen und Rangabzeichen, Roben, Ornate und Talare, Kittel, Arbeitsanzüge oder Dienstwagen. So ausgestattet fühlen Anfänger sich erst einmal wie Kinder in zu großen Schuhen. Aber nach einiger Zeit sind Person und Rolle nicht mehr zu unterscheiden.

Das finde ich auf den ersten Blick schlecht für die Person. Nach dem zweiten Blick aber denke ich: Vielleicht sind Rollen auch hilfreich. Sie sind wie eingefahrene Spuren. Wir müssen unseren Weg nicht ganz allein suchen und ertasten. Es wäre ja auch eine Überforderung, müssten wir nur von dem leben, was wir selber haben. Wir sind nicht so selbstbestimmt, wie wir glauben.

Also: Ein Mensch, der von seinen Rollen bestimmt wird, muss nicht zwangsläufig so werden, wie seine Umwelt ihn haben will. Er wird auch an dem wachsen, was ihm zugewiesen, vielleicht zugefügt wird, sogar an dem, was ihm zuwider ist. Das Bild von der Rolle kommt ja aus dem Theaterwesen.

Die spannende Frage aber ist: Wer ist der Mensch hinter der Rolle? Vielleicht erkennen wir ihn erst dann, wenn er aus der Rolle fällt, also außer sich ist. Wer ständig nur Rollen spielt, verfehlt sich selbst. Dann wird die Rolle zur Schablone. Sie erstickt das Selbst. Es ist hoffnungsvoll, wenn der Mensch darunter leidet, denn dieses Leiden kann der Beginn der Heilung sein.

Hermann Bollmann

Ein Gedanke zu „Alles nur gespielt?

  1. Ja, unsere Rollen sind notwendig, ohne sie könnten wir kaum leben. Müssten wir in jeder Situation unser Verhalten neu überlegen, wäre unser Alltag nur Stress.
    Komme ich jedoch in eine unbekannte oder schwierige Situation, muss ich in kürzetser Zeit meine Rolle finden. Wichtig erscheint hier die Frage, ob die Rolle dann noch Teil meiner Persönlichkeit ist.
    Dankbar kann sein, wer im „Rollenspiel“ daran denkt, den zu fragen, der uns am Besten kennt: Herr, mein Gott, führe und leite mich jetzt, in diesem Moment. Führe mein Herz und meine Worte. Amen!

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