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Wirf deine Angst in die Luft!

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Wir leben in unsicheren Zeiten. Jede und jeder spürt, wenn die nächste Meldung zur Entwicklung der Corona-Epidemie an uns herantritt: Unsicherheit, Angst und Panik machen sich bei vielen Menschen breit. Leergefegte Regale in den Supermärkten, abgesagte Messen, Großveranstaltungen und stillgelegte Kreuzfahrtschiffe sind ein Zeugnis dafür. Was passiert da gerade mit uns? Eine Viruskrankheit, die in China ausgebrochen ist, hat die übrige Welt erreicht. Es gibt bislang kein Medikament dagegen, nur Maßnahmen der Quarantäne.

Doch bei allen Unwägbarkeiten im Angesicht dieser um sich greifenden Krankheit: Angst gehört zum Leben. Sie ist für sich genommen nützlich und sogar sinnvoll. Ein wichtiges Signal, das uns vor Gefahren warnt und zugleich schützt. Aber sie kann auch krank machen. Das ist bei rund 15 Prozent der Bevölkerung der Fall. Die Übergänge zwischen Phobien, unkontrollierbarem Sich-Sorgen und einer alltäglichen Angst, sind durchaus fließend. Angststörungen gehören in Deutschland zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Angst macht Menschen unsicher. Daraus wiederum folgt, dass Menschen die Zukunft pessimistisch einschätzen. Kein Wunder, dass sich angesichts der aktuellen Herausforderungen die Spirale der Angst weiterdreht.

Angst ist auch ein Thema, das uns in der Bibel in vielfältiger Weise begegnet, etwa in dem Zuspruch „Fürchtet euch nicht!“. Ein Vers mit Signalcharakter. Es ist vielleicht kein Zufall, dass dieser exakt 365 Mal in der Bibel vorkommt. Eine Dosis Ermutigung für jeden Tag des Kalenderjahres. Und eine Beruhigung, die ich mir nicht selbst zusprechen kann, sondern mir sagen lassen muss.

Der Apostel Paulus schreibt im 2. Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 7: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Paulus setzt der Furcht, der Verzagtheit und der Mutlosigkeit drei Gaben entgegen: Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Kraft bedeutet nicht Kraftmeierei oder Überlegenheit. Das griechische Wort für Kraft heißt „dynamis“. Der Geist, von dem Paulus spricht, ist eine Kraft, die motiviert, in Bewegung setzt. Da kommt Dynamik ins Spiel! Keine Abwärtsspirale, sondern Engagement, das voranbringt: Aufbruch-Stimmung. Doch es gibt sie, die Menschen, die von diesem Geist der Kraft angetrieben werden. Ich entdecke sie in allen Berufen. Zum Beispiel in der täglichen Pflege an kranken Menschen. Nicht zu vergessen alle jene, die ehrenamtlich in Tafeln Essen für Bedürftige ausgeben, oder sich um Geflüchtete kümmern. Die „Fridays for Future“ haben das Bewusstsein geschärft, dass jede und jeder etwas tun kann und auch tun muss. Der Geist der Furcht hingegen lässt keine Anstrengung aus, Menschen zu demotivieren, sie zur Aufgabe zu zwingen, ihren Einsatz als Gutmenschentum zu diffamieren.

Neben dem Geist der Kraft braucht es auch den Geist der Liebe. Der Geist der Liebe gibt jedem Menschen seine Würde und macht eine Gesellschaft so erst lebenswert. Er öffnet den Blick für die Bedürfnisse der Nächsten und des Nächsten. Er befreit von der Gier, für sich selbst nicht genug bekommen zu können. Was ohne die Liebe erledigt wird, kann nur schief gehen, wie es der chinesische Philosoph Laotse so auf den Punkt gebracht hat: „Pflicht ohne Liebe macht verdrießlich, Verantwortung ohne Liebe rücksichtslos; Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart, Freundlichkeit ohne Liebe heuchlerisch; Klugheit ohne Liebe macht grausam, Ordnung ohne Liebe kleinlich; Besitz ohne Liebe macht geizig, Ehre ohne Liebe hochmütig; Glaube ohne Liebe macht fanatisch.“ Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos.

Neben dem Geist der Kraft und der Liebe nennt Paulus noch den Geist der Besonnenheit. Dieser wird aktuell in unserer Gesellschaft am dringendsten gebraucht. Mit anderen Worten: Es geht darum, umsichtig, vernünftig, ruhig, gelassen zu handeln. Gerade jetzt in dieser Situation der Epidemie. Und wo, bitte, bleibt die Besonnenheit, wenn Menschen, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, alle Nachrichten teilen, die sie bekommen, auch den größten Unsinn? Besonnenheit lässt Menschen klug handeln.

Kraft, Liebe und Besonnenheit, wer so handelt, ist mutig. Wie geht das? Die Lyrikerin Rose Ausländer hat es in einem Gedicht beschrieben, wie es möglich wird, die Angst zu überwinden. Ihr simpler Rat: „Wirf deine Angst in die Luft“. Für mich heißt das: Geh spielerisch mit ihr um. Lass dich von deiner Angst nicht gefangen nehmen. Es bedeutet aber auch: Zieh dich nicht zurück, schließ dich nicht ein, sei großzügig. Selbstbewusstsein ist nötig, um gegen den Geist der Furcht bestehen zu können.

Der Glaube bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben. Aber nicht der Angst gehört das letzte Wort, sondern der Ermutigung. Ich bin meiner Angst nicht hilflos ausgeliefert. Vieles im Leben, in der Welt, ist buchstäblich zum Fürchten. Aber Gottvertrauen ist eine Gegenkraft, die zum Leben hilft.

Werner Sonnenberg