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Wie ich über Gottes Gebote denke | In Zeiten von Corona #21

Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre. (Hosea 8,12) – Jesus spricht: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. (Johannes 18,37) | Herrnhuter Tageslosung für den 6. April 2020

Die furchtbarste Geschichte der Bibel ist die, in der Gott dem Abraham gebietet, seinen Sohn zu töten. Ein Gehorsamsakt wird gefordert – als Glaubensprüfung. So wurde mir diese Grausamkeit Gottes erklärt, die alle unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wo Gott befiehlt, da haben wir zu gehorchen. Basta. Eine andere Wahl haben wir nicht, wenn wir Gott gefallen wollen, und das wollen wir doch, nicht wahr? Den Kindern Gottes bleibt eben keine Option außer Folge zu leisten, wenn der himmlische Vater seine Stimme zum Gebot erhebt.

Für Isaak und Abraham und auch für Sarah, die Mutter des Isaak, ging die Geschichte insoweit gut aus, als dass Gott nach bestandener Prüfung sein Ansinnen zurückzog und Vater und Sohn unversehrt nach Hause zurückkehren konnten. Immerhin aber hatte diese Eskapade Gottes einem Widder das Leben gekostet. Ganz abgesehen von der Empörung darüber, dass Gott anscheinend in der Lage ist, menschliche Gefühle bis ins Unerträgliche zu strapazieren, um einmal auszutesten, ob eine*r auch brav ist.

Welche Stimme auch immer Abraham gehört haben will, als die Idee von ihm Besitz nahm, seinen Sohn töten zu müssen – ich weigere mich zu akzeptieren, dass es Gottes Stimme war.

Bei aller Bereitschaft, Ambivalenzen in meinem Gottesbild zu tolerieren, diese Vorstellung halte ich nicht aus. Ich will mir vorstellen, dass es in dieser Geschichte nur einmal die Stimme Gottes zu hören gibt, nämlich da, wo Gott in Panik nach einem Engel ruft, damit der dem Abraham in den Arm greife und das Messer entwende, das der schon an der Kehle seines Sohnes angesetzt hatte. Unerträglich ist in diesem Zusammenhang aber, dass Gott seine Stimme nicht vom Himmel hat erschallen lassen, als Jiftach bereit war, in verblendetem Gehorsam gegen sein eigenes Gelübde seine Tochter zu opfern. Das Mädchen bezahlte den Wahnsinn ihres Vaters und die Stimmlosigkeit Gottes mit ihrem Leben.

Die Kirche hat eine lange Tradition des Gehorsams. Immer in diesem Tenor: Glaubensakt ist Gehorsamsakt. Wie sich das rechtlose Kind der Antike dem pater familias und wie sich der Sklave seinem Besitzer total zu unterwerfen haben – so soll es auch zwischen Gott und Mensch sein. Man kann nur entweder Sklave der Sünde sein oder Sklave des Gehorsams gegen Christus, meint Paulus. Später sollen die Frommen im Lande der Moral der Glaubensbotschaft so willig folgen, wie das unmündige Kind dem um sein Wohl bedachten Hausvater blind vertraut, denn nur das kann sie davor schützen, den sündigen Begierden des Leibes zu verfallen. Christlich erzogene Nazi-Größen wie Rudolf Höß und Adolf Eichmann werden ihre Untaten damit verteidigen, dass sie sich, gehorsam auch der Heiligen Schrift gegenüber, der Obrigkeit untergeordnet haben. In einem wichtigen theologischen Lexikon heißt es noch in der Ausgabe aus dem Jahr 2000 lapidar: „Im Gehorsam kommt die Grundhaltung des Menschen gegenüber Gott zum Ausdruck.“

Zwischenfrage, Vorbehalte, Einschränkungen, kritische Rückfragen zu dem Befohlenen sind hier nicht vorgesehen. Auffällig ist auch, dass das, was als unbedingten Gehorsam forderndes göttliches Gebot identifiziert wird, sich gut in die jeweilige Zeit einpasst. Es scheint im Durcheinander der Stimmen, die von uns Gehör verlangen, gar nicht so einfach zu sein, Gottes Originalstimme herauszuhören. Also: welches Gebot darf wahrhaftig beanspruchen, der Lebensordnung des Ewigen zu entstammen?

Fundamentalisten aller Zeiten haben einen Ausweg in der Beachtung des Wortlauts der Heiligen Schrift gesucht. Die Amish leben deshalb wie im 17.Jahhundert, sitzen aber gerade damit dem Zeitgeist auf. Soll die Tatsache, dass Abraham und die Ahnväter des Ersten Testaments im Auftrag Gottes viele Frauen hatten, dazu führen, dass Polyamorie verbindliche Familienform für uns wird? Wollen wir wirklich hinter die humanitären Errungenschaften unserer Zeit zurückfallen und die auch in der Bibel angeordnete Todesstrafe wieder einführen? All das ist absurd.

Wir stellen fest: die Beziehungsmuster, die in den biblischen Schriften auf dem Hintergrund patriarchalischer und feudaler Gesellschaftsverhältnisse überliefert sind, passen für uns heute nicht mehr. Entsprechend kann in ihnen Glaube nicht mehr sinnvoll mit Gehorsam in Verbindung gebracht werden. Für uns heute geht es im Verhältnis von Eltern zu Kindern primär um Beziehung, weniger um Erziehung. Nicht mehr Gehorsam und Unterordnung gelten als wünschenswerte pädagogische Ziele, sondern Selbstständigkeit, Flexibilität, Kreativität und die Entwicklung von Selbstwertgefühl. Demokratie statt Autorität ist der Leitwert; die Einfühlung ist in unserer Welt – mit ihrem so hohen Wandlungstempo – zum Überleben wichtiger als das Beharren.

Wie unsere Gesellschaft sich modernisiert hat, so muss das auch für unseren Glaubensgehorsam gelten. Als erstes sollte der oben erwähnte Lexikonartikel, mit dem sich auch unsere angehenden Theolog*innen informieren, verändert werden. Da sollte stehen: „Im Vertrauen und in einer kritischen Auseinandersetzung kommt die Grundhaltung des Menschen zu Gott zum Ausdruck.“

Als nächstes sollten wir dankbar sein, dass Gott uns hat entdecken lassen, dass wir mehr Potential haben als nur Befehlsempfänger*innen zu sein. Der Sozialpsychologe Stanley Milgram hat in seinen Experimenten gezeigt, wie leicht man Proband*innen dazu bringen kann, andere zu quälen und zu foltern, wenn diese meinen, den Anordnungen übergeordneter Personen gehorchen zu müssen. Hier ist es gut, zu wissen, dass Gott uns befähigt hat, ihm mehr gehorchen zu können als den Menschen. Schließlich sollte die Strafangst vor Gott als neurotische Folge demütigender religiöser Erziehung entlarvt werden. Auch Gott, der gnädig ist im Gericht, wird erleichtert sein, wenn das endlich klargestellt ist.

Wahrscheinlich hätten meine Ausführungen hier geendet – gäbe es nicht den Ausspruch Dietrich Bonhoeffers: „Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.“ Bonhoeffers Lebenszeugnis beweist, dass man Glaube und Gehorsam anders miteinander verbinden kann als zum vermeintlichen Befehlsnotstand. So gibt es in der Tat eine Stimme, die von Gott her unmissverständlich ausgeht und unbedingte Anerkennung erwartet.

Es ist die Stimme Jesu, der den Opfern seiner Zeit Würde zusprach und das Gebot erließ, selbst seinen Feind*innen gegenüber menschlich zu bleiben. Der Frieden und Gerechtigkeit zu Parolen des Lebens machte und Barmherzigkeit als die einzig stimmige Lebensform erklärte. Bonhoeffer hat den Ruf zum Glaubensgehorsam in seiner Zeit gehört und dem Sonnenrad in die Speichen gegriffen, das die Zeitgenoss*innen zermalmte- was er mit dem Leben bezahlte.

Bonhoeffer hat die gleiche Bibel gelesen wie Höß und Eichmann – völlig anders war nur seine Fantasie über den Willen Gottes. Nicht die Unterwerfung unter vermeintlich natürliche Ordnungen, sondern deren Überwindung in ein Leben für alle, in dem nicht mehr gilt Grieche oder Jude, Mann oder Frau, Sklave oder Freier – das erkannte er als die Ansage Gottes. Warum bin ich sicher, dass Bonhoeffer das Richtige lehrt? Weil es Jesu Vision ist, die hier ausgesprochen wird.

Seit seiner Taufe im Jordan, als der Himmel aufriss und er die Engel Gottes sah und SEINE Stimme hörte, wusste sich Jesus berufen, die Herrschaft des menschenfreundlichen Gottes zu verkünden. Jesus lebte fortan als der gehorsame Sohn seines himmlischen Vaters. Gehorsam bis in den Tod, damit sich bewahrheiten würde, dass alles, was er getan und gesagt hatten, dem Willen Gottes entsprach. Ostern feiern wir, dass Gott Jesus zugestimmt hat. Seitdem ist klar, dass die Idee, der wir uns ergeben sollten, der Einsatz für ein Leben in Fülle und Weite und Lebendigkeit für alle Geschöpfe Gottes ist.

Die Barmer Theologische Erklärung, auf die in unserer Kirche alle Amtsträger*innen verpflichtet werden, bespricht den kräftigen Anspruch Gottes auf unser Leben als Geschenk der Freiheit. Welche widergöttlichen Mächte es sind, von der wir durch den Glaubensgehorsam befreit werden – das müssen wir immerzu neu herausfinden.

Jede Zeit hat da in Anhörung der Vielstimmigkeit ihrer Gegenwart ihre eigenen Lehren zum Willen Gottes zu formulieren. Kriterium sollte sein, was den Geschöpfen Gottes dient – so nochmals die Barmer Erklärung. Vielleicht hilft hier bei der Einschätzung das Werk des großen russischen Dichters und Humanisten Leo Tolstoi mit dem Titel „Herr und Knecht“: es preist die Macht der Mitmenschlichkeit.

In Zeiten von Corona kann man meines Erachtens schnell herausfinden, was das Gebot der Stunde ist, dem unbedingt Folge zu leisten ist: zuhause zu bleiben.

Bleiben Sie alle gut behütet.

Anke Augustin